Watchmen #4: Watchmaker

Cover zu Watchmen #4: Watchmaker

DC Comics

Die vierte Ausgabe von Watchmen ist Dr. Manhattan (Jonathan „Jon“ Osterman) gewidmet. Er ist nach den Vorwürfen, er würde seine Mitmenschen an Krebs erkranken lassen (Watchmen #3), ins Exil auf den Mars geflohen. Zuvor hat er ein altes Foto mitgenommen: Es zeigt ihn als jungen Mann mit seiner späteren Frau Janey Slater in einem Vergnügungspark. Zum ersten Mal zeigt das Coverbild nicht, was ist, sondern was sein wird. Auf dem Cover liegt das Foto im Sand zwischen Jons Fußspuren, im ersten Panel auf Seite eins hält Jon es in der Hand, im zweiten heißt es, er werde es in zwölf Sekunden fallen lassen. Im dritten Panel hält er es wieder fest. Er erinnert sich daran, wie er es aus einer Bar holte, er betrachtet es, erinnert sich an die Szene, die er damals erlebte, dann lässt er das Bild fallen und schaut in die Sterne, die für ihn auch nur Fotografien sind, weil sie nur das Licht der Vergangenheit zeigen.

Dr. Manhattan betrachtet das Foto auf dem Mars.

Dr. Manhattan betrachtet das Foto auf dem Mars.

Das gesamte Kapitel ist aus einem gleichzeitigen Bewusstsein von Vergangenheit und Zukunft heraus erzählt. Jon springt in Erinnerung, Gegenwart und Voraussage, für ihn ist alles gleich präsent. Es wird klar, dass er nicht nur Materie und Raum kontrollieren kann, sondern wahrscheinlich auch die Zeit.

Dr. Manhattan betrachtet das Foto auf dem Mars.

Was hier passiert, ist auch ein Bewusstsein für das Medium Comic. Denn genauso wie für Jon die Zeit gleichzeitig präsent ist, ist sie es auch auf den Seiten des Heftes. Trotz des sequenziellen Nacheinanders gibt es auch ein räumliches Nebeneinander, das bloß durch die Lesekonvention des „Von-oben-links-nach-unten-rechts“ eine Chronologie bekommt. Jons Erzählung funktioniert intuitiv so gut, weil man als Leser es annähernd so wahrnimmt wie er: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft liegen immer nebeneinander, Panel an Panel, alles ist bereits da, festgelegt im Druckbild. Wenn wir eine Seite lesen, sehen wir schon die nächste und wissen, dass nach 28 Seiten das Kapitel zu Ende sein wird. Beim Lesen können wir genauso springen wie Jon, vor und zurück. Damit wird der Leser genauso zum allgegenwärtigen Beobachter, zum „Watchman“ wie Jon.

Dr. Manhattan lässt das Foto fallen.

Dr. Manhattan lässt das Foto fallen.

Das Kapitel ist durch dieses Springen in der Zeit auch geprägt von Wiederholung. Jedes Mal kehrt Jon zu dem Foto zurück, es wird zum Dreh- und Angelpunkt des Kapitels, bis es am Ende in einem anderen Licht erscheint, weil sich daran Jons Vorgeschichte entfaltet. Aber auch andere Episoden, die man bereits in Watchmen #2 über den Comedian gelesen hat, werden um eine zweite Perspektive angereichert.

Osterman wirft die Teile der Uhr weg.

Osterman wirft die Teile der Uhr weg.

Jon ist 1945 noch im Begriff, wie sein Vater, ein Uhrmacher zu werden. Doch nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima treibt ihm der Vater die Ambition aus. „This changes everything! There will be more bombs. They are the future. Shall my son follow me into an obsolete trade?“ Der Vater nimmt das Tuch mit dem Uhrwerk, das Jon auseinandergenommen hat, und wirft die Teile auf die Straße.

Damit greift Alan Moore das Zitat von Albert Einstein auf, das am Ende steht:

The release of atom power has changed everything except our way of thinking. The solution to this problem lies in the heart of mankind. If only I had known, I would have become a watchmaker.

Jon Osterman geht den umgekehrten Weg: vom Uhrmacher zum Physiker. Er lernt Janey Slater kennen, sie gehen zum Jahrmarkt, dort entsteht das Foto von ihnen, Janey verliert ihre Uhr und ein dicker Mann tritt darauf. Die Uhr wird nicht nur zum bösen Omen, sondern auch zum Verhängnis: Jon repariert sie, lässt sie in seinem Laborkittel zurück und als er sie aus der Testkammer holen will, die Materie zersetzt, fällt die Tür zu und er wird auseinandergerissen.

Jon wird für tot erklärt, aber wie ein Uhrmacher die Uhr setzt er seinen Körper wieder Teil für Teil wieder zusammen. Durch Tod und Auferstehung wird aus dem Menschen ein nahezu allmächtiger Gott. Nicht von ungefähr erinnert die Bildsprache an die Ikonografie von Christus – hier verwirklicht sich Jon Osterman im Osterwunder. Er macht eine zweite Wandlung durch: vom Physiker zur Inkarnation der Physik.

