Doomsday Clock #3: Not Victory Nor Defeat

doomsday clock #3 cover

DC Comics

Wenn nichts endet, wie Dr. Manhattan sagt, bedeutet das in der Welt von Watchmen auch, dass sich Geschichte wiederholt. Alles kehrt immer wieder. Auch in Doomsday Clock. In Ausgabe drei sehen wir noch einmal den Mord am Comedian, diesmal aber ist der Täter Ozymandias erkennbar. Es beginnt mit einer zerschellenden Ginflasche (wie viele andere Produkte auch aus dem Hause Veidt), Edward Blake wird durchs Fenster geworfen, aber statt auf die Straße fällt er ins Meer. Als er an den Strand kriecht, sieht er den Verantwortlichen: Dr. Manhattan.

In der Gegenwart rächt sich der Comedian an Ozymandias: Schon im Kapitel zuvor hat er in Lex Luthors Büro auf ihn geschossen, dabei Luthor getroffen. Im Kampf ist Blake überlegen, Ozymandias flieht mit einem Sprung durchs Fenster, landet jedoch weicher als damals der Comedian und endet, wie auch Luthor, im Krankenhaus.

Rückblende zu Watchmen: Veidt tötet den Comedian.

Dr. Manhattan rettet den Comedian.

Marionette und Mime gehen in eine Bar des Jokers, wo sie mit ihrer Aufmachung gegen das herrschende Schminkverbot verstoßen. Als Jokers Handlanger die beiden bestrafen wollen, richtet das Paar ein Gemetzel an. Dann verlangen sie, den Chef zu sprechen.

Batman ist ein langsamer Leser, Rorschach ungeduldig beim Warten.

Batman konfrontiert Rorschach in der Bathöhle. Dieser gibt ihm, nach einigen unbeholfenen Erklärungsversuchen, das Tagebuch seines Vorgängers. Während Batman liest, lädt er den Eindringling dazu ein, sich in Wayne Manor einzurichten. Rorschach fühlt sich unwohl mit dem Luxus, legt aber die Maske ab und steigt unter die Dusche. Zum ersten Mal sieht man Reggie Long, der hier noch nicht so genannt wird. Bei Reggie kommen Schuldgefühle hoch, dass er sich mit dem Massemörder Ozymandias eingelasen hat, unter der Dusche kratzt er sich die Kopfhaut auf. Das symmetrisch herunterlaufende Blut wird ihm zur zweiten Maske. Später hat er einen Albtraum von dem „Alien-Invader“ von New York, der vor seinem Auto auf der Straße auftaucht.

Rorschach nimmt die Maske ab und wird zu Reggie Long.

Als Rorschach nach 24 Stunden aufwacht, lockt ihn Batman nach Arkham Asylum, indem er behauptet, dort Dr. Manhattan gefunden zu haben. Dann sperrt er Rorschach in eine Zelle. „We’re all mad here“, steht auf der Zellenwand, ein Zitat aus Alice im Wunderland. (Figuren aus dem Buch tauchten bereits in Doomsday Clock #2 auf: Mad Hatter sowie Tweedledum und Tweedledee .) Die Geschichte wiederholt sich auch hier: Bereits in Watchmen #5 wurde Rorschach in eine Falle geführt und ist danach im Gefängnis gelandet.

Das letzte Wort in diesem Kapitel hat der ehemalige US-Präsident Theodore Roosevelt:

„For better it is to dare mighty things, to win glorious triumphs, even though checkered by failure…than to rank with those poor spirits who neither enjoy nor suffer much because they live in a gray twilight that knows not victory nor defeat.“

Es sei besser, nach Höherem zu streben, sagt er, auch wenn man dabei Rückschläge erleidet, als sich mit den armen Seelen in eine Reihe zu stellen, die weder viel leiden noch viel genießen, weil sie im grauen Zwielicht leben, in dem es nichts zu gewinnen oder zu verlieren gibt. Das trifft auf den Größenwahn von Ozymandias und Luthor zu, aber auch auf die anderen Superhelden und -schurken, die mit ihren ungewöhnlichen Leben zwischen den Extremen schwanken. Damit rechtfertigt das Zitat das Superheldendasein indirekt, das in Watchmen sehr kritisch gesehen wird.

Film Noir: The Adjournment

In Doomsday Clock sind die Menschen im Zwielicht die Bewohner des Altenheims, denen nichts anderes bleibt, als sich um das Fernsehprogramm zu kümmern. Johnny Thunder (früher Träger des Zauberwesens Thunderbolt) steht währenddessen nur am Fenster und wartet darauf, dass seine Enkelin und ihr Sohn ihn zum Abendessen abholen, wie jeden ersten Montag im Monat. Aber es kommt wohl niemand mehr, es ist schon nach zehn. Thunder ist traurig: „But I wore my best suit.“

Streit ums TV-Programm: Zwischen Nachrichten über Metawesen und Film Noir.

Währenddessen streiten die Heimbewohner um das Fernsehprogramm im Gemeinschaftsraum: Die einen wollen einen Bericht über die Supermen-Theory sehen (mittlerweile hat auch Lady Clayface zugegeben, von der Regierung rekrutiert worden zu sein), ein Bewohner namens Donald besteht auf einem alten Film Noir: The Adjournment von 1954 mit Carver Colman in seiner letzten Rolle als Privatdetektiv Nathaniel Dusk.

Johnny Thunder wartet vergeblich auf seine Familie.

The Adjournment ist das Pendant zu den Tales of the Black Freighter, die in Watchmen #3 beginnen. Statt eines Comics im Comic gibt es nun einen Film im Comic. Bereits in Doomsday Clock #2 (Seite 19) laufen Rorschach und Ozymandias an einem Elektronikladen vorbei, in dem ein Fernseher im Schaufenster eine Werbung für den „Nathaniel Dusk-Marathon“ zeigt: „The p.i. with nothing left to lose!“ The Adjournment wird als kontroverser, aber preisgekrönter Film eingeführt. Außerdem heißt es, Carver Colman sei nach diesem Film brutal ermordet und sein Tod nie aufgeklärt worden.

Hardboiled Detective: Nathaniel Dusk hat nichts zu verlieren.

Zu Beginn des Films erzählt der Held aus dem Off, dass er seine Frau an ihren Ex-Mann verloren habe, ein Gangster hat sie getötet, später wurde dieser erschossen. Ihre beiden Kinder (Sohn und Tochter, die nicht von Dusk stammen) sind bei den Eltern seiner Frau in Indiana. Nathaniel Dusk sitzt Heiligabend in seinem Büro und trinkt, als jemand hereinkommt. Dusk richtet eine Waffe auf den Besucher.

Schrödingers Katze lässt grüßen: Alles, was Nathaniel Dusk geblieben ist.

Einige Seiten später wird Dusk von Lt. Murray Abrahams zu einem Tatort geführt. Zwei Tote mit Schusswunden in den Köpfen liegen in einer Wohnung: Alastair Tempus, Banker im Ruhestand, und Bentley Farmer, Stadtplaner und Schwager von Abrahams. Zwischen ihnen liegen ein Schachbrett und drei Schachfiguren: weißer Springer, schwarzer König, weißer Bauer. Dusk vermutet, dass nur einer das primäre Ziel war und fragt sich, wer nur Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Später betritt er die Wohnung seiner toten Frau, wo noch immer ein Weihnachtsbaum und ein ungeöffnetes Geschenk für Dusk stehen. „Whatever’s in this box…it’s all I have left of the greatest love of my life.“ (Die Ungewissheit der verschlossenen Kiste erinnert an das Gedankenexperiment von Schrödingers Katze, das in Before Watchmen: Dr. Manhattan als Symbol dient.)

