Watchmen #5: Fearful Symmetry

watchmen #5 cover

DC Comics

Eine Pfütze im Regen. Rotes Licht spiegelt sich darin, ein auf den Kopf gestelltes Symbol, ein doppeltes R, Rücken and Rücken, darunter gekreuzte Knochen – eine Leuchtreklame eines Etablissements namens „The Rumrunner“. Das Doppel-R erinnert an einen Totenkopf. Der Piratenbezug lässt an The Black Freighter denken, die Symmetrie des Symbols an Rorschach, dessen erster Buchstabe hier gespiegelt wird. Rorschach selbst setzt zwei kleine „r“ als Zeichen, wie man auf Seite 3 sehen kann.

Rorschach bricht wieder bei Edgar Jacobi (Moloch) ein, um ihn zum zweiten Mal zu befragen. Beim ersten Mal (Watchmen #2) war er aus dem Kühlschrank gesprungen, um Jacobi einzuschüchtern, diesmal lässt er nur seinen Mantel darin und den Zettel mit der Aufschrift „BeHinD you.“ Daraufhin steckt er Jacobi selbst in den Kühlschrank und droht, ihn darin einzuschließen. Aber Rorschach findet nichts heraus.

Der Kreis und das Dreieck

In der Zwischenzeit drehen Menschen angesichts der globalen Bedrohung durch. Nachdem die Russen in Afghanistan einmarschiert sind, hat ein Vater aus Angst vor einem Atomkrieg seine Kinder getötet. Die beiden Ermittler aus Watchmen #1 besichtigen den Tatort. Auf einem Plakat mit einer Buddhafigur und einer gelben Sonne kehrt das Kreissymbol zurück, wie der Smiley ist die Sonne mit Blut bespritzt.

Dreieck im Kreis: Pyramid Deliveries

Dreieck im Kreis: Pyramid Deliveries (DC Comics)

Hinzu kommt ein Dreieck, das hier vermehrt auftaucht: auf dem Laster von Pyramid Deliveries (der schon in Watchmen #1, Seite 1 zu sehen war) sowie auf dem Plakat der Band „Pink Triangle“.

Pink Triangle

Pink Triangle Live: Gay Women Against Rape (DC Comics)

Aber auch im herausgestellten V von „Veidt“ ist eine Dreiecksform zu erkennen, wenn auch auf dem Kopf. Zusammen mit dem nach oben zeigenden Dreieck bildet es die Form der gekreuzten Knochen des Rumrunner und der Piratenflagge – und deutet damit bereits den nahenden Tod an.

Symmetrie überall

Auf Adrian Veidt wird ein Attentatsversuch verübt. Veidt kann es verhindern und erschlägt den Angreifer. Für diese Actionsequenz wird auf den Seiten 14-15 erstmals das typische Seitenraster aufgebrochen, für ein Doppelseiten-Layout mit jeweils vier gegenüberliegenden Panels – mit dem Veidt-V in der Mitte entsteht die im Titel genannte Symmetrie.

Das Motiv taucht mehrfach in dem Kapitel auf: Rorschach beobachtet ein Graffito , das ein küssendes Paar als Schattenriss zeigt (Seite 11), es erscheint an mehreren Orten in der Stadt. Später wird es mit den Schatten von Hiroshima-Opfern assoziiert. Rorschach stellt im Gunga-Diner selbst ein Rorschach-Muster her.

Watchmen #5: Rorschach im Gunga Diner

Rorschach im Gunga Diner

In diesem Diner sitzen auch Daniel und Laurie. Sie werden zunächst als Spiegelbilder gezeigt (Seite 10), dann später spiegeln sich beide erneut in Lauries Schlafzimmer (Seite 19), die Seiten sind sogar gleich aufgebaut.

Blakes Aktenzeichen und Grateful Dead-Plakat "Aoxomoxoa".

Blakes Aktenzeichen und Grateful Dead-Plakat „Aoxomoxoa“.

Einer der Polizisten betrachtet ein Plakat der Band Grateful Dead, das das symmetrisch aufgebaute Covermotiv des Albums Aoxomoxoa zeigt (Seite 22). Wieder ist darauf der Totenkopf mit den gekreuzten Knochen zu sehen, außerdem ist Aoxmoxoa ein Palindrom, also ein ’symmetrisches‘ Wort. Abgesehen davon ist das Cover voller Fruchtbarkeits-Symbole, darunter auch eine Sonne, die aussieht wie ein Ei, das von Spermien umgeben ist. Auch die Zahl auf Blakes Akte ist symmetrisch angeordet: 801108.

