Doomsday Clock #12: Discouraged of Man

DC Comics

Blut auf dem Superman-Logo. „I was wrong…“, denkt Dr. Manhattan. „Everything ends. Nothing lasts forever. Not hope. Not me.“ Nicht die einzige Wiederholung: Denn noch einmal rekapituliert er sein Leben, das Foto mit Janey Slater, seinen Unfall. Unzählige Male wurde das bereits in Watchmen und auch in Doomsday Clock erzählt: Alles wiederholt sich, das ist die übergreifende Konstante dieser Comics.

Als Superman und Dr. Manhattan sich gegenüberstehen, kommen Pozhar und die anderen Superhelden aus Russland (zusammen mit Geo-Force aus Markovia), um Superman für das Massaker auf dem Roten Platz (Doomsday Clock #8) zur Verantwortung zu ziehen. In dem Moment tauchen Black Adam und seine Verbündeten auf, um Superman in Kahndaq zu richten. Pozhar weigert sich, es kommt zum Kampf. Weitere Superhelden aus Australien und Israel kommen dazu. Superman kämpft allein gegen alle.

Gipfeltreffen blauer Götter: Superman und Dr. Manhattan.

Die Welt soll sich selbst zerstören

In Gotham bittet Alfred Reggie Long erneut um  Hilfe, um Ozymandias zu finden. Reggie weigert sich wieder und hält einen Abgesang auf die Welt:

„The world is drowning in hate and anger. Sides seperated by an anger-widening canyon of digital bile. Soon both factions will tumble off edge, falling into bottomless pit of liberal self-righteousness and outdated identity politics…hands clutching their weaponized phones, finding no olive branch to save them. Because neither side knows what that means anymore. Why not let this ugly world destroy itself…before we’re dragged down into the darkness with it?“

Sehen, was man sehen will: Reggie Long mit Rorschach-Maske.

Seine Beschreibung könnte man auch als Analyse unserer Gegenwart verstehen. Für Reggie ist die Welt ist verkommen, also soll sie an sich selbst zugrunde gehen. Er klingt wie einst sein Vater. Batman überzeugt ihn davon, dass er in der Maske von Rorschach das sehen kann, was er sehen will: Nicht den Mann, der seinen Vater und seine Familie zerstört hat, sondern etwas Positives. Das Prinzip, das ihn einst verblendet hat, wird gewendet ins Konstruktive.

Die dritte Möglichkeit der Finsternis

Dr. Manhattan erwartet sein Schicksal, Supermans Schlag gilt aber nicht ihm.

Ähnliches passiert im Kampf mit Superman. Menschen werden gefährdet. Allein Superman rettet sie. Er bittet Dr. Manhattan um Hilfe, aber dieser entscheidet sich wieder zum Nichtstun, weil es angeblich so vorherbestimmt ist. Er erklärt Superman, dass er, Jon, sein Leben immer wieder verändert und auch seine Eltern getötet hat. Doch statt Dr. Manhattan auszulöschen, verteidigt Superman ihn gegen Pozhar.

Superman weist Jon darauf hin, dass es zwischen den beiden Optionen, wer von ihnen beiden zerstört werde, auch eine dritte gebe. Er fragt ihn nach der Frau auf dem Bild, das er immer wieder reproduziert. Jon räumt ein, dass Janey ihm einst wichtig gewesen ist. „Maybe the darkness you see“, sagt Superman. „Maybe it takes everything you have to save your world.“ Dr. Manhattan sagt, er verstehe. „Everything ends.“ Und daraufhin lässt er alles in Finsternis versinken, zuletzt das Superman-Logo.

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Superman versinkt in Finsternis.

Der Rest ist Schwärze, nur gerahmt vom Weiß der Seite: Es beginnt mit einem breiten schwarzen Panel (Seite 21). Es folgt eine ganze Seite in schwarz, dann ein Neuner-Raster in schwarz, schließlich taucht aus dem Dunkeln ein Licht auf: Der Planet Krypton explodiert im All, Kal-Els Rakete fliegt zur Erde und landet zu immer unterschiedlichen Zeiten, von der Steinzeit bis zur Zukunft.