Doch der Film wird unterbrochen, weil jemand umschaltet zu den Nachrichten: Wir sehen den Brand nach einem Anschlag in Berlin. Verdächtigt wird der „Wild Hunstman“ (ist „Huntsman“ gemeint?), ein deutscher Superheld. Später wird von Metagen-Detektoren an Flughäfen berichtet, die Superwesen aufdecken sollen. Fremdenfeindlichkeit schlägt in Paranoia über. Metawesen werden verfolgt und entführt.

Durch diese Erzählmethode des Umschaltens zwischen den Sendern gelingt es, zwischen den Ereignissen in der Welt und der Binnenhandlung des Films hin- und herzuspringen, ohne das Medium wechseln zu müssen. Zunächst spiegelt sich in Dusks Situation Johnny Thunders Einsamkeit, seine Ermittlung spiegelt die Suche der Superhelden. Noch deutlicher erinnert aber der Fall an die Handlung aus Watchmen: Dort ist es Ozymandias, der unvorhergesehenerweise zuerst den Comedian tötet und dann weitere Tote folgen lässt, um nicht aufzufliegen. Der Film läuft auch im Wärterhäuschen von Arkham Asylum. Am Ende spoilert der Wärter, dass am Ende einer der Toten als Mörder entlarvt wird.

Im Anhang wird in im Hollywood-Klatsch-Magazin Screenland Secrets erklärt, dass Colman mit seiner Oscar-Statue erschlagen wurde. Verdächtigt wird seine angebliche Mutter, die Verbindungen zur Sabella-Mafia gehabt und versucht haben soll, ihren Sohn zu erpressen. In seinem Haus hat die Polizei einen geheimen Raum mit einer großen Uhrensammlung gefunden, den „ticktock room“. Damit wird bereits seine Verbindung zum „Watchmaker“ Dr. Manhattan angedeutet. Nicht von ungefähr trägt sein letzter Film den Titel The Adjournment, also „Die Vertagung/Verschiebung“.

Doomsday Clock #2: Places We Have Never Known

doomsday clock #2 cover

DC Comics

Ein schwarzes Kostüm liegt auf dem Boden, mit zwei roten Knöpfen, die wie Augen aussehen, der Faltenwurf erinnert an ein Lächeln – wieder einmal spiegelt sich der Smiley des Comedian als allgegenwärtiges Symbol. Daneben liegen schwarz-weiß gestreifte Strümpfe und eine Handtasche, aus der ein Lippenstift und ein Flakon Nostalgia gefallen sind.  Die Schurken Marionette und Mime ziehen ihre Kostüme an: schwarz-weiß, gestreift. So schminken sie auch ihre Gesichter. Marionette riecht an einem Nostalgia-Flakon und sagt: „They don’t make this anymore.“ Damit erweist sie sich nicht nur selbst als Nostalgikerin, sondern zitiert auch Rorschach, der in Watchmen fast dasselbe über „American love“ geschrieben hat.

Marionette & Nostalgia

Nostalgia: „They don’t make this anymore.“

Marionette erzählt, dass erst das Auftauchen der Minutemen im Jahr 1939 jeden Möchtegern-Verbrecher in New York dazu gebracht habe, eine Maske zu tragen. Eine Frau, die sich „The Tailor’s Wife“ nannte, nähte für jeden Kostüme auf Bestellung. Aber die Verkleidung änderte nichts daran, dass jeder trotzdem Angst hatte vor dem Comedian und Nite Owl. Dank Veidt sei aber die Welt nicht mehr schwarz oder weiß. „You can’t put your faith in anyone these days.“

Mime & Marionette

Posieren für die Kamera in schwarz-weiß: Mime und Marionette beim Bankraub.

In alter Watchmen-Tradition wird in einer Rückblende von einem Bankraub erzählt, den Marionette und Mime zu verüben versuchten.  Wir sehen den Raub zunächst durch den schwarz-weißen Überwachungsmonitor wie im Fernsehen und tatsächlich wird er inszeniert wie eine Showeinlage, als ginge es mehr um das Wie als um das Was, allerdings zur Unterhaltung der Täter. Während Mime die Menschen damit irritiert, dass er ihre Reaktionen pantomimisch nachahmt und imaginäre Waffen auf sie richtet, spannt Marionette einen dünnen Draht zwischen ihren Händen, mit dem sie dem Filialleiter der Bank einen Finger abschneidet. Der Faden der Marionette dient also nicht dazu, sie zu manipulieren, sondern ist eine Waffe, die sie selbst kontrolliert.

Dr. Manhattan & Marionette

Dr. Manhattan verschont die schwangere Marionette.

Dann taucht Dr. Manhattan auf und beendet den Raubzug der beiden, der bereits einige Menschenleben gekostet hat. Er verschont Marionette, als er bemerkt, dass sie schwanger ist. Ozymandias erklärt es damit, dass Marionette einen Moment in Jons Vergangenheit repräsentiere und ihn daran erinnert, wer er zuvor gewesen sei. Das ist auch der Grund, weshalb er sie mitgenommen hat. (Später wird Jons Zögern damit begründet, dass er in Vietnam den Comedian eine Schwangere erschießen ließ.)

Atomrakete

Berühmte letzte Worte: „Look! Up in the sky!“

In der Gegenwart reisen Ozymandias, Rorschach, Marionette und Mime in das DC-Universum, um Dr. Manhattan zu finden. In dem Moment schlägt die Atomrakete in New York ein. Ihre Ankunft kommentieren die Menschen wie die Erscheinung Supermans: „Look! Up in the sky!“ „Is that a plane?“

Owl Ship & Batsignal

Da macht die Fledermaus Augen: Das Owl Ship kommt nach Gotham City.

Die Helden entkommen nur knapp der nuklearen Vernichtung und fliegen nach Gotham City. Das Owl-Ship verleiht dem Batsignal am Himmel kurz leuchtende Augen, bevor das Schiff in einem stillgelegten Vergnügungspark Bruch landet. (Dort ist im Hintergrund ein Helter Skelter zu sehen, jene Rutsche, auf die schon das Cover von Watchmen #3 anspielte.)

Krise in Gotham City

Die beiden Helden fesseln die beiden Schurken mit Handschellen, informieren sich in der Bibliothek, wer die klügsten Menschen auf dem Planeten sind, und beschließen, sie um Hilfe zu bitten: Lex Luthor und Bruce Wayne. Marionette und Mime befreien sich später selbst.

Doomsday Clock: Batman

Das Image der Superhelden leidet: Demonstranten gegen Batman.

Die Lage in Gotham ist angespannt: Wayne Enterprises verklagt Lexcorp wegen Industriespionage, die Firma könnte von Lexcorp gekauft werden. In Gotham gehen die Menschen gegen Batman auf die Straße, sie nennen ihn einen Faschisten und Terroristen und fordern ein Ende des Vigilantismus. Bruce muss bei einer psychologischen Untersuchung seiner Firma einen Rorschachtest machen. Obwohl später deutlich wird, dass ihn die Flecken an eine Fledermaus und seine ermordeten Eltern erinnern, lügt er den Arzt an, er würde nur Boote sehen. Damit steht er in der Tradition von Rorschach (Watchmen #6).

