Watchmen #3: The Judge of All the Earth

watchmen #3 cover

DC Comics

Was Watchmen so faszinierend macht, ist unter anderem die Dichte. Stets passieren mehrere Ereignisse gleichzeitig, sowohl im Panel als auch auf der Seite. Man liest also nie nur eine Geschichte, sondern mehrere Erzählstränge, die mal einander überschneiden und mal nebeneinander herlaufen. Das liegt zum einen daran, dass wir nicht nur einen, sondern sechs Protagonisten haben. Und als wären die vielen Perspektiven nicht genug, führt Alan Moore noch The Tales of Black Freighter, einen Comic im Comic ein, der das Hauptgeschehen spiegelt und kommentiert.

Das dritte Kapitel beginnt mit einem Warnzeichen, dem Symbol für Radioaktivität, auf gelbem Grund, natürlich ein Verweis auf den gelben Smiley auf dem ersten Cover. Wir sehen in Nahaufnahme einen Schriftzug, auf dem „Fallout Shelter“ steht, aber die Schrift ist abgeschnitten und aufsteigender Rauch verdeckt einige Buchstaben, sodass man auch „ALL (OUT) HEL(L)“ oder auch „ALL HELTER“ lesen könnte, was an den Ausdruck „helter-skelter“ erinnert, was zum einen eine spiralförmige Rutsche auf einem Jahrmarkt ist, zum anderen ein lauter Rock-Song der Beatles, in der dieses Auf-und-Ab beschrieben wird:

When I get to the bottom I go back to the top of the slide
Where I stop and I turn and I go for a ride
Till I get to the bottom and I see you again

Dieses Auf und Ab der Perspektive war bereits in Watchmen #1 visualisiert. „Helter-skelter“ meint ursprünglich Chaos: „in confused, disorderly haste“ – und zumindest das passt zum Bild. (Der Song soll Charles Manson zum Mord inspiriert haben.) Und in dieser Ausgabe bricht tatsächlich das Chaos aus.

Watchmen #3

Watchmen: Fallout Shelter & Black Freighter.

Erst auf dem zweiten Panel der ersten Seite liest man „Fallout Shelter“.  Ein Arbeiter der Stadt New York bringt das Schild an einer Hauswand an – er hat noch viele davon auf seinem Laster. Man rechnet mit dem Schlimmsten: Die Stadt bereitet sich auf einen nuklearen Angriff vor. (Zufällig hat die Stadt einen Apfel als Logo – analog zu Big Apple –, was aber auch das Logo des Beatles-Labels Apple war.)

Während das passiert, und wir wieder rauszoomen, lesen wir zwei verschiedene Texte: Zum einen die Captions aus dem Black-Freighter-Comic, den der Junge am Zeitungsstand liest, zum anderen den Monolog des Zeitungsverkäufers, der neben dem Jungen sitzt und Selbstgespräche führt. Im Black Freigher heißt es:

„Delirious, I saw that hell-bound ship′s black sails against the yellow Indies sky, and knew again the stench of powder, and men’s brains, and war.“

Nicht zufällig ist von „hell“ die Rede, von den Farben schwarz und gelb. Selbst der Geruch von Schwarzpulver könnte von dem Rauch auf dem Cover stammen. Auf der ersten Seite ist noch nicht klar, was für eine Geschichte wir da (mit)lesen und wie sie mit der Handlung zusammenhängt, aber die Parallelen sind bereits klar.

„We oughtta nuke Russia, and let God sort it out“, sagt eine Stimme aus dem Off. „I mean, I see the signs, read the headlines, look things inna face, y′know?“ Erst im dritten Panel gibt sich die Stimme als Zeitungsverkäufer zu erkennen. Er nennt seinen Beruf, um seine Kompetenz zu beweisen: „I′m informed on the situation! We oughtta nuke ′em till they glow!“

Watchmen: Zeitungsverkäufer und Comicleser.

Der Zeitungsverkäufer als Richter der Welt. (DC Comics)

Parallel dazu der Held aus Black Freighter:

The heads nailed to its prow looked down, those with eyes; gull-eaten, salt-caked, liplessly mouthing, ‚No use! All′s lost!‘ The waves about me were scarlet, foaming, horribly warm, yet still the freighter’s hideous crew called out, ‚More blood! More blood!'“

Die Aggression der Crew spiegelt sich in der Rede des Zeitungsverkäufers. Beide, der Verkäufer und der Held des Comics überlassen sich dem Urteil Gottes, der im Titel am Fuß der Seite als „Judge of all the earth“ bezeichnet wird, eine Kurzform des Bibel-Zitats, das am Ende steht:

„Shall not the Judge of all the Earth do right?“
Genesis, chapter 18, verse 25.

An dieser Stelle versucht Abraham, Gott umzustimmen, die verkommenen Städte Sodom und Gomorra nicht zu vernichten. Er stimmt ihn zumindest milde: Gott verspricht, dass er die Städte verschonen werde, wenn sich nur zehn Gerechte darin finden – aber das passiert nicht. Damit ist bereits das Unheil vorausgedeutet, vor dem das Schild warnt.