Dr. Manhattan ordnet das Metaverse neu: Er lässt Kal-El als Superboy seine Eltern (die Kents) retten. Er rettet Alan Scott mit der Laterne das Leben. Die Justice Society of America existiert wieder, auch die Legion of Superheroes. Johnny Thunder erkennt, dass er Thunderbolt nicht mehr rufen muss, sondern er selbst Thunderbolt ist.

Alle wieder da: Superman bekommt Hilfe von zurückgekehrten Helden.

Eigenartigerweise ändert diese neue Vergangenheit nichts an der Gegenwart. Die wiederhergestellten Helden helfen Superman im Kampf gegen die anderen. Ein neues Multiversum entsteht: Earth-2, Earth-1 wird Earth-1985 und so weiter, Dr. Manhattan lässt sogar viele Jahre in die Zukunft blicken: Neue Krisen werden auf die Helden erwarten. Bruce Wayne wird eine Tochter bekommen. Aber in jedem Szenario wird Superman immer überleben. „Because hope is the north star of the Metaverse.“

Doomsday Clock zurückgesetzt

Im Epilog bringt Dr. Manhattan wieder die Charaktere aus dem Watchmen-Universum zusammen. Ozymandias erklärt, dass er alles so geplant und seine Hoffnung schon immer auf Superman gelegen habe. Der Comedian schießt auf Ozymandias, Lex Luthor bringt den Comedian zurück in seine Welt, sodass dieser seinen Fall aus Watchmen #1 fortsetzt. Reggie Long benutzt seine Rorschach-Maske, um Ozymandias‘ Blutung zu stoppen, damit er vor Gericht gebracht werden kann. Dr. Manhattan rettet Carver Colman das Leben, dieser outet sich als schwul, tritt für Homosexuellenrechte ein und stirbt 2005 an der Seite seines Partners.

Watchmen, assemble: Dr. Manhattan mit alten Weggefährten.

Marionette und Mime bekommen ihren versprochenen Sohn nicht wieder, Dr. Manhattan vertröstet sie mit ihrer neuen Tochter, womit sie sich eigenartigerweise zufrieden geben. Dr. Manhattan zieht den Sohn einige Jahre groß, überträgt seine letzte Kraft auf den Jungen und schickt ihn zur Familie Hollis, also zu Daniel Dreiberg (Nite Owl) und Laurie Jupiter (Silk Spectre II), die bereits eine Tochter, Sally, haben. Der Junge nennt sich Clark und hat ein Wasserstoff-Symbol auf der Stirn. Dr. Manhattan ist verschwunden, aber in neuer Form wieder da.

Das letzte Wort hat der bengalische Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore: „Every child comes with the message that God is not yet discouraged of man.“ Wie Rorschachs Maske wird der Titel der Ausgabe, „Discouraged of Man“, durch das ganze Zitat ins Positive gewendet. Das Kind wird zum Symbolträger der Hoffnung.

Die Welt der Watchmen ist eine bessere geworden: Dr. Manhattan hat mit seiner letzten Kraft auch neues Leben geschaffen (mutmaßlich in der Wüste von New York) und alle Atomwaffen verschwinden lassen. Die Menschen ziehen in Friedensmärschen durch fast alle großen Städte der Welt und fordern, keine neuen Atomwaffen mehr zu bauen. Die „Doomsday Clock“ wird zurückgesetzt.

Fazit: Ein Comic für alle?

Doomsday Clock bringt nicht nur die Welt von Watchmen mit dem DC-Universum zusammen, sondern unterwirft mit diesem versöhnlichen Finale auch Watchmen den Gesetzen des DC-Universums. Während Watchmen von einem konsequent zynischen und pessimistischen Grundton geprägt ist, von Determinismus und Fatalismus, von der Ewigen Wiederkehr, wird all das in Doomsday Clock durch eine optimistische Hoffnungsbotschaft ersetzt. Der weltentrückte und tatenlose Dr. Manhattan findet seinen Widerpart in einem handlungsorientierten Superman, der die Welt, das Leben und die Menschen nie aufgibt. Superman vollbringt das Unmögliche: Er bewegt den unbewegten Beweger. Der Gott der Vernichtung wird zum neuen Schöpfer.