Rorschachtest

Bruce Wayne mogelt beim Rorschachtest.

Der neue Rorschach bricht in Wayne Manor ein und entdeckt – kurz vor Mitternacht – die Bathöhle. „He must be a monster“, denkt er, als er sich die Trophäen ansieht. „Only monster would keep trophies like this.“ Mit dieser Einstellung habe bereits Kovacs so viele „Tiere“ gefangen, sie hätten die Vergangenheit nicht ruhen lassen können. Besessen davon jagen Leute wie sie der größten Lüge nach, dass Helden noch nicht tot seien. Gleichzeitig ist aber dieser Rorschach selbst ein Wiedergänger seines Vorbilds und imitiert ihn bis ins Detail.

Doomsday Clock: Rorschach in Wayne Manor

Rorschach findet die Bathöhle.

Gleichzeitg bricht Ozymandias  bei Lexcorp ein und versucht, Lex Luthor zu überzeugen, ihm zu helfen, aber der will ihn sofort rauswerfen lassen. Da taucht plötzlich der Comedian auf und schießt auf Ozymandias, der weicht aus und die Kugel trifft Luthor. Der Comedian will sich an Ozymandias für den versuchten Mord an ihm rächen. Mit dem Smiley schließt sich der Kreis zum Coverbild.

Comedian

Der Comedian schlägt zurück.

Die „Supermen Theory“

Im Anhang erklären Presseartikel die Aufregung um Superhelden: Eine Verschwörungstheorie kursiert, die besagt, dass Superhelden von der US-Regierung erschaffen worden seien. Der Beleg dafür ist, dass sich in den USA die meisten Metamenschen konzentrieren. Die „Supermen Theory“ geht von der Genetikerin Helga Jace aus Markovia aus. Verdächtigt werden vor allem Metamorpho (Rex Mason) und Man-Bat (Kirk Langstrom). Superman ruft die Menschen zur Besonnenheit auf. Er scheint noch der einzige vertrauenswürdige Superheld zu sein.

Jakobs Kampf am Jabbok

Jakob kämpft gegen den Engel: Veidt bewundert Luthors Geschmack.

Die Menschen legen sich mit den „Göttern“ an. Passend dazu hängt in Luthors Büro ein Gemälde, das Jakobs Kampf am Jabbok zeigt (Gen 32,23–33). Jakob kämpft vor der Konfrontation mit Esau mit einem unbekannten Mann, der Kampf endet unentschieden. Jakob fordert: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Daraufhin erhält er den Namen „Israel“, weil er mit Gott gerungen habe. Oft wird der „Mann“ als Engel dargestellt, so auch hier. Das Bild steht für Luthors Eitelkeit und Hybris. „I admire your taste, Mr. Luthor“, sagt Veidt. „And your aspirations.“ Zugleich nimmt es Veidts Plan auf, selbst mit Gott, Dr. Manhattan, zu ringen.

Das Schlusszitat der Autorin Carson McCullers bezieht sich nicht nur auf die Figuren, die zwischen dem Vertrauten und dem Ungewohnten pendeln:

„We are torn between nostalgia for the familiar and an urge the foreign and strange. As often as not, we are homesick most for the places we have never known.“

Das Heimweh nach nie gekannten Orten ist auch der Wunsch, der Dr. Manhattan dazu gebracht hat, eine neue Galaxie aufzusuchen, neues Leben zu erschaffen und ihn schließlich ins DC-Universum geführt hat. Es beschreibt zugleich auch die Herausforderung, der sich Geoff Johns und Gary Frank mit Doomsday Clock stellen: Einerseits ist die Serie durchzogen von Watchmen-Nostalgie, gleichzeitig wird versucht, etwas Neues zu erzählen. Nicht zuletzt ist es auch der Wunsch der Leser, der eigentlichen Watchmen. Wir schauen zu und hoffen, dass Doomsday Clock ein rechtes Maß findet zwischen dem Vetrauten und dem Unbekannten, das seine Existenz rechtfertigt.

Doomsday Clock #1: That Annihilated Place

Cover zu DC Universe Rebirth #1

Cover zu DC Universe Rebirth #1 (DC Comics)

Das DC-Universum der Superhelden hat viele Wandlungen durchgemacht: Das ausufernde Personal, Parallelwelten und Zeitlinien wurden immer wieder in Events mit „Crisis“ im Titel neu geordnet, bereinigt und verkompliziert. Zuletzt wurde Flashpoint (2011) zum Anlass für einen Komplett-Reboot. Nur die Welt von Watchmen blieb immer ihre eigene. Sie wurde zwar mit Before Watchmen 2012 in mehreren Prequels erweitert (gegen den Willen Alan Moores), aber sie blieb für sich bestehen. Ergänzungen oder Fortsetzungen hat dieses Werk nicht nötig. (Auch wenn es selbst auf der Adaption von Superhelden aus dem Hause Charlton Comics beruht.)

Im Jahr 2016 änderte sich das. Mit DC Universe Rebirth #1, einer Art „Soft Reboot“, wurde versucht, einige Charaktere, die 2011 mit The New 52 abgeschafft wurden, wieder einzuführen, wie etwa Wally West (Flash). Aber um überhaupt zu erklären, warum sie verschwunden sind, wurde angedeutet, dass Dr. Manhattan dafür verantwortlich sein könnte.

Batman/Flash: The Button

The Button (DC Comics)

Am Ende des Specials entdeckt Batman in der Bathöhle den blutbefleckten Smiley-Anstecker des Comedian aus Watchmen. Im Epilog sieht man, wie auf dem Mars die kaputte Armbanduhr von Wally West wie durch Geisterhand repariert wird, dazu wird der kurze Schlussdialog zwischen Dr. Manhattan und Adrian Veidt (Ozymandias) aus Watchmen #12 zitiert: „I did the right thing, didn’t I? It all worked out in the end“, sagt Adrian. – „In the end?“, sagt Dr. Manhattan. „Nothing ends, Adrian. Nothing ever ends.“ Damit rechtfertigt Autor Geoff Johns indirekt seine Absicht, Watchmen fortzusetzen: Wenn nichts endet, dann auch nicht das.

Das letzte Bild zeigt eine gelbe, blutbefleckte Uhr, die auf viertel vor zwölf steht. Darunter der Satz: „The Clock is ticking across the DC Universe!“ Und damit endet Rebirth #1.

Die Geschichte wird fortgesetzt in dem Vierteiler: Batman/Flash: The Button (2017). Der Reverse-Flash (Eobard Thawne) greift Batman in der Bathöhle an, doch als er den Button an sich nimmt, verschwindet er und kehrt kurz darauf wieder, um zu sterben. Seine letzten Worte: „I saw … God.“ Damit leitet die Handlung über zu Doomsday Clock, der Fortsetzung von Watchmen, die diese Welt mit dem DC-Universum verbindet.

Der Titel bezieht sich auf das Symbol der Atomkriegsuhr, das bereits in Watchmen auftauchte und anzeigt, wie nah die Menschheit vor dem Weltuntergang steht. Erfunden wurde die Doomsday Clock 1947 vom Science and Security Board der wissenschaftlichen Zeitschrift Bulletin of the Atomic Scientists. Zu Beginn stand sie auf sieben Minuten vor Mitternacht. 1984 stand sie bei drei Minuten und blieb dort auch, als Watchmen herauskam (1986-1987). 2007 wurde auch die Gefahr des Klimawandels in die Berechnung miteinbezogen. Seit 2018 steht sie auf zwei Minuten vor Mitternacht.