Aber es ist auch ein Kommentar zum Zeitungsverkäufer, der sein Urteil bereits gesprochen hat: Die Russen sollen dran glauben. Besser die als wir. Er begründet das nicht mit einem Argument für den Massenmord, sondern behauptet nur, das beurteilen zu können, weil er Zeitungsverkäufer – und damit bestens informiert sei. Moral interessiert ihn nicht, das Urteil darüber sei allein Gott überlassen.

Der tragische Held aus dem Black Freighter wird zur moralischen Instanz. Er ist entsetzt über das Massaker, dass die Piraten angerichtet haben. Der Black Freighter wird, analog zur Farbe des Symbols für radioaktive Strahlung, zur Allegorie für den drohenden Nuklearkrieg und das Massensterben.

Wenn der Zeitungsverkäufer von seiner „final analysis“ spricht, erzählt der Comicheld von „dead men and the pieces of dead men“ – Analyse wird hier wörtlich genommen. Wenn der eine davon spricht, Informationen per Titelseiten zu absorbieren, ist im Comic die Rede davon, wie Vögel einer Leiche Gedanken und Erinnerungen auffressen. Wenn der Händler sagt, dass er mehr Zeitungen durch Katastrophen verkauft, heißt es im Comic: „Reader, take comfort from this: In hell, at least the gulls are contented.“ – Tod und Unheil zieht die Aasfresser an. Ein Trost ist das nicht.

Der Verkäufer behauptet, sich der Realität zu stellen, der Held wäre lieber blind, weil er die Umstände nicht ertragen kann. Dann wechselt die Allegorie die Zuständigkeit: Der Comicheld findet Trost und Halt in einer Galionsfigur mit verbundenden Augen – und damit leitet er über zu Dr. Manhattan, für den Laurie den Halt in der Menschheit bzw. Menschlichkeit bietet. Jedenfalls noch. Wieder wird Laurie (wie schon am Anfang von Watchmen #2 der Engel am Grab) mit einer Statue gleichgesetzt.

Dr. Manhattan verwöhnt Laurie doppelt – ihr gefällt das gar nicht.

Laurie wird im Schlafzimmer von Dr. Manhattan verwöhnt, aber nachdem sie gemerkt hat, dass sie beim Liebesspiel, trotz seiner Verdoppelung, nur seine geteilte Aufmerksamkeit hatte, sondern nebenher gearbeitet hat, verlässt sie ihn. Dann tritt er in einer Talkshow auf, in der er von einem Reporter aus dem Publikum beschuldigt wird, Menschen, die ihm nahegestanden haben (wie etwa seine Frau), an Krebs erkranken zu lassen.

Dr. Manhattan und die Presse, Laurie und Daniel.

Dr. Manhattan wird von einer Menschenmenge bedrängt, plötzlich sind viele Menschen um ihn herum (während anfangs noch viele von ihm um Laurie waren), es wird ihm zu viel, er lässt sie verschwinden. Als er nach Hause zurückkehrt, malt ein Arbeiter einen Warnhinweis an Dr. Manhattans Tür – wieder das Symbol für Radioaktivität. Dr. Manhattan zieht sich auf den Mars zurück.

Dr. Manhattan

Achtung Gefahr: Dr. Manhattans Quartier wird zur Quarantäne-Station.

Parallel dazu passiert wieder etwas anderes: Laurie und Daniel Dreiberg werden in einer Gasse von einer Bande angegriffen, setzen sich gegen sie zur Wehr und wecken damit wieder Lust an der Verbrechensbekämpfung. Sie kämpfen, während Dr. Manhattan flieht. Sie engagieren sich wieder in der Gesellschaft, während der Allmächtige sich ihr und ihrem Urteil entzieht.

Manhattans Weltflucht hat große Folgen: Die USA verlieren ihren Vorteil gegenüber der Sowjetunion, die weltpolitische Lage wird instabil, Präsident Nixon bespricht bereits die schlimmstmögliche Folge: den Verlust der gesamten Ostküste, wenn die Russen ihre Atomraketen abfeuern. Nixon will eine Woche warten. Wie der Zeitungsverkäufer übergibt er die Verantwortung einer „höheren Autorität“, also Gott.

Der Kreis schließt sich im Zeichen des schwarz-gelben Symbols.

Als der Zeitungsverkäufer am Ende die Schlagzeile liest, dass die Russen in Afghanistan einmarschieren, wird er plötzlich milde: Er schenkt dem Jungen das Comicheft und sogar seine Mütze, die er ihm vorher verweigert hat.  „I mean we all gotta look out for each other, don’t we? (…) Life’s too short …“ Ohne den Schutz von Dr. Manhattan und angesichts einer tatsächlich drohenden Eskalation verliert der Verkäufer den Mut und besinnt sich auf menschliche Werte. Die Gefahr weckt wieder die Moral in ihm – ähnlich wie sich bereits der Comedian in Kapitel 2 umstimmen ließ.

Die drohende Katastrophe hat also bei allem Tod auch den Nebeneffekt, dass die Menschen durch sie näher zusammenrücken. Auch diese Zweischneidigkeit prägt Watchmen. Es fehlt die Eindeutigkeit der Aussage. Alles bleibt in der Schwebe. Das Urteil bleibt tatsächlich einer höheren Instanz überlassen – den Lesern.

>> Watchmen-Bibliografie

5 Gedanken zu “Watchmen #3: The Judge of All the Earth

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