Dadurch wird das versöhnliche Ende zu einem zwanghaften „Alles ist gut“. Alle bekommen, was sie verdienen: Die Guten werden belohnt, der Schurke bestraft. Jeder findet aus der Lüge in die Wahrheit. Sogar die Toten (Carver Colman) finden ins Leben zurück, das natürlich ebenfalls erfüllt ist.

Jeder gegen jeden: Superhelden kämpfen in Washington.

Bei all dem kann man leicht übersehen, dass einige Handlungsstränge im Nichts verlaufen: Im Grunde erfüllen die neuen Figuren Marionette und Mime kaum eine Funktion, auch der Comedian nicht, und die Konfrontation dieser drei mit dem Joker erscheint im Rückblick mehr als ein Gag ohne Pointe. Zum Schluss sieht man Marionette und Mime in einem angedeuteten Bandenkrieg mit dem Joker bloß sinnlos durch die Stadt rasen, während der Comedian auf dem Rücksitz liegt. Statt nach ihrem Sohn zu suchen, amüsieren sie sich bloß.

Auch Reggie Long wird nach seiner kurzen Vorstellung als Rorschach II in einer narrativen Sackgasse geparkt, versinkt in Resignation und wird zweimal von Alfred um Hilfe gebeten, um dann von Batman wieder aus der Dunkelheit ins Licht geführt werden. Aber die Tatsache, dass er am Ende Ozymandias aufspürt, spielt für die Geschichte keine Rolle, weil am Ende ohnehin Dr. Manhattan alle an einem Ort versammelt. Reggie darf am Ende nur eins tun: Ozymandias das Leben retten, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Es bleibt der Eindruck zurück, dass es nur darum gegangen ist, jemanden die schwarz-weiße Maske tragen zu lassen, weil der erste Rorschach tot ist. Reggie ist nichts als ein Bauernopfer – wenn auch kein uninteressanter Charakter. Aber am Ende verschenktes Potenzial.

Superman als Zentrum des Metaverse

Im Mittelpunkt steht Superman, obwohl es bis zur Hälfte gar nicht seine Geschichte ist. Er wird nicht nur zum ultimativen Hoffnungssymbol überhöht, sondern auch zum Zentrum des Multiversums gemacht. Weil er der erste Superheld ist, richten sich das Metaverse und alle Parallelwelten stets nach ihm. Acht Jahrzehnte nach seiner Entstehung betreibt DC mit dieser Figur anscheinend nichts als Heiligenverehrung, statt aus ihm endlich (wieder) einen interessanten Charakter zu machen.

Am Ende bleibt der Eindruck zurück, dass die Fusion von Watchmen mit dem DC-Universum nur zum Zweck diente, letzteres auf einer Meta-Ebene zu erklären und neu zu ordnen. Das wurde bereits in Doomsday Clock #11 deutlich, als sich nach der Metaverse-Erklärung in Ausgabe #10 narrativer Leerlauf einstellte. In der letzten Ausgabe wird zwar alles erklärt und zu Ende gebracht, aber das nur zu dem Zweck, wieder einen Status quo herzustellen, der nach einigen Umwälzungen der letzten Jahre im DC-Universum verloren gegangen ist. Das neue Multiversum ist im Grunde ein altes. Wer beim letzten Hausputz verloren gegangen ist, ist wieder da. Damit dürften vor allem angestammte Fans versöhnt sein.

Alles endet: Dr. Manhattan hat verstanden.

In Doomsday Clock versuchen Autor Geoff Johns und Zeichner Gary Frank, ihren Vorbildern Alan Moore und Dave Gibbons Tribut zu zollen. Das gelingt in sehr beeindruckender Weise. Entstanden ist ein weitgehend anspruchsvolles und voraussetzungsreiches Werk. Stilistisch scheint es aber nur auf den ersten Blick nah dran zu sein. Watchmen war ein Comic, das innovativ und zeitlos war, weil es nicht gefällig sein wollte. Es zerlegte die Gesellschaft im Angesichts des Kalten Krieges und es ist bis heute aktuell in seiner Darstellung der Conditio humana, auch formal setzte es Maßstäbe fürs Medium. Doomsday Clock geht nicht über Watchmen hinaus, sondern tritt dahinter zurück. Es will ein Comic sein, das es allen recht macht. Das dürfte nicht im Geiste des Erfinders sein.

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