Das Ende ist da

doomsday clock #1

DC Comics

Doomsday Clock, geschrieben von Geoff Johns und gezeichnet von Gary Frank, orientiert sich an Struktur und Stil von Watchmen: Es sind zwölf Ausgaben, die Layouts entsprechen häufig dem Neuner-Raster, und auch die Cover bilden jeweils die ersten Panels.

Die erste Ausgabe beginnt anders als Watchmen #1 nicht mit einem Smiley, sondern mit einer Gruppe wütender Demonstranten. Einer hält ein Schild hoch mit der Aufschrift: „THE END IS HERE“, eine Zuspitzung des Schildes, das Walter Kovacs trug („THE END IS NIGH“). Auf einem anderen steht, in Anspielung auf Donald Trump, „Make America Save Again“. Die Demonstranten kippen ein Polizeiauto um, Polizisten stehen mit Knüppeln vor der Veidt-Zentrale, ein Demonstrant hat eine abgebrochene Flasche in der Hand. Wie schon auf Seite 1 von Watchmen #1 zoomt die Perspektive raus vom Kleinen ins Große.

doomsday clock #1: the end is here

Demonstranten verkünden das Ende der Welt.

Ein neuer Rorschach

Wieder lesen wir den Auszug aus einem Tagebuch, Schrift und Stil erinnern an Rorschach und tatsächlich erfahren wir auf Seite 6, das es einen neuen Rorschach gibt. Die Handlung setzt im November 1992 ein, sieben Jahre nach den Ereignissen von Watchmen. Auf den ersten Seiten erfahren wir, dass Adrian Veidts getürkte Alien-Invasion aufgeflogen ist, eine neue Eskalation zwischen den USA und Russland bahnt sich an, die Welt steht wieder am Abgrund, die Menschen sind aufgebracht. Adrian Veidt ist verschwunden und wird weltweit gesucht, um für sein Verbrechen zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die Pressefreiheit wird eingeschränkt: Zeitungen, die damals die Lüge aufgedeckt haben, wurden geschlossen.

doomsday clock #1

Aufstand gegen die Polizei.

Der neue Rorschach orientiert sich am alten: Die Tagebucheinträge erinnern an den des 12. Oktober 1985. Statt des Kadavers eines toten Hundes auf der Straße beschreibt er die Leichen, die nach der Alien-Teleportation auf den Straßen lagen. Bei den Schreien ist von Echokammern ist die Rede, statt von Prostituierten und Politikern von „undeplorables“ (Nicht-Bedauernswerten), die die andere Seite für ihre Misere verantwortlich machen. „Their tolerance is a one-way street.“

doomsday clock #1

Aufstand gegen Adrian Veidt.

Die Totalitären schauen weg und predigen die Rückkehr zu rosigeren Zeiten, ohne zu bemerken, dass diese Zeiten für die anderen nicht so rosig waren. Jetzt wirkt die Menschheit wie ein verlassenes Kind: „God turned his back, left paradise to us. Like handing a five-year-old a straight razor.“ Die Metapher wird zu einer unappetitlichen Allegorie ausgeschmückt. Kurz gesagt: der Menschheit geht es dreckiger als je zuvor.

Daher sieht Rorschach dem Weltende entgegen: Nur noch die Insekten werden bald überleben und sich um die Überreste der Gemäßigten bekriegen. „Maybe the world should burn this time.“ Während in Watchmen #2 der Comedian noch verkündete, der Amerikanische Traum sei (mit ihm) wahrgeworden, schreibt  Rorschach II: „We shattered the American Dream. This is the American Nightmare.“

doomsday clock #1

Erinnerungen an den Comedian werden wach, wenn Glas zu Bruch geht.

Weitere Parallelen zu Watchmen tun sich auf: Statt des Comedian sehen wir einen Ziegelstein und später einen Stuhl durchs Fenster fliegen, ein Demonstrant wird erschossen und landet im Brunnen des Foyers von Veidt, wie einst der Attentäter, den er auf sich selbst angesetzt hat. Gleichzeitig dringen Soldaten in Karnak ein und finden nur leere Räume vor, darunter einen Behandlungsraum mit dem Röntgenbild eines Schädels mit einem Tumor.

doomsday clock #1

Die große Lüge lässt Fenster zu Bruch gehen.

Der US-Präsident schweigt zu all dem und spielt in der Zwischenzeit Golf, die Medien vermelden seine Erfolge dabei – wieder ein Seitenhieb auf Trump. Ein Sprecher verkündet über den staatlichen Sender National News Network (dessen Logo an umgedrehte SS-Runen erinnert), dass wenn die Russen ihre Panzer nicht in vier Stunden aus Polen zurückziehen, der Präsident mit „voller Macht“ zurückschlagen wird. Das Land wird evakuiert.

Zwei neue Figuren: Marionette und Mime

Rorschach dringt in ein Gefängnis ein und befreit zwei Insassen: die Schurken Marionette und Mime (Adaption von Charltons Figuren Punch and Jewelee). Während Rorschach durchs Gefängnis geht, erzählt er von seinem Pancake-Frühstück in einem Diner. Weil seine Kellner von ihrem Freund geschlagen wurde, hat er ihm die Hände gebrochen und eine Gabel in die Zunge gestochen. Dadurch hat er das Frühstück versäumt. Der neue Rorschach scheint ganz der Alte zu sein.

Rorschach 2

Einbruch ins Gefängnis: der neue Rorschach.

Während er die Zellentür von Marionette (Erika Manson) aufschließt, bringt das US-Militär mit Schlüsseln die Atomraketen in Bereitschaft. Mit dem Foto ihres kleinen Sohnes überredet er sie, mitzukommen. Die Mission: „Find God. Save world.“ Marionette besteht darauf, ihren Mann Mime (Marcos Maez) mitzunehmen. Aus Unruhe darüber, dass das Gefängnis nicht evakuiert wird, übernehmen die Insassen die Anstalt und gehen auf Mime los, er rächt sich brutal. Bevor das Paar mit Rorschach flieht, nimmt Mime noch seine unsichtbaren Waffen mit. Die Szene erinnert sehr an Watchmen #8, wenn Laurie und Daniel Rorschach aus dem Gefängnis befreien. Auch Rorschach besteht später darauf, sein Kostüm zu holen.

Rorschach

Nite Owl fehlt: Rorschach mit Owl Ship „Archie“.

In Doomsday Clock fährt Rorschach Marionette und Mime zu Daniel Dreibergs Owl Cave, wo sie auf Ozymandias treffen. Er erklärt ihnen, dass er Krebs hat und dass er Dr. Manhattan (Jonathan Osterberg) finden will, um die Welt zu retten. Er bietet dem Verbrecherpaar 200 Millionen Dollar an. Währenddessen herrscht in New York eine Massenpanik: Menschen verlassen die Stadt, auf der Brücke bildet sich ein Stau.

