Watchmen #1: At Midnight, all the Agents …

watchmen 1 cover

DC Comics

Ein Smiley-Button, bespritzt und umspült von Blut – das ist das erste Bild von Watchmen, bereits zu sehen auf dem Cover. Es ist ein Detail, das sowohl zurückweist auf die Vergangenheit, als Symbol des Comedian, als auch auf die Zukunft, in der es zum Symbol der gesamten Serie wird, auch abstrahiert als Kreis, der sich in den vielen Uhren, nicht zuletzt der Doomsday Clock, der Weltuntergangsuhr wiederfindet: Der Blutspritzer wird zum Uhrzeiger. Am Ende schließt sich dieser Kreis, wenn im letzten Bild ein Ketchup-Spritzer auf den Smiley fällt und gleichzeitig den Beginn eines neuen Kreislaufs andeutet.

Hier aber stellt das Bild ein Paradoxon dar: Einerseits das fröhliche Gesicht, knallgelb wie eine lachende Sonne, andererseits das Blut, das nichts Gutes verheißt. Obwohl der Button des Comedian umgeben ist davon, ist die Vorderseite selbst nur gering besudelt. Es ist ein böses Omen einer noch viel größeren Katastrophe.

Die Handlung setzt ein am 12. Oktober 1985. Der 12. Oktober ist der Tag der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492. An diesem Tag im Jahr 1984 verübte die IRA auch den Bombenanschlag im Grand Hotel in Brighton, der Margaret Thatcher galt und bei dem fünf Menschen getötet und 31 weitere verletzt wurden. Das Amerika, das hier fast 500 Jahre später besichtigt wird, ist alles andere als eine Neue Welt – es ist eine verkommene, die am Ende steht.

„The End is nigh“

Jedenfalls für den Erzähler Rorschach. Wir lesen in seinem Tagebuch. Er ist ein genauer Beobachter des Alltags, in dem ihm die Details fürs große Ganze stehen. Das erste, was er erwähnt, ist ein totgefahrener Hund. Die Stadt habe Angst vor ihm, er habe ihr wahres Gesicht gesehen. Das Gesicht im ersten Panel ist der blutige Smiley-Button im Rinnstein. Dadurch bekommt das Symbol etwas Abgründiges: Die Straßen seien erweiterte Rinnsteine voller Blut und wenn sie überfließen, werde das Ungeziefer ertrinken – gemeint sind Menschen.

Watchmen #1: Button

Watchmen #1, Seite 1, Reihe 1 (DC Comics)

Rorschach verurteilt die moralische Verkommenheit, Sex und Mord, Prostituierte und Politiker. Er lehnt die Rettung für sie ab. „They had a choice, all of them. They could have followed in the footsteps of good men like my father, or President Truman. Decent men, who believed in a day’s work for a day’s pay.“ Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass der der gelbe Smiley 1963 vom Grafiker Harry Ross Ball ursprünglich für ein Versicherungsunternehmen entworfen wurde, um die Arbeitsmoral der Angestellten zu steigern.

Watchmen #1, Seite 1, Reihe 2 (DC Comics)

So sehr Rorschach den Demokraten Truman verehrt, so sehr lehnt er den Kommunismus, Liberale, Intellektuelle und „smooth-talkers“ ab. Die Welt stehe am Abgrund, erfahren wir. „The End is nigh“ lautet die Schrift auf dem Schild, das Walter Kovacs vor sich hin trägt, während er durch das Blut geht, das gerade vom Bürgersteig gespült wird. (Erst später erfahren wir, dass er Rorschach ist.) Kovacs hinterlässt blutige Fußspuren – und tatsächlich liest man auf Seite 4, dass er zweier Morde beschuldigt wird. Sein Pfad wird blutig bleiben – bis hin zu seinem eigenen blutigen Ende. (Gleichzeitig fährt ein Laster von Pyramid Deliveries vorbei, wie man an dem kreisförmigen Symbol mit dem Dreieck darin erkennen kann. Der Kreis löst den des Buttons ab. Zugleich liegt darin ein Hinweis auf den Täter: Adrian Veidt alias Ozymandias.)

In den ersten sieben Panels der ersten Seite entfernt sich der Blick vom Nahen (dem Button) in die Höhe, wir steigen  auf zu dem zerbrochenen Fenster im Apartment von Edward Blake, dem Comedian. Dort steht ein Polizist und schaut hinab auf die Straße. Er nimmt die Position ein, die Rorschach in seinem Tagebuch soeben beschrieben hat: das Hinabschauen am Abgrund. (Die Kreisform von Button und dem Symbol auf dem Laster wird von der Tonsur auf dem Hinterkopf des Mannes aufgegriffen, die drei Kreise bilden eine gerade Linie quer durch die Seite.)