Als Dr. Manhattan, in Anlehnung an das Manhattan-Projekts, wird er zur ultimativen Wunderwaffe der Amerikaner. Er legt sich ein Wasserstoffsymbol auf der Stirn als Symbol zu (wieder der Kreis) und wird Teil der neuen Superhelden-Generation, aus der er aber ohne Vergleich herausragt. „The superman exists and he’s American“, heißt es. Im Anhang ist von „God“ die Rede. Professor Milton Glass weist in seinem Buch darauf hin, dass Dr. Manhattan für Fortschritte in den Bereichen Kleidung (siehe später Rorschachs Maske), Essen und Mobilität erzielt hat. In den USA fährt man dank ihm mit elektrischen Autos und fliegt mit „sauberen“ Flugzeugen. Jeder Mensch ist mittlerweile von Dr. Manhattan betroffen und verlässt sich darauf, dass er für ihre Sicherheit sorgt: „We are all of us living in the shadow of Manhattan.“ Die Amerikaner seien verblendet von dieser scheinbaren Allmacht. Doch Milton Glass legt auch dar, dass es nur eine fragile Sicherheit ist, weil die Russen trotz des Schutzes durch Dr. Manhattan genug Atombomben schicken könnten, um die nördliche Hemisphäre auszulöschen.

Dr. Manhattan lässt einem Mann den Kopf explodieren.

Keine Skrupel: Dr. Manhattan als Superheld.

Es macht nicht den Eindruck, als ob Jon sich darum sorgen würde. Mit seiner Verwandlung ändert sich auch seine Sicht der Welt: Er hat ein umfassendes Bewusstsein, sieht das große Ganze, alles wird für ihn als reine Mechanik transparent, auch das Leben. Er verliert seine Menschlichkeit, die Menschen werden ihm fremd, auch ihre Maßstäbe: „The morality of my activities escapes me“, sagt er, als er einem Verbrecher später den Kopf explodieren lässt. Er ist fasziniert vom Comedian, weil er entschlossen unmoralisch und rücksichtslos handelt. Nur bei der Begegnung mit Adrian Veidt merkt er noch an, dass sich Wissenschaftler von ihrem Gewissen zügeln lassen sollten.

Dr. Manhattan und Adrian Veidt in der Antarktis.

Dr. Manhattan und Adrian Veidt in der Antarktis.

Schon in Watchmen #1 sagt er, dass zwischen einem lebenden Körper und einem toten besteht für ihn kein Unterschied besteht: „A live body and a dead body contain the same number of particles. Structurally there’s no discernible difference. Life and death are unquantifiable abstracts. Why should I be concerned?“ (Seite 21) Der Tod hat keine Bedeutung mehr für ihn – auch nicht der von anderen.Dr. Manhattan errichtet seine Festung der Einsamkeit auf dem Mars.

Auf dem Mars sinniert Jon über das Wesen der Welt: Vielleicht sei sie nicht gemacht. Vielleicht ist sie einfach nur da, war es immer, wird es immer sein. Wie eine Uhr ohne einen Uhrmacher. Als Abbild des Makrokosmos lässt er aus dem Sand eine gläserne Festung entstehen (ähnlich wie Supermans Festung der Einsamkeit in der Arktis), die einem Uhrwerk ähnelt. Wieder schließt sich der Kreis der Erzählung, wieder korrespondieren Anfang und Ende des Kapitels.

Das Motiv des Kreises bzw. Ringes wiederholt sich mehrfach in Watchmen #4: Abgesehen von den Zahnrädern und den Armbanduhren (darunter auch eine zerstörte aus Hiroshima auf dem Cover des Time-Magzine), gibt es den wegfliegenden Luftballon, den Ring der Supernova, den Ehering, das Wasserstoffsymbol auf Dr. Manhattans Stirn, dazu die passenden Ohrringe. Jon legt zuerst seine Hände um Janeys Gesicht, später um das von Laurie (wie in Watchmen #3). Einige Panels sehen wir mehrfach, andere Bilder wiederholen vergangene Ereignisse , die bereits in den ersten drei Ausgaben ähnlich erzählt wurden.

Ein Beispiel: Auf Seite 6 weint ein Junge, der seinen Luftballon auf dem Jahrmarkt verliert, er wird getröstet von seiner Mutter, Jon und Janey bemerken es nicht, auf Seite 24 sehen wir das Bild noch einmal, diesmal bemerkt es Jon als Dr. Manhattan, das nächste Panel ist gleich aufgebaut: wir ein lächelndes Mädchen, mit seinem Vater, im Hintergrund Jon und Laurie. Diese Übergänge, die funktionieren wie Match Cuts im Film, sind typisch für die Erzählweise von Watchmen.

Alles wiederholt sich in Watchmen – im kleinen wie im großen Maßstab – und doch schreitet die Handlung voran. Damit bildet die Serie die Zeit selbst ab: die periodische Wiederholung, die aber linear voranschreitet. Doch in seiner räumlichen Struktur ermöglicht das Medium eine Gleichzeitigkeit von all dem. Wir können vor- und zurückblättern, aber nur um festzustellen, dass jede Seite auf andere Seiten verweist, der Anfang auf das Ende und umgekehrt. Es gibt in dieser Geschichte kein Entkommen. Alles ist vorherbestimmt, die Zahnräder greifen perfekt ineinander, das Uhrwerk läuft. Deshalb heißt es später auch (Watchmen #9, S. 5), dass alle Marionetten seien – und Dr. Manhattan kann bloß die Fäden.

>> Watchmen-Bibliografie

9 Gedanken zu “Watchmen #4: Watchmaker

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