Marionette Superman

Im Epilog sehen wir Clark Kent neben Lois Lane in Metropolis schlafen. Er  träumt davon, wie seine Eltern ihn zu einem Schulball fahren. Clark fühlt sich unwohl im Anzug, er will nicht so tun, als wäre er wie alle anderen, die denken, er sei ein Versager. Sein Vater tröstet ihn: Eines Tages werde er die Welt an seinem Geheimnis teilhaben lassen. „It’s not you, Clark. It’s the world“, sagt Jonathan Kent. Die Welt ist verkehrt, nicht er. Als die Eltern zurückfahren, haben sie einen Unfall und sterben. Dann erwacht Clark aus seinem Traum und sagt Lois, er habe noch nie einen Albtraum gehabt. Wenn der „American Nightmare“ wahr wird, gebiert auch bei Superman der Schlaf der Vernunft Ungeheuer.

doomsday clock #1: walden two

Clark Kents Bettlektüre: „Walden Two“.

Auf Clarks Nachttisch liegt das Buch Walden Two von B.F. Skinner aus dem Jahr 1948. Es ist ein zentrales Werk des radikalen Behaviorismus, das eine utopische Gesellschaft entwirft. Der Titel ist eine Anspielung auf Henry David Thoreaus Walden (1854). Im Gegensatz zu Thoreau geht es bei Skinner nicht um Selbstverwirklichung in der Einsamkeit, sondern in der Gesellschaft – daher ist der Titel auch als „Walden for two“ zu verstehen. Skinner schreibt auch, dass das Verhalten des Menschen nur von seiner Umwelt geprägt wird und es daher auch geformt werden kann.

Wie Superman strebt auch Ozymandias eine bessere Gesellschaft an und denkt, dass er das menschliche Verhalten in die richtigen Bahnen lenken kann. Der Unterschied ist, dass Ozymandias nicht vor Massenmord zurückscheut. Der Zweck heiligt für ihn die Mittel. Sein Plan aus Watchmen ist zwar gescheitert, trotzdem hält er an seiner Utopie einer friedlichen Menschheit fest.

Skinner lehnt darüber hinaus die Existenz einer Seele und den freien Willen ab. Damit führt Doomsday Clock in gewisser Weise den Determinismus fort, der schon bei Dr. Manhattan in Watchmen #9 angeklungen ist: „We’re all puppets, Laurie. I’m just a puppet who can see the strings.“

Dieser Satz bekommt hier eine doppelte Bedeutung: Zum einen wird mit Marionette eine Figur eingeführt, die Dr. Manhattans Metapher zu verkörpern scheint. Zum anderen wird angedeutet, dass Superman auch nur eine Marionette in einem größeren Zusammenhang ist. Im Epilog tut er als junger Mann bereits, was seine Eltern von ihm verlangen, und nicht, was er will. Seine Eltern sterben ohne eigenes Verschulden: Ein Laster rammt sie, als er bei Rot über die Ampel fährt. Die Kents prallen daraufhin gegen einen Baum – sie sind Opfer der Umstände. Später wird sich herausstellen, dass bei Superman Dr. Manhattan die Fäden in der Hand hält.

Ein anderes Ozymandias-Gedicht

Der Titel, „An Annhilated Place“, bezieht sich auf das Ozymandias-Gedicht von Horace Smith, das in Konkurrenz mit dem gleichnamigen von Percy Shelley geschrieben wurde und am Ende kurz zitiert wird. Len Wein hat es bereits am Ende von Before Watchmen: Ozymandias in voller Länge wiedergegeben:

In Egypt’s sandy silence, all alone,
Stands a gigantic Leg, which far off throws
The only shadow that the Desert knows:—
„I am great OZYMANDIAS,“ saith the stone,
„The King of Kings; this mighty City shows
The wonders of my hand.“— The City’s gone,—
Naught but the Leg remaining to disclose
The site of this forgotten Babylon.

We wonder,—and some Hunter may express
Wonder like ours, when thro‘ the wilderness
Where London stood, holding the Wolf in chace,
He meets some fragment huge, and stops to guess
What powerful but unrecorded race
Once dwelt in that annihilated place.

Smiths Gedicht behandelt zwar dasselbe Motiv wie Shelleys, aber es bietet eine interessante neue Perspektive: Während der erste Abschnitt inhaltlich dem von Shelleys Gedicht ähnelt, macht der zweite einen Sprung in die Zukunft, in dem von einem zerstörten und verwilderten London die Rede ist. Ein Jäger, der die Ruinen sieht, fragt sich, was für ein mächtiges unbekanntes Volk einst hier gelebt haben mag.

Es ist eine Vorausahnung eines Untergangs: So wie wir uns über die Fragmente des alten Ägypten wundern, so werden es einst andere über unsere Zivilisation tun. Alles ist vergänglich. Im Kontext von Doomsday Clock wirkt es noch passender als das von Shelley. Denn während Shelley mit den Worten endet „Look on my works, ye mighty, and despair!“, was angesichts des vergangenen Anspruchs ein Ausdruck von Ohnmacht ist, aber durch Veidts Verbechen neue Aktualität bekommt, handelt Smiths Ende von einer drohenden Auslöschung, was in Doomsday Clock den tatsächlich eintreffenden Dritten Weltkrieg meint. Aber davon später mehr.

Watchmensch (2009)

watchmensch

Brain Scan Studios

Zum Kinostart des Watchmen-Films kam im März 2009 Watchmensch heraus, eine Comic-Parodie und Satire auf die Geschichte hinter Watchmen. Eigentlich sollten die Rechte an der Serie an Alan Moore und Dave Gibbons zurückkehren, sobald sie nicht mehr gedruckt wurde, aber weil das nie der Fall war, blieben die Rechte bei DC Comics. Man kann sagen: Der Erfolg von Watchmen war Alan Moores Fluch. Daher konnte DC auch gegen seinen Willen eine Film-Adaption produzieren und Prequel-Comics herstellen lassen.

Watchmensch, von Rich Johnston geschrieben und von Simon Rohrmüller gezeichnet, umfasst nur 24 Seiten in Schwarzweiß und orientiert sich grob an der Story und sehr genau am Stil seiner Vorlage, nur dass es dabei nicht um Krieg und Frieden oder die Conditio humana geht, sondern um die Missstände in der Comicbranche.

Es beginnt mit einem Smiley-Button im blutigen Rinnstein, nur dass dieser Smiley eine Kippa und Schläfenlocken trägt. Der Erzähler und Held ist Spottyman, ein Rorschach-Verschnitt, der aussieht wie ein orthodoxer Jude (aber keiner ist). Er untersucht den Mord an Krusty dem Clown (Krustofski). Er findet in seinem Schrank ein „Black Dossier“ und konfrontiert die Anwälte Nite Nurse (statt Nite Owl), Ozyosbourne (statt Ozymandias) und Silk Taker (statt Silk Spectre) damit.

Das Black Dossier ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Sonderband der League of Extraordinary Gentlemen. Moore hat die Serie zunächst bei Wildstorm verlegen lassen, einen Verlag, den DC dann gekauft hat. Das Black Dossier ist noch bei DC erschienen, aber der Verlag hat es aus fadenscheinigen Gründen nicht außerhalb der USA verkaufen lassen. Glücklicherweise hat Moore die Rechte an der Serie behalten dürfen, aber er fühlte sich von DC verfolgt und bestand darauf, nichts mehr mit dem Verlag zu tun zu haben. In Watchmensch wird diese Regelung die „ABC-Firewall“ genannt (nach Alan Moores Label America′s Best Comics).

Spottyman

Spottyman statt Rorschach.