Watchmen #1, Seite 1, Reihe 3 (DC Comics)

Blake wurde ermordet, durch das Fenster auf die Straße hinabgeworfen. Die beiden Ermittler spekulieren, dass mindestens zwei Männer Blake umgebracht haben müssen und dass es mehr als nur ein Raubüberfall gewesen ist. Parallel dazu sehen wir, wie nur ein unbekannter Mann Blake zusammenschlägt und durchs Fenster wirft. Während die Polizisten sich vom Fahrstuhl wieder abwärts befördern lassen, sehen wir parallel Blake beim Fall zu.

watchmen: edward blake

Edward Blakes letzter Flug: abwärts. (DC Comics)

Die Polizisten wollen nicht viel Aufhebens um den Fall machen, um keine Aufmerksamkeit von maskierten Rächern zu erregen. Wir erfahren, dass seit dem Keene Act von 1977 nur von der Regierung genehmigte Superhelden aktiv sein dürfen, aber nur Rorschach sich daran nicht hält.

Hardboiled Rorschach

Auf Seite 5 sehen wir Rorschach erstmals im Kostüm: ein schlanker Mann mit Fedora-Hut, Trenchcoat und Nadelstreifenhose. Dazu trägt er eine weiße Maske mit einem symmetrischen Muster aus schwarzen Flecken. Das Schwarz-Weiß repräsentiert sein radikales Weltbild und seine Moralvorstellung: „Because there is good and there is evil, and evil must be punished. Even in the face of Armageddon I shall not compromise in this“, schreibt Rorschach auf Seite 24.

watchmen: rorschach

Rorschach in Blakes Apartment (DC Comics)

Aber das Muster ändert sich ständig – daher auch sein Name, der sich auf den Rorschach-Test bezieht. Dieser Test, bei dem die Patienten in willkürliche Muster ihre Assoziationen projizieren, ist heute umstritten. Kurz gesagt: Man sieht darin, was man sehen will – und das ist symptomatisch für die Figur.

Rorschach entdeckt das Comedian-Kostüm. (DC Comics)

Rorschach tritt auf als ein Hardboiled Detective: Nachts erscheint er noch einmal am Tatort, hebt den Button auf, zieht sich dann wie Batman an einem Haken zu Blakes Apartment hoch und untersucht den Tatort. Anders als die Polizisten findet er im Schrank ein Geheimversteck, in dem ein Kostüm und Waffen lagern. Er findet heraus, dass Blake der Comedian war.

Rorschach breitet das Kostüm des Comedias aus. (DC Comics)

Er breitet das Kostüm auf dem Boden aus – eine leere Hülle, die für immer leer bleiben wird. Der Comedian erscheint als Leerstelle. Wir sehen nie Blakes Leiche. (Nur von Rorschach erfahren wir, dass Blakes Kopf auf der Straße in dessen Bauch gedrückt wurde.) Aber dadurch wird auch der Superheld zur leeren Hülle ohne einen Menschen, der ihn ausfüllt, was im zweiten Heft deutlich wird.

Helden ohne Kostüme

In der Folge sucht Rorschach seine ehemaligen Mitstreiter auf, um ihnen zu sagen, was er herausgefunden hat und um sie zu warnen. So werden die weiteren Figuren eingeführt: Daniel Dreiberg (Nite-Owl), Adrian Veidt (Ozymandias), Jon Osterman (Dr. Manhattan) und Laurie Juspeczyk (Silk Spectre). Rorschach vermutet eine Verschwörung, dass es jemand auf Superhelden abgesehen haben könnte. Er wird nicht ernst genommen, sondern weggeschickt.

Daniel Dreiberg neben seinem Nite-Owl-Kostüm. (DC Comics)

Bis auf Jon haben sich alle aus dem Superhelden-Geschäft zurückgezogen, nur er arbeitet noch für die Regierung, lebt mit Laurie zusammen. Wie bei Blake sieht man die anderen nur getrennt von ihren Kostümen: Nite-Owls Montur hängt in einer Vitrine, Ozymandias gibt es nur noch als Spielzeugfigur. Lauries Kostüm ist nicht zu sehen, sie beschreibt es nur und macht es lächerlich.

Wasserstoff-Atom als Symbol: Dr. Manhattan. (DC Comics)

Nur Jon ist als Superheld zu sehen, aber auch nur, weil er kein Kostüm trägt. Er braucht keins. Der blaue, allmächtige Übermensch ist nackt – und damit neben Rorschach als einziger er selbst, indem er in seiner Rolle aufgeht. Er trägt als Erkennungszeichen ein Symbol auf dem Kopf: ein Wasserstoff-Atom, wie man später erfährt. Wie beim Comedian ist es kreisförmig, und das Elektron, das um das Proton kreist, beschreibt eine zirkuläre Wiederholung. Sieht man das Symbol analog zum Zifferblatt der Doomsday Clock, steht das Proton bereits auf der Zwölf, was auf die Gefahr hindeutet, die von Dr. Manhattan ausgeht.

watchmen: ozymandias

Adrian Veidt und seine Ozymandias-Figuren (DC Comics)