Rorschach als Hai und Tiger

Der Held des Black Freighter baut sich ein Floß aus den Leichen und segelt aufs Meer hinaus. Er ernährt sich von Möwen und kämpft mit einem Hai, tötet ihn, macht ihn zum Bestandteil des Floßes und isst auch dessen Fleisch. Alan Moore erlaubt sich damit ein Wortspiel: Als ein unbekannter Anrufer der Polizei Rorschachs Aufenthaltsort verrät, versteht der eine Ermittler bloß „raw shark“ (roher Hai), bis er begreift, dass es „Rorschach“ heißt. Der Bezug irritiert, denn hier scheint sich die Symbolik in der Allegorie plötzlich zu verschieben. Hätte man anfangs den Comichelden als Inkarnation des Gewissens für Rorschachs Gegenstück halten können, ist nun Rorschach der Hai, der den Helden bedroht. Und tatsächlich wird er als weder schwarz noch weiß beschrieben und weist Flecken auf seiner hellgelben Haut auf. Hier kommt die Frage auf, für wen der Gestrandete stehen könnte. (Am Ende stellt sich heraus: Es steht für Adrian Veidt/Ozymandias.)

watchmen #5: shark (black freighter)

Gepunkteter Hai: Symbol für Rorschach.

Rorschach ist das Opfer: Er wird wieder zu Jacobi gelockt, er tappt in die Falle, Jacobi wurde durch einen Kopfschuss getötet und die Polizei trifft kurz darauf ein. Rorschach wehrt sich mit Feuer und erschießt einen Polizisten mit seinem Haken, aber am Ende wird er überwältigt, festgenommen und seiner Maske beraubt. Rorschach schreit: „My Face!“ Seine Maske ist seine wahre Identität geworden (was im nächsten Kapitel näher ausgeführt wird). Kovacs ist die Maske. Seine Symmetrie ist aufgebrochen. Und trotzdem ist für die Polizisten alles im Gleichgewicht: „Everything evens out eventually. Everything balances“, sagt einer. Tatsächlich gibt die Struktur ihm recht: Am Ende steht wieder der Totenkopf des Rumrunner-Logos – alles zurück auf Anfang.

Rorschach without Mask: "My Face!"

Rorschach demaskiert: Alles im Gleichgewicht.

Alan Moore schließt das Kapitel mit der ersten Strophe von William Blakes Gedicht „The Tyger“.

Tyger, Tyger burning bright,
In the forests of the night,
What immortal hand or eye
Could frame thy fearful symmetry?

Wieder ändert sich die Symbolik: Der „Hai“ Rorschach wird als Inkarnation der Symmetrie zum Tiger. Dadurch bekommt das Verb „frame“ eine zweite Bedeutung, nämlich die von „jemandem etwas anhängen“ oder „anschmieren“. Wer hat Rorschach, der es geschafft hat, acht Jahre lang in der Illegalität zu wirken, reingelegt?

Nach dem Mord am Comedian, dem versuchten Anschlag auf Veidt und Dr. Manhattans Exil (Watchmen #4) ist es damit ist bereits der vierte Held, der ausgeschaltet werden soll. Jetzt ist es an Nite Owl und Silk Spectre herauszufinden, was vor sich geht.

Im Anhang wird die Entstehungsgeschichte des Black Freighter-Comics erzählt. Die Geschichte erhält den Namen „Marooned“ (Ausgesetzt) und es wird vorweggenommen (gespoiltert), wie sie ausgeht: Am Ende hat er sich noch weiter von der Menschlichkeit entfernt (noch ein Indiz dafür, dass es um Veidt geht). Alan Moore spart dabei nicht mit Selbstlob über seine eigenen erzählerischen Fähigkeiten, die er aber dem fiktiven Autor Max Shea zuschreibt. Dieser gilt als vermisst. Er ist einer der Künstler, die auf der Insel festgehalten werden, von der Blake gegenüber Jacobi gesprochen hat. Mit der Erwähnung von Joe Orlando als Zeichner des Black Freighter durchbricht Moore wieder die Grenze zur Realität: Das Foto ist echt, Orlando gab es wirklich, er hat Comics für EC, DC und Marvel gezeichnet, und im Anhang von Watchmen #5 stammt auch eine Illustration von ihm.

Die Fiktion von Watchmen weist zurück in die Realität: Der Superheldencomic spielt in einer Welt, die zwar nicht die unsere ist, aber durchaus unsere sein könnte. Bei aller Fantastik hat es mehr mit uns zu tun, als es auf den ersten Blick scheint.

>> Watchmen-Bibliografie

6 Gedanken zu “Watchmen #5: Fearful Symmetry

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  2. Pingback: Watchmen #7: A Brother to Dragons | Watching the Watchmen

  3. Pingback: Before Watchmen: Moloch | Watching the Watchmen

  4. Pingback: Before Watchmen: The Curse of the Crimson Corsair | Watching the Watchmen

  5. Pingback: Doomsday Clock #3: Not Victory Nor Defeat | Watching the Watchmen

  6. Pingback: Watchmen 1.1: It’s Summer and We’re Running Out of Ice | Watching the Watchmen

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