Der Drahtzieher der Verschwörung in Watchmensch ist Dr. Manhattan „Mr. Broadway“, ein Mann im Anzug ohne Hose und mit blauer Haut, seit ein Farbeimer auf ihn gefallen ist. Er arbeitet, bzw. steht für DC Comics und hat 1938 von Jerry Siegel und Joe Shuster die Rechte an Superman für 130 Dollar gekauft und später Alan Moore um seine Rechte betrogen, auch für dessen V for Vendetta. Er lässt den Watchmen-Film produzieren und ist nur interessiert am Merchandise, will aus Rorschach ein Happy Meal machen. Spottyman versammelt die anderen und es kommt zum Showdown in Ozyosbournes Haus in der Antarktis.

Mr. Broadway

Firewall-System: Mr. Broadway erklärt seinen Plan.

Am Ende wird ein riesiger Alan-Moore-Klon zur Watchmen-Premiere nach New York teleportiert, wo er nicht nur viele Menschen tötet, sondern auch einen Sinneswandel von Comicverlagen im Umgang mit den Autoren und Zeichnern herbeiführt: Superman wird gemeinfrei, Marvel zahlt an Jack Kirbys Erben enorme Tantiemen, Len Wein wird für Wolverine entschädigt, Steve Ditko vom Vatikan heiliggesprochen. Doch nicht Ozyosbourne ist dafür verantwortlich, sondern Spottyman. Er wollte den Wandel in der Branche herbeiführen. Die anderen wenden sich daraufhin der Musikbranche zu, wo angeblich den Anwälten die Rechte gehören.

Mr. Broadway

Blaue Farbe geht nie wieder raus: Die Entstehung von Mr. Broadway.

Watchmensch ist eine böse Abrechnung mit den Machenschaften großer Comic-Verlage, es steckt voller Anspielungen auf die Popkultur und hat auch deutliche Anleihen bei den Simpsons: Der Zeitungshändler Bernie wird zum „Comic Book Guy“, der sich weigert, Mangas zu verkaufen. Am Ende greift ein Seymour-artiger Comicleser zu Watchmensch und der Kreis schließt sich.

Leider ist der Comic vergriffen und auch nicht digital bei Comixology verfügbar. Eine Vorschau gibt es im Internet Archive.

Alan Moore

Alan Moores Klon verwüstet New York.

Watchmen: Director’s/Ultimate Cut (2009)

Watchmen Poster

Warner Bros.

Watchmen galt lange als unverfilmbar. Es ist ein Werk, das so sehr an das Medium Comic gebunden ist, dass die Übertragung in ein anderes Medium einen großen Verlust bedeuten würde. Andererseits ist Watchmen nie nur ein Comic gewesen, sondern mit seinen Paratexten, den Auszügen aus Büchern (z. B. Under the Hood), Zeitungsartikeln, Briefen und Akten immer auch schon ein Werk, das in andere Medien ausstrahlt.

2009 hat Regisseur Zack Snyder das scheinbar Unmögliche gewagt und mit seinem Film gespaltene Reaktionen hervorgerufen. Die einen lobten die Werktreue, die Visualität, die Effekte, die anderen kritisierten die Komplexität, die explizite Gewalt und die Abweichungen von der Vorlage. Der Film war kein Kassenerfolg, er spielte nur wenig mehr ein, als er gekostet hat.

Was viele nicht wissen: Die Kinofassung ist deutlich kürzer als der Film, den Zack Snyder gedreht hat. Der Director’s Cut ist erst zehn Jahre später in Deutschland erschienen. Darin sind nicht nur 24 Minuten mehr Filmmaterial zu sehen. Im Ultimate Cut wurde auf Tales of the Black Freighter integriert, ein 26-minütiger Zeichentrickfilm, der den Comic-im-Comic adaptiert. Außerdem gibt es als Bonus eine 38-minütige Mockumentary zu Under the Hood.

Der perfekte Vorspann

Snyder hat also nicht nur Watchmen verfilmt, er hat das Werk so umfassend wie möglich in Film übersetzt. Und das ist ihm überwiegend gelungen. Das zeigt sich bereits an der ersten Seite. Der Zoom vom Button aufwärts zur Wohnung des Comedian bietet sich für eine Kamerafahrt an, die dank digitaler Technik perfekt umgesetzt ist. Der Vorspann, der die Geschichte der Minutemen sowie des 20. Jahrhunderts in mehreren Slow-Motion-Einstellungen und zu Bob Dylans „The Times They Are A-Changin'“ erzählt, ist ein Meisterwerk der Verdichtung und einer der effektivsten Vorspanne überhaupt.

Watchmen kommt ohne Stars aus, schafft es aber trotzdem, mit einer perfekten Besetzung zu überzeugen, allen voran Jackie Earle Haley als Rorschach und Jeffrey Dean Morgan als Comedian. Die Kostüme der Helden sind, wie bei Superheldenverfilmungen üblich, weniger grell und modernisiert, um unfreiwillige Komik zu vermeiden. Snyder wählt insgesamt eine viel dunklere Optik als das Comic mit seiner grellen Kolorierung, wie sie in den 80ern üblich war.

Ein alternatives Ende

Bei aller Werktreue muss der Film, wie jede Adaption, Änderungen vornehmen. Was man Snyder vorwerfen kann, ist oft ein Mangel an Subtilität. Eine nicht nachvollziehbare Entscheidung ist etwa, dass die Helden sich selbst als Gruppe „Watchmen“ nennen. Im Comic kommt dieser Begriff allein in den Graffiti „Who watches the Watchmen?“ vor – er ist keine Eigenbezeichnung.

Der auffälligste Unterschied ist das Ende des Films: Während im Comic Ozymandias ein falsches Alien erschafft, das er nach New York teleportiert, um mit einem gemeinsamen Feind die Menschheit zu vereinen, missbraucht er im Film Dr. Manhattan, um in mehreren Metropolen auf der Welt Explosionen auszulösen und ihn als Verantwortlichen vorzuschieben. Das ergibt aus erzählökonomischer Sicht Sinn, denn man muss nicht weiter ausholen, um die Erschaffung des Aliens zu erklären.

Außerdem war der Alien-Plot von Anfang an umstritten. Da die Idee zu sehr an die Outer-Limits-Episode „The Architects of Fear“ erinnerte, wollte DC-Redakteur Len Wein Alan Moore dazu bringen, davon abzulassen. Wenn überhaupt kann man Moore dafür kritisieren, dass dieser Teil seiner Geschichte weit hergeholt ist und zu sehr als Mad-Scientist-Pulp-Fiction aus dem sonst ambitioniertem Werk herausragt.

Übertriebene Gewalt

Was man bei Snyder kritisieren kann, ist seine Neigung, Actionszenen zu übertreiben. Wenn Gewalt angewendet wird, ist sie noch drastischer als im Comic. Snyder rechtfertigt sich damit, dass er ungeschönt die Auswirkung von Gewalt zeigen will, aber nachdem Dr. Manhattan Menschen explodieren lässt, trägt es nichts zur Geschichte bei, auch noch ihre Überreste zu zeigen, die an der Decke hängen.

Störend wird das gerade in der Szene, in der Rorschach den Kindesmörder tötet, denn da geht der Comic subtiler vor: Statt ihm den Schädel mit einem Beil zu zerhacken, gibt Rorschach dem mutmaßlichen Mörder eine Säge, steckt sein Haus an und wartet, ob er es schafft zu entkommen.

