Under the Hood (Watchmen #1-3)

Die Minutemen in "Under the Hood"

Die Minutemen in „Under the Hood“

Watchmen ist nicht nur ein Comic, es ist ein Dossier, eine Sammlung verschiedener Texte: Erzählungen, Essays, Zeitungsartikel, Briefe, Akten. Der umfangreichste ist „Under the Hood“, die Autobiografie von Hollis Mason, dem ersten Nite Owl. „Auszüge“ daraus sind im Anhang den ersten drei Watchmen-Ausgaben zu lesen – abgedruckt mit der Genehmigung des Autors, wie es in einer Anmerkung heißt.

Mason hat mit dem Buch nach seinem Ruhestand drei Dinge getan: Er hat seine Motivation für seine Superhelden-Karriere dargelegt, seine Geheimidentität preisgegeben und er hat Geheimnisse über seine Mitstreiter von den Minutemen öffentlich gemacht. Damit gibt er Einblicke in die Vorgeschichte der Welt von Watchmen.

Hollis Mason beginnt ungewöhnlich: mit einem Kindheitserlebnis, in dem er nicht im Mittelpunkt steht. Dem Ratschlag einer benachbarten Hobby-Autorin folgend, erzählt er das Traurigste, an das er denken kann, um von Anfang an das Wohlwollen seiner Leser zu bekommen – ein alter rhetorischer Trick in der Tradition der Captatio benevolentiae. Also erzählt er die Geschichte von Moe Vernon, dem Inhaber der Autowerkstatt, in der sein Vater gearbeitet hat.

Watchmen: under the hood

Der junge Hollis Mason mit Vater (l.), Moe Vernon und Fred Motz.

Moe liebt Scherzartikel und Opern, in seinem Büro hört er den ganzen Tag lang Schallplatten. Als ihm seine Frau mitteilen lässt, dass sie mit seinem Angestellten Fred Motz durchbrennt, hört er gerade Wagners „Walkürenritt“ und trägt falsche Frauenbrüste – ein lächerlich-grotesker Anblick. Und als er den anderen weinend die Neuigkeit mitteilt, bringt er die anderen zum Lachen. In derselben Nacht bringt Moe sich um, sein Bruder übernimmt die Werkstatt und stellt Fred Motz wieder ein.

Warum beginnt „Under the Hood“ mit dieser Anekdote? Wegen der Fallhöhe. Eine tragische Geschichte über Travestie nimmt nicht nur die kommende Superheldengeschichte vorweg, sie bereitet auch den Boden dafür. Hollis Mason schreibt, dass er verrückter sei als Moe, weil er mit seiner Verkleidung eine ähnliche Erfahrung gemacht hat. Aber: Im Vergleich zu Moe erscheinen Männer und Frauen in bunten Kostümen, Strumpfhosen und Umhängen weniger fragwürdig, denn während es Moe nur ums Vergnügen ging, bekämpfen Superhelden das Verbrechen. Die Superhelden werden durch diese Anekdote geerdet. Deshalb beschreibt Mason später auch, warum die Arme und Beine bei seinem Kostüm frei blieben: um sich besser bewegen zu können.

Diese Form von Realismus hat später auch Batman Begins betrieben, um in einem Spielfilm glaubwürdig zu machen, warum sich ein erwachsener Mann als Fledermaus verkleidet. Schon die Präsentationsform von „Under the Hood“ suggeriert einen Realismus, der so tut, als gäbe es Buch und Autor wirklich.

Moe selbst steht mit seinen Vorlieben zwischen Hoch- und Popkultur für den Spagat, den Alan Moore mit Watchmen versucht: Er schreibt ein Superheldencomic für Erwachsene, mit einer komplexen Struktur und einem hohen Anspruch. Der „Walkürenritt“ ist ein Wagner-Stück, das bereits für Nazi-Propaganda in Wochenschauen verwendet wurde und in Apocalypse Now für eine Szene eingesetzt wurde, in der ein Dorf von den Amerikanern massakriert wird, und 2009 auch im Watchmen-Film vorkommt. Die Melodie ist so berühmt, dass sie selbst als Pop durchgehen kann.

Die Superhelden der ersten Generation sind zwar inspiriert von Comichelden wie Superman, den es in der Welt von Watchmen gibt (wie auch der Zeitungsverkäufer einmal anmerkt), aber nur als Fiktion. Der erste echte Superheld im Watchmen ist Hooded Justice, ein kostümierter Rächer, dessen Gesicht von einer kapuzenartigen Maske verdeckt wird, der eine Schlinge um den Hals trägt und brutal gegen Verbrecher vorgeht.

Watchmen: hooded justice

Hooded Justice

Der junge Polizist Hollis Mason lässt sich von seiner Superman-Lektüre und von Hooded Justice inspirieren, schneidert sich ein Kostüm und wird zu Nite Owl. Später schließen sich weitere Helden an: Silhouette, Silk Spectre, Dollar Bill, Mothman, Captain Metropolis und der Comedian.

Sie organisierten sich unter dem Namen Minutemen. Der Name ist übernommen von einer Miliz, die noch in den britischen Kolonien Nordamerikas tätig war. Sie sollten innerhalb einer Minute kampfbereit sein. Hier wird das Wortspiel mit der Uhren-Terminologie fortgesetzt: Watchmen (Wächter/Uhren-Menschen), Doomsday Clock etc.