Von Laurie erfahren wir, dass Blake ein fragwürdiger Charakter war: Er habe versucht, Lauries Mutter Sally (Jupiter) zu vergewaltigen. Rorschach zeigt sich unbeeindruckt: „I’m not here to speculate on the moral lapses of men who died in their country’s service.“ (S. 21) Hier zeigt sich, dass auch Rorschachs ultrarechte Schwarz-Weiß-Moral fluide ist wie seine Maske. Er blendet alles aus, was nicht in sein Weltbild passt. Blake ist für ihn ein Held, der Anerkennung verdient. Sein Tod muss aufgeklärt werden, auch wenn bald durch Atombomben Millionen Menschen sterben könnten. „Nobody cares but me.“ Dafür zieht er auch in die Unterwelt und foltert einen Mann in einer Bar, indem er ihm zwei Finger bricht, um herauszufinden, wer den Comedian umgebracht hat. Rorschach findet nichts heraus, was ihn aber nicht stört. Der Zweck heiligt die Mittel.

Hierauf spielt das Bob Dylan-Zitat aus „Desolation Row“ an, mit dem die Geschichte endet:

„At midnight, all the agents and superhuman crew go out and round up everyone who knows more than they do.“

Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Warnung vor dem Weltende („The End is nigh“) ambig: Rorschach sieht die Welt vor die Hunde gehen, er will keine Rettung für die moralisch Gefallenen, aber trotzdem ist sie ihm nicht egal. Er will eine Ungerechtigkeit rächen, auch wenn sie den Tod nicht ungeschehen macht und am Ende alles umsonst gewesen sein könnte.

Nichts zu lachen ohne den Comedian

Am Ende verabreden sich Laurie und Daniel zum Essen, nachdem sie sich jahrelang nicht gesehen haben. Es wird angedeutet, dass Laurie unglücklich ist, allein mit Jon auf einer Militärbasis zu leben, der offenbar sehr mit seinen Aufgaben beschäftigt ist. Als einzige ist sie froh, das Superheldendasein hinter sich gelassen zu haben.

Laurie und Daniel beim Date: Watchmen #1, Seite 26 (DC Comics)

Die letzte Seite spiegelt die erste: Daniel legt den Button des Comedian, den er von Rorschach hat, auf eine Steinbrüstung und während sich die beiden über Captain Carnage unterhalten (einen Masochisten), zoomen wir mit jedem Bild weiter hinaus. Als Daniel erzählt, dass Rorschach Captain Carnage einen Fahrstuhlschacht hinabgestoßen hat, brechen beide in Gelächter aus – obwohl sie sich dessen bewusst sind, dass es nicht witzig ist. „There don’t seem to be so many laughs around these days“, sagt Laurie. Und Daniel entgegnet: „Well, what do you expect? The Comedian is dead.“

Die Sequenz zeigt die ganze Ambiguität der Situation: Rorschach wird als skrupelloser Mörder bestätigt, der selbst das getan hat, was er jetzt für Blake sühnen möchte. Mord ist nicht witzig, aber trotzdem lachen die beiden – weil sie sonst nicht viel zu lachen haben. Wir entfernen uns von den Figuren, wir gehen auf Distanz, während sie den moralischen Tiefpunkt erreichen. Aber wir sehen auch, dass sie auf dem Dach eines Hochhauses stehen, also nicht ganz unten angekommen sind. Es sind zwei Menschen zwischen den Sphären des Abgehoben-Göttlichen, das Dr. Manhattan repräsentiert, und der Gosse, die man am Anfang sieht. Es bleibt offen, wer über ihnen steht: Es könnte Adrian Veidt sein, der von seinem Hochhaus auf sie herabschaut, aber auch Dr. Manhattan. Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit – und die hängt mit dem Titel zusammen.

Wer überwacht die Wächter?

Der Begriff der Watchmen taucht in der ersten Ausgabe nur einmal auf Seite 9 auf. Ein Grafitti, der nur halb zu sehen ist, lautet: „Who watches the Watchmen?“ Ein Zitat aus den Satiren des Juvenal (Satire 6, 347 f.), das auf den Sittenverfall anspielt. Geht es dort um die Frauen, die ihre Hüter verführen, die von den Ehemännern bestellt worden sind, sind hier die Helden gemeint. Niemand beaufsichtigt sie, selbst die staatlich legitimierten Helden unterstehen niemandem und können handeln, ohne Konsequenzen zu befürchten. Sie nehmen sich eine Position heraus, die über den Dingen schwebt, als wären sie selbst kein Teil der Welt.

Auf der letzten Seite wird deutlich, dass die Leser selbst diese Perspektive einnehmen: Sie sind es, die die Wächter beobachten. Sie erfahren immer mehr über sie, aber sie haben keine Kontrolle über sie. Wir sind nur zum Zusehen verdammt. Unser Urteil über sie bleibt ohne Wirkung.

>> Watchmen-Bibliografie

11 Gedanken zu “Watchmen #1: At Midnight, all the Agents …

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