In Karnak greifen Rorschach und Nite Owl Ozymandias gleich mehrfach an, während im Comic Bubastis dafür sorgt, dass sie sich nicht mehr demütigen lassen müssen. Hier versucht aber Snyder, die Dialoglastigkeit seiner Story mit Action aufzulockern.

Eine andere Szene wiederum ist zwar drastischer, ergibt aber mehr Sinn: Als Figures Komplizen Rorschachs Zellentür aufsägen wollen und einer von Rorschach an die Tür gefesselt wird, sägt der andere ihm die Arme ab. Das ist zwar blutiger, aber zweckmäßiger, um an das Schloss heranzukommen. Bei Moore sticht er ihn bloß ab, sodass der Tote immer noch am Gitter hängen bleibt.

Menschelndes im Director’s Cut

Der Director’s Cut enthält weitgehend für die Handlung entbehrliche Szenen, wie etwa die Suche nach Dr. Manhattan auf dem Mars und das Verhör mit Laurie (die im Comic gar nicht vorkommen), andere aber transportieren viel von den menschlichen Aspekten des Comics: Es sind die Szenen am Zeitungsstand sowie die Ermordung von Hollis Mason. Letztere ist dem Comic nachempfunden, indem Bilder von Nite Owls ehemaligen Schurken gegengeschnitten sind, sodass sich Hollis zum letzten Mal in seiner alten Rolle bewähren darf. Wenn er mit der Nite-Owl-Statue erschlagen wird, muss aber auch hier Snyder mehr Schläge als nötig zeigen. Und auch der Entschluss der Knot-Tops, Hollis zu töten, passiert viel zu schnell.

Die Tales of the Black Freighter, die höchstens allegorisch mit der Handlung zu tun haben, stören im Ultimate Cut jedoch den Filmfluss und verlängern den Film unnötig. Hier erweist sich zu viel Werktreue als Problem, weil im Comic die Binnenerzählung und die Handlung ineinandergreifen und zum Teil parallel stattfinden. Im Film gibt es aber nur ein Nacheinander, sodass der Bezug der Animationsszenen sich nicht direkt erschließt.

Insgesamt ist daher eher der Director’s Cut (ohne die integrierten Black Freighter-Szenen) zu empfehlen statt des Ultimate Cuts (mit allem). Aber für Ungeduldige tut es auch die Kinofassung mit 162 Minuten. Wer den Film beim ersten Schauen nicht mochte, sollte ihm eine zweite Chance geben. In jedem Fall hilft es, die Vorlage zu kennen, weil man dann besser vergleichen kann, welche Änderungen gelungen sind. Aber auch so funktioniert der Film sehr gut, auch wenn er zuweilen sogar überambitioniert erscheint. Man muss den Film nicht mögen, aber seine Leistung geht weit über „gut gemeint“ hinaus.

Before Watchmen: The Curse of the Crimson Corsair

Crimson Corsair

DC Comics

Watchmen erzählt nicht nur eine Superhelden-, sondern auch eine Piratenstory: Der Junge Bernie liest ein Comic namens Tales of the Black Freighter, dessen Geschichte „Marooned“ von einem Mann erzählt, der einen Piratenangriff überlebt und von einer Insel aus zu seiner Heimatstadt segelt, um seine Familie vor den Piraten zu retten. Dabei wird er selbst wahnsinnig und zum Mörder. Die Binnenhandlung aus Tales of the Black Freighter wird zu einer Art Kommentar der Haupthandlung, beide greifen komplex ineinander.

In Before Watchmen erzählen Len Wein und John Higgins eine Piratengeschichte in ähnlichem Stil: Curse of the Crimson Corsair. Der Comic ist aber kein roter Faden, der sich durch die Prequels zieht, sondern wird über die gesamte Reihe mit je zwei Seiten im Anhang der Hefte verteilt.

Der Fluch des Fliegenden Holländers

Der Held ist Gordon McClachlan, ein britischer Offizier der Royal Navy, der im Jahr 1771 auf dem Schiff Pendragon angeheuert wird. (Pendragon bedeutet Drachenhaupt und ist der Beiname von Uther, dem Vater von König Artus.) Als sich McClachlan über die Misshandlung eines Kameraden durch den Captain beschwert, wird er an eine Kanone gefesselt und ausgepeitscht, doch dann greift ein spanisches Schiff an.

McClachlan geht über Bord und wird später von der Besatzung eines Geisterschiffs gerettet: dem Flying Dutchman (Fliegender Holländer). Der Anführer der Geisterpiraten, Crimson Corsair, erklärt dem Helden, dass dieser nie wieder von dem Schiff herunterkommt, es sei denn er besorgt den goldenen Ohrring eines ungeborenen Kindes und die Tätowierung von der Brust eines toten Mannes. Außerdem gibt es noch eine dritte Bedingung, aber die verrät er ihm nicht. Um sicherzugehen, dass er zurückkehrt, raubt ihm der Crimson Corsair seine Seele.

Die Geisterpiraten werfen McClachlan über Bord und er muss sich danach gegen französische Sklavenjäger und spanische Sklavenhändler zur Wehr setzen. Er sieht, wie Afrikaner entführt, erschossen und misshandelt werden, wie sie erkranken und über Bord geworfen werden. Dann findet er ein Kind mit einem Ohrring und rettet es vor dem Ertrinken. An Land, irgendwo in Lateinamerika, wird er von Eingeborenen bedroht, die ihn opfern wollen. Sie überlegen es sich aber anders und beschaffen ihm die Haut, die er benötigt, indem sie den Spanier häuten, der hinter ihm her ist. Doch der weigert sich zu sterben und es kommt zu einem grotesken Kampf. Am Ende stellt McClachlan fest, dass er selbst zum Crimson Corsair geworden ist oder auch schon immer dieser war.

Eigenständige Story mit symbolischen Bezügen

Len Wein imitiert den pathetischen Stil der Tales of the Black Freighter, steigert sogar den Wahnsinn und die Grausamkeit, lässt eine brutale und furchterregende Sequenz auf die nächste folgen. John Higgins aber löst sich von Dave Gibbons′ Zeichenstil, indem er sehr realistisch und zeitgemäß zeichnet und auch die Farben passt er nicht, dem knalligen Retro-Comic-Stil an, sondern hält die Palette weitgehend grau. Bis auf deutliche Parallelen in Motiven wie das Geisterschiff und ein Angriff von Haien bleibt die Story weitgehend eigenständig.

Aber darin besteht das Problem: Denn während die Tales of the Black Freighter in Watchmen integriert waren, sogar eine eigene Hintergrundgeschichte in Watchmen #5 bekamen, stehen sie hier getrennt von den übrigen Prequels und bezieht sich auch nicht auf sie. Allerdings gibt es einige ähnliche Symbole: Das Doppel-C auf der Stirn des Crimson Corsair erinnert an das Rumrunner-Logo und die Symmetrie von Rorschachs Maske, der Ring oder Kreis kehrt auch in Watchmen immer in verschiedenen Formen wieder, die Haut des Spaniers kann man als Kostüm interpretieren, durch die auch die Superhelden erst zu solchen werden und damit auch einen Fluch auf sich nehmen.

