Watchmen #7: A Brother to Dragons

watchmen #7 cover

DC Comics

Nicht ohne Grund heißt das Parfum, das in Watchmen ständig beworben wird, „Nostalgia“. Watchmen ist eine Geschichte, die von hinten erzählt wird, in Rückblenden und daher nicht nur von Nostalgie, sondern auch von Melancholie über vergangene, hoffnungsvolle und unbeschwertere Tage handelt. Das Golden Age der Superhelden ist längst vorbei, das Silver Age auch – jetzt gibt es nur noch die Überreste in einem Dunklen Zeitalter, das angesichts der nuklearen Bedrohung zugleich das letzte sein könnte.

Diese Erinnerungen der Helden werden hervorgerufen durch Bilder oder Ereignisse, bei Dr. Manhattan entwickelte sich die Vorgeschichte an einem Foto, bei Rorschach an den Mustern eines Rorschach-Tests. In Kapitel 7 wird Nite Owls Vorgeschichte anders erzählt, nicht mit Rückblenden, sondern nur mit Worten, während Daniel Dreiberg mit Laurie durch seinen Keller läuft, wo seine Kostüme, Gadgets und das Schiff Archie der Illustration der Vergangenheit dienen. Die Geschichte wird nie dem Leser gezeigt, sondern nur aus der sentimental-nostalgischen Sicht von Daniel oder Laurie bewertet.

Die Kreisform, die wieder auf dem Cover aufgegriffen wird, findet sich in dem Glas der Schutzbrille des Nite Owl-Kostüms wieder, in dem sich wiederum die Front des Schiffs Archie spiegelt. Das Kostüm bekommt dadurch eine aktive Beobachterrolle, als würde es das Schiff in Augenschein nehmen, um es wieder zu benutzen. Und tatsächlich hat Daniel ohne bestimmten Anlass die Systeme geprüft, obwohl er seit acht Jahren nicht mehr als Nite Owl aktiv ist. Kostüm und Schiff schauen sich also gegenseitig an, als würden sie miteinander liebäugeln – zugleich kommen sich Daniel und Laurie näher.

Verbessert wird die Sicht der Brille von Laurie, die mit dem Finger einen Streifen Staub von der Brille wischt, dann mit der Hand auch den Staub von Archies Frontscheibe. Und wieder rückt – im übertragenen Sinne – der Zeiger der Doomsday Clock der Zwölf etwas näher.

Zugleich scheint es, als würde das Nite Owl-Kostüm Daniel und Laurie beobachten: Immer wieder füllt diese Nahaufnahme des Brillenglases ganze Panels aus oder wir schauen von außen in das Schiff durch das Glas oder über die Schulter des Kostüms. „Who watches the watchmen?“ – Wir natürlich, die Leser. Aber zugleich beoabachtet auch ein unbekannter Akteur, ein Feind, denn die Paranoia, dass jemand hinter allen Helden her sein könnte, hat sich spätestens seit Rorschach als berechtigt erwiesen. Deshalb denkt Daniel auch zunächst an eine Gefahr, als er aus dem Keller Laurie schreien hört, weil sie aus Versehen den Flammenwerfer eingeschaltet hat.

Die Sicht der beiden auf die Nite-Owl-Gadgets ist sehr unterschiedlich: Während Laurie alles bewundert, den Keller eine „magician’s cave“ nennt, tut Daniel seine Superhelden-Vergangenheit als kindisch ab: „Just a schoolkid’s fantasy that got out of hand. That’s y’know, with hindsight … on reflection.“ Dazu passend sehen wir die Reflexion in der Brille.

Daniel hat sich, beeinflusst von Hollis Mason, einer romantischen Heldenfantasie hingegeben und sie mit seinem Interesse für Vögel und Technik kombiniert. Seine wahre Motivation ist eine ganz prosaische: „I was rich, bored, and there were enough other guys doing it so I didn’t feel ridiculous.“ Wie schon bei Hollis ist das Superheldengeschäft abhängig von anderen, die mitmachen. „Who needs all this hardware to catch hooker and purse-snatchers?“ Superhelden brauchen Superschurken. Für alles andere reicht die Polizei.

Immerhin habe Daniel seinen eigenen Traum gelebt, im Gegensatz zu ihr, sagt Laurie, die nur den Traum der Mutter fortgeführt hat. Daniel vergleicht seine Superheldenzeit zwar mit dem Rauchen, es sei eine schlechte Angewohnheit gewesen, aber zugleich gibt er zu, dass er darin einen sentimentalen Wert sieht.

Als er Laurie die Funktion der Brille demonstriert, die ein Nachtsichtgerät ist, wird sie symbolisch aufgeladen: „No matter how black it got, when I looked through these goggles everything was clear as day.“ Damit stellt Daniel ein Gegengewicht zu dem fatalistisch-nihilistischem Weltbild von Rorschach, bzw. dem von Malcolm Long her (Watchmen #6). Ob man die schwarze Leere sieht, ist nur eine Frage der Einstellung, der Perspektive und der Mittel. Auch Laurie ist begeistert: Es sei, als habe man Superkräfte. Sie versetzt sich in Jon (Dr. Manhattan) hinein, der sogar Neutrinos sehen kann.

