Before Watchmen: Ozymandias

before watchmen: ozymandias cover

DC Comics

Ozymandias ist der vielleicht schwierigste Charakter in Watchmen: Er ist ein Held, der zum Schurken wird, er gilt als der klügste Mensch der Welt und bildet sich viel darauf ein, dadurch wirkt er abgehoben und unnahbar. Das trifft zwar auch auf Dr. Manhattan zu, aber anders als er hat Adrian Veidt keinen Bruch in seinem Leben. Der Tod seiner Eltern ist für ihn nur Ansporn, sich selbst ein ganz neues Leben aufzubauen – und das verläuft geradlinig auf der Überholspur (Watchmen #11)

Ein Prequel wie Before Watchmen hat es also nicht leicht, mit diesem Charakter über das hinauszugehen, was Alan Moore bereits mit ihm angestellt hat. Len Wein, der bereits bei Watchmen als Redakteur gedient hat, macht es sich leicht: Er erzählt die Geschichte nach, die Alan Moore bereits erzählt hat, und er schmückt sie ein wenig aus. Adrian Veidt liest schon als Kind Enzyklopädien, lernt Kampfkunst und Sprachen wie von selbst, wehrt sich brutal gegen Prügel anderer Kinder und investiert immer fehlerfrei an der Börse. Auf den Spuren seines Vorbilds Alexanders des Großen träumt er von einer befriedeten, vereinten Welt.

Weil er Gutes tun will, wird er zum Superhelden Ozymandias. Zunächst will er herausfinden, was mit Hooded Justice geschah und liefert sich sein erstes Duell mit dem Comedian. Dabei stellen sie fest, dass sie im Kampf einanander ebenbürtig sind, aber sonst bleibt das Treffen ohne Konsequenzen. Dann lässt Ozymandias die Ermittlung plötzlich fallen, weil ihn andere Dinge beschäftigen. Zum Beispiel der drohende Dritte Weltkrieg. Deshalb investiert er in Atombunker und baut sich eine Festung am Ende der Welt: Karnak in der Antarktis.

Comedian inspiriert zur Weltrettung

Nach dem gescheiterten Start der Crimebusters in den 60ern inspirieren ihn die Worte des Comedian dazu, die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren (vgl. Watchmen #2). Da es ihm an Kreativität mangelt (immerhin eine Schwäche, die er zugibt), liest er Science-Fiction-Romane und schaut Filme und Serien, bis er auf die Outer-Limits-Episode „The Architects of Fear“ stößt und sie immer wieder schaut, bis er ihre Prämisse adaptiert: ein künstliches Alien zu schaffen, um die verfeindeten Nationen gegen einen gemeinsamen Feind zu vereinen.

Damit legt Len Wein explizit die Inspirationsquelle offen, die Alan Moore gedient hat, oder jedenfalls schon während der Entstehung von Watchmen als Parallele auffiel. Len Wein wollte ihn dazu bringen, von der Idee abzulassen und sich etwas Neues auszudenken, aber Moore blieb dabei. (In Watchmen #12 gibt es eine Anspielung auf Outer Limits.)

Uninspirierter Neuaufguss

Aber Wein ist auch nicht viel kreativer als sein Held oder der Autor, den er einst kritisiert hat. Denn was er in Ozymandias liefert, ist weitgehend bereits aus Watchmen bekannt. Wein schreibt nahezu wörtlich von Moore ab und füllt die Lücken, jedoch ohne dass es nötig wäre. „Tell almost the whole story“, rät die Autorin Anne Sexton. Es ist nicht nötig, alles zu erzählen. Eine Geschichte braucht auch Lücken, die die Leser mit ihrer Vorstellungskraft füllen. Watchmen war, auch was Ozymandias anging, ausführlich genug. Aber Wein langweilt seine Leser mit einem uninspirierten Neuaufguss des Altbekannten, indem er ihnen erzählt, was sie längst wissen, und was er Neues erzählt, wollte niemand wissen, weil man es sich denken kann.

Allein Zeichner Jae Lee liefert zumindest einen visuellen Mehrwert. Er lässt mit seinem einzigartigen Stil die Geschichte wie in einem surrealen Traum erscheinen, mit sparsamen Hintergründen, symmetrischen Layouts und symmetrischem Bildaufbau, dazu greifen kreisförmige Panels die Symbolik auf. Höhepunkt ist eine Kampfsequenz, die als Schattenriss vor gelbem Hintergrund die Schrift von Watchmen aufgreift.

Horace Smiths Ozymandias

Wenn Wein am Ende das Ozymandias-Gedicht von Horace Smith zitiert, das zeitgleich mit dem gleichnamigen von Percy Shelley in Konkurrenz zu seinem entstanden ist, dann deutet er damit zwar auch seine Konkurrenz zu Alan Moore an, ohne aber dessen Niveau zu erreichen. Allerdings liefert das Gedicht eine interessante neue Perspektive auf die Geschichte:

In Egypt’s sandy silence, all alone,
Stands a gigantic Leg, which far off throws
The only shadow that the Desert knows:—
„I am great OZYMANDIAS,“ saith the stone,
„The King of Kings; this mighty City shows
The wonders of my hand.“— The City’s gone,—
Naught but the Leg remaining to disclose
The site of this forgotten Babylon.

We wonder,—and some Hunter may express
Wonder like ours, when thro‘ the wilderness
Where London stood, holding the Wolf in chace,
He meets some fragment huge, and stops to guess
What powerful but unrecorded race
Once dwelt in that annihilated place.

Während der erste Abschnitt inhaltlich dem von Shelleys Gedicht ähnelt, macht der zweite einen Sprung in die Zukunft, in dem von einem zerstörten und verwilderten London die Rede ist. Ein Jäger, der die Ruinen sieht, fragt sich, was für ein mächtiges unbekanntes Volk einst hier gelebt haben mag.

Es ist eine Vorausahnung eines Untergangs: So wie wir uns über die Fragmente des alten Ägypten wundern, so werden es einst andere über unsere Zivilisation tun. Alles ist vergänglich. Zu Adrian Veidt passt dieses Gedicht auf gewisse Weise noch mehr zu als das von Shelley. Denn während Shelley mit den Worten endet „Look on my works, ye mighty, and despair!“, was angesichts des vergangenen Anspruchs ein Ausdruck von Ohnmacht ist, aber durch Veidts Verbechen neue Aktualität bekommt, handelt Smiths Ende von einer drohenden Auslöschung, was im Comic in Zusammenhang mit der Angst vor dem Dritten Weltkrieg  steht. Beide Gedichte ergänzen sich sehr gut. Das ist aber auch schon das Beste, was man über die Worte in Before Watchmen: Ozymandias sagen kann.

2 Gedanken zu “Before Watchmen: Ozymandias

  1. Pingback: Before Watchmen: Dr. Manhattan | Watching the Watchmen

  2. Pingback: Doomsday Clock #1: That Annihilated Place | Watching the Watchmen

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