Doch ihre Motive sind nicht nur edel. Für Silk Spectre war das Superheldentum nur eine Masche, um ihrer Modelkarriere zu helfen, Dollar Bill war nur ein Maskottchen einer Bank. Einige vertraten auch fragwürdige Ansichten: Hooded Justice hat vor dem Angriff auf Pearl Harbor mit den Nazis sympathisiert, Captain Metropolis war ein Rassist und der Comedian versuchte, Sally Jupiter zu vergewaltigen (siehe Watchmen #2). (Sie brachte ihren Mann davon ab, ihn zu verklagen.)

Nach dem Zweiten Weltkrieg zerfällt die Gruppe aus verschiedenen Gründen. Silhouette wird wegen ihrer Homosexualität ermordet, Dollar Bill wird bei einem Bankraub erschossen, weil sein Cape in einer Drehtür hängen bleibt, Mothman wird in die Psychiatrie eingewiesen. Silk Spectre bekam ein Kind.

Hollis Mason nennt aber auch einen allgemeineren Grund: Es fehlte an maskierten Schurken. Es habe schon immer mehr Helden als Schurken gegeben. Wenn man der einzige war, der an einem Tatort verkleidet erschien, fühlte es sich lächerlich an. Die neuen Schurken trugen Anzüge, verdienten ihr Geld mit Drogen und Zuhälterei. Hollis gibt zu, dass ihn die Fälle in den 50ern deprimierten und erschütterten. Die Erkenntnis reifte, dass mit dem Zweiten Weltkrieg nicht das Schlimmste überstanden war.

Nite Owl hörte vor allem wegen des Erscheinens von Dr. Manhattan im Jahr 1960 auf, dem ersten Superhelden mit Superkräften – und zwar so mächtig, dass nicht nur kostümierte Vigilanten obsolet werden, sondern auch jedes Lebewesen auf dem Planeten. Der Mensch: ein Auslaufmodell. Die alten Superhelden sind dagegen machtlos. Selbst Superman sieht gegen Dr. Manhattans totale Kontrolle über Materie blass aus – die Realität hat die Fiktion eingeholt.

Zum Schluss wird die Doppelbedeutung des Titels deutlich: „Under the Hood“ heißt nicht nur „Unter der Kapuze“, sondern auch „Unter der Motorhaube“ – denn dorthin verschwindet Hollis Mason 1962, als er beschließt, als Superheld aufzuhören und stattdessen Autos zu reparieren. „Obsolete models a speciality“, heißt es auf einem Schild in Watchmen #1. Wenn die Geschichte einsetzt, gilt es bereits auch für den zweiten Nite Owl. Daniel Dreiberg besucht Hollis Mason, hört sich seine alten Geschichten an und dass er sogar mit einem ehemaligen Schurken Kontakt hält. Alte Rivalitäten sind zu Freundschaften geworden, als wäre es schon immer ein Spiel von Kindern gewesen, bei dem niemand nachtragend ist.

Auch wenn behauptet wird, dass es sich bei „Under the Hood“ um Auszüge aus einem Buch handelt, liest sich der Großteil des Textes nicht so. Das Erzähltempo zieht nach dem ersten Kapitel stark an. Auslassungen werden nicht markiert, stattdessen sind die Kapitel fortlaufend von I bis V durchnummeriert. Selbst bei einem großzügigen Satz würde der Text, der in Watchmen auf 14 Seiten präsentiert wird, kein Buch füllen. Trotzdem hat man nicht den Eindruck, dass hier etwas ausgelassen wird.

Der Text funktioniert sehr gut eigenständig. Er bietet Hintergrundinformationen an, um die Vorgeschichte von Watchmen besser zu verstehen. Er verleiht der fiktiven Welt Tiefe und Glaubwürdigkeit. Aber er ist in diesem Dossier auch nur ein Text unter vielen – neben Rorschachs Tagebuch, dem Comic The Black Freighter und allen anderen Anhängen.

Im Watchmen-Film wird diese Vorgeschichte im Vorspann zusammengefasst, angereichert mit Schlüsselszenen der US-Geschichte. Dazu spielt Bob Dylan sein melancholisches Lied „The Times They Are A-Changin'“. Die ganze Welt von Watchmen, in all seiner Tragik, verdichtet sich in diesen fünfeinhalb Minuten. Wenn in Zack Snyders Film eines ohne Zweifel gelungen ist, dann ist es dieses kleine Meisterwerk.

>> Watchmen-Bibliografie

10 Gedanken zu “Under the Hood (Watchmen #1-3)

  1. Pingback: Watchmen #7: A Brother to Dragons | Watching the Watchmen

  2. Pingback: Watchmen #8: Old Ghosts | Watching the Watchmen

  3. Pingback: Watchmen #9: The Darkness of Mere Being | Watching the Watchmen

  4. Pingback: Before Watchmen: Minutemen | Watching the Watchmen

  5. Pingback: Before Watchmen: Nite Owl | Watching the Watchmen

  6. Pingback: Before Watchmen: Dollar Bill | Watching the Watchmen

  7. Pingback: Watchmen: Director’s/Ultimate Cut (2009) | Watching the Watchmen

  8. Pingback: Doomsday Clock #9: Crisis | Watching the Watchmen

  9. Pingback: Watchmen 1.1: It’s Summer and We’re Running Out of Ice | Watching the Watchmen

  10. Pingback: Watchmen 1.6: This Extraordinary Being | Watching the Watchmen

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