Als die beiden den Keller verlassen, sagt Laurie, es müsse toll sein, eine Geheimidentität und einen geheimen Ort, an dem man nicht beobachtet werde. Daniel fühlt das anders: „These days I feel like something’s watching my every move.“ – Und wieder sehen wir das Brillenglas aus der Nähe, in dem sich Daniel spiegelt. Dan wird beobachtet – nicht zuletzt von uns Lesern, den wahren „Watchmen“ in dieser Geschichte.

Beim Fernsehen verfolgen Daniel und Laurie später mit, wie sich die weltweite Krise verschärft, wie die Gesellschaft über Rorschach diskutiert (wir sehen den Comedian-Smiley wieder auf dem T-Shirt von Seymour) und wie Ozymandias öffentlich als Athlet auftritt. Laurie und Daniel kommen sich näher, aber Daniel erweist sich als impotent.

Als die beiden schlafen, hat Daniel einen Albtraum: Er steht der Twilight Lady (einer ehemaligen Superhelden-Kollegin) gegenüber, reißt ihr das Kostüm vom Leib, verliert seins, dann reißt sie ihm die Haut ab und darunter erscheint Nite Owl, während er aus ihr Silk Spectre (Laurie) macht. Als sie sich küssen wollen, geht hinter ihnen eine Atombombe hoch, sie verbrennen zu Skeletten und wir sehen in veränderter Form das Grafitto der „Hiroshima lovers“ wieder.

Daniel erwacht, geht nackt in den Keller und setzt sich die Nite-Owl-Brille auf. Als Laurie zu ihm kommt, sagt er, er fühle sich angesichts des Krieges machtlos und impotent, aber auch die Verschwörung gegen die Helden macht ihn unruhig. Die Brille soll ihm Kräfte verleihen, die er aus sich heraus nicht aufbringen kann.

Und tatsächlich: Erst als die beiden ihre Kostüme anziehen, kommt Dans Selbstvertrauen zurück, und nachdem sie die Bewohner eines brennenden Hauses rettet, haben Dan und Laurie Sex. Archie schießt Flammen. Im entscheidenden Moment davor, sieht Dan Laurie durch die Brille an, während sie  ihn nach dem Lied von Billie Holiday fragt, das er während des Fluges gespielt hat: „You’re My Thrill“ – ein klares Liebesbekenntnis.

Danach fängt Laurie wieder zu rauchen an, obwohl sie kurz zuvor noch mit dieser gefährlichen Angewohnheit aufhören wollte. Sie rechtfertigt sich, dass es eigentlich kein Aufhören geben kann, sondern nur Pausen. Dan gibt zu, dass das Kostüm ihm geholfen hat, und er ist plötzlich optimistisch: „I feel so confident it’s like I’m on fire. And all the mask killers, all the wars in the world, they’re just cases — just problems to solve.“

Die beiden beschließen, Rorschach zu befreien. Die letzten drei Panels zeigen Archie, wie er sich vor den Mond schiebt. Zusammen mit den Wolken bildet er einen Smiley, der Rauch wird zum Zeiger der Uhr – und der Beobachter schaut zurück zu uns.

Das Schlusszitat aus dem Buch Hiob sollte man nicht allzu wörtlich nehmen. In den deutschen Bibelübersetzungen ist weder von Dragen noch von Eulen die Rede: „Ich bin ein Bruder der Schakale geworden und ein Geselle der Strauße„, heißt es in der Lutherbibel 2017, „Straußenhennen zum Freund“ heißt es in der Einheitsübersetzung 2016. Entscheidend ist, dass der von den Menschen Verstoßene sich nur noch unter den Tieren (der Wüste) heimisch fühlt. Der Drache bzw. Schakal könnte für Rorschach stehen, der als Hai und Tiger bereits mit anderen Raubtieren gleichgesetzt wurde (Watchmen #5).

Viel interessanter ist der Kontext der Bibelstelle (Hiob 30, 26-31, Einheitsübersetzung):

Ja, ich hoffte auf Gutes, doch Böses kam, ich harrte auf Licht, doch Finsternis kam. Mein Inneres kocht und kommt nicht zur Ruhe, mich haben die Tage des Elends erreicht. Trauernd gehe ich einher, ohne wärmende Sonne, ich stehe auf in der Versammlung, schreie laut. Den Schakalen wurde ich zum Bruder, den Straußenhennen zum Freund. Meine Haut ist schwarz, von Fieberglut brennen meine Knochen. Zur Trauer wurde mein Harfenspiel, mein Flötenspiel zum Klagelied.

Das Böse und die Finsternis siegen – damit wird das optimistische Ende des Kapitels wieder in Pessimismus verkehrt. Damit wird einem Happy End eine Absage erteilt. Das Gute ist nicht ohne den Preis von Verlusten zu kriegen.

>> Watchmen-Bibliografie

Ein Gedanke zu “Watchmen #7: A Brother to Dragons

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