Mit der Enthüllung am Ende, dass der Corsair nie McClachlans Seele genommen habe, sondern dass sie ihm auf seiner Reise verloren gegangen sei und er deshalb zum Corsair wird, schließt sich (wie auch bei Watchmen immer wieder) ein Kreis und es wird die Tragödie deutlich: Wer versucht, seinem Fluch zu entkommen, bringt ihn erst recht über sich. So ergeht es auch dem Helden aus den Tales of the Black Freighter, aber Ozymandias am Ende von Watchmen, wenn er zum Massenmörder wird, um einen größeren Massenmord zu verhindern. Und schließlich wird auch Rorschach zum notwendigen Opfer und zum Fluch für Veidts Plan.

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Before Watchmen: Dollar Bill

Before Watchmen: Dollar Bill (Cover)

DC Comics

Dollar Bill ist der einzige der Minutemen, der im Rahmen von Before Watchmen ein eigenes Heft bekommt. Zwar nur eine Einzelausgabe, aber trotzdem verwundert die Auswahl. Vielleicht liegt es daran, dass er im Prequel Minutemen im Vergleich zu den anderen unterrepräsentiert war, aber was ist von einem Helden auch zu erwarten, der nur das Werbemaskottchen einer Bank ist?

Len Wein und Steve Rude machen aus William Benjamin „Bill“ Brady einen jungen Mann mit nur zwei Talenten: Aussehen und Sport. Doch seine Karriere als Profi-Football-Spieler endet schon im College nach einer Verletzung. Er versucht sich als Schauspieler und Sänger, scheitert und nimmt aus Mangel an Alternativen den nächstbesten Job an, bei dem es nur auf sein Aussehen ankommt: Er wird Dollar Bill für die National Bank – ein Superheld, der bloß Werbung fürs Kino macht.

Als ihn seine Chefs zum Minutemen-Casting schicken, wird er nur aufgenommen, weil er bereits eine bekannte Figur ist. Die Gruppe entlarvt sich dabei von Anfang an als reine Show. Das zeigt sich auch bei der ersten Mission, die trotz eines Reinfalls als Erfolg verkauft wird. Beim ersten ersthaftem Einsatz beweist Dollar Bill seine Fähigkeiten als Schläger, aber dann stellt er fest, dass sein Ruf im Showbusiness hin ist. Festgelegt auf seine Rolle will ihn kein Studio in Hollywood engagieren.

Pechvogel zum Scheitern bestimmt

Bei einem Überfall auf die National Bank bleibt Dollar Bill – wie bereits in Under the Hood erzählt – mit seinem Cape in der Drehtür hängen und wird von den Räubern erschossen. Nicht einmal sein Image kann ihn retten. Nach Silhouette ist er damit der zweite der Minutemen, der stirbt. Aber am Ende überdauert seine Rolle: Im letzten Panel ist ein Kind zu sehen, das in einem Dollar-Bill-Kostüm Superheld spielt.

Leider ist das nur ein schwacher Trost, denn Dollar Bill spielt in Watchmen keine Rolle. Von einer lebenden Legende ist nichts zu sehen. Vielmehr ist es so, dass die Minutemen als Obskurität gelten und Superhelden für Kinder ohnehin keinen großen Reiz darstellen, wie Veidt bereits beim Vermarkten seiner Ozymandias-Spielfiguren bemerkt.

Der One-Shot erzählt wie schon bei Moloch die tragische Geschichte eines Pechvogels, der zum Versager prädestiniert ist. Dollar Bill ist vielleicht noch mehr als andere eine lächerliche Figur, die das Konzept Superhelden noch fragwürdiger erscheinen lässt. Dollar Bill war also nicht mehr als eine dumme Idee. Das herauszustellen, war nicht unbedingt nötig und macht den Comic über ihn daher auch nicht viel klüger.

Before Watchmen: Moloch

before watchmen moloch

DC Comics

In Watchmen bekommt jeder der sechs Protagonisten eine Vorgeschichte, aber keiner der Schurken. Der einzige, der herausgestellt wird, ist Edgar William Jacobi alias Moloch. Er ist aber mittlerweile ein geläuterter Verbrecher, der seine Zeit im Gefängnis abgesessen und jetzt nur noch mit dem Krebs zu kämpfen hat. Rorschach verhört ihn nach dem Tod des Comedian und erfährt, dass der Comedian Jacobi kurz zuvor aufgesucht hat, um ihm von seiner Entdeckung zu erzählen (Watchmen #2). Bald darauf wird Jacobi selbst ermordet – und Rorschach dafür verantwortlich gemacht. Beide werden zu Bauernopfern in Adrian Veidts Plan (Watchmen #5).

In Before Watchmen bekommt Moloch einen Zweiteiler gewidmet. Der erste Teil etabliert ihn als tragischen Charakter: Hässlich zur Welt gekommen, halten ihn seine Eltern mehr am Leben als dass sie ihn aufziehen, Gleichaltrige verstoßen ihn. Als junger Mann entdeckt er den Zirkus für sich und eifert einem Illusionisten nach. Aus Rache für eine Demütigung bringt er einen Jungen um und legt die Leiche ins Bett eines Mädchens, das ihm falsche Hoffnungen gemacht hat.

Gott der Menschenopfer

Edgar Jacobi beginnt eine Karriere als Zauberer „Moloch the Mystic“. Der Name Moloch stammt von einem kanaaitischen Gott ab, dem Kinder geopfert wurden. Genau genommen wurden damit zuerst die Brandopfer bezeichnet, bevor später daraus ein Gottesname wurde. „Moloch“ bedeutet sowohl ‚König‘ als auch ‚Schande‘ und er wird heute zivilsationskritisch auf Großstädte angewandt. In Jacobis Fall steht er für den Südenpfuhl, den er später betreibt. Moloch wird in Watchmen damit stellvertretend für alle anderen Schurken, gegen die die Superhelden kämpfen.

Da Jacobis Einkommen nicht ausreicht, verdient er sich etwas mit Banküberfällen und später auch Drogen hinzu. Die einzige Liebe, die ihm zuteil wird, muss er sich kaufen. Die Minutemen bringen ihn hinter Gitter, er bricht immer wieder aus, bis Dr. Manhattan dem ein endgültiges Ende bereitet. Für Moloch wird Dr. Manhattan ein Schock: Er ist kein Gegner, der Tricks benutzt, er ist allmächtig wie ein Gott. Von ihm gibt es kein Entkommen. Der selbsternannte Gott Moloch findet seinen wahren Meister und beendet seine Karriere.

Erlösung durch Ozymandias

Aber dann trifft er noch auf einen anderen Gott: Ozymandias. Adrian Veidt holt ihn vorzeitig aus dem Gefängnis, verschafft ihm einen Job in seiner Firma, lässt ihn Zigaretten an Janey Slater liefern und lässt beide an Krebs erkranken. Veidt verhält sich von Anfang an als Messias, der wie der Jesus von Rio die Arme ausbreitet und sagt: „Let me save you.“ Jacobi erweist sich als treuer und ergebener Diener.

Nachdem Jacobi unvorhergesehen vom Comedian auffgesucht wird, weiht er Veidt ein und Veidt tötet den Comedian. Dann erklärt Veidt Jacobi seinen Plan, um ihn als notwendiges Opfer für den Weltfrieden hinzustellen, als Erlöser nach dem Vorbild Christi. Veidt nimmt dabei die Rolle Gottes ein.  Jacobi ist überzeugt, denn der Plan ist für ihn „the most amazing magic trick in history“.  Er nimmt bereitwillig seinen Tod für den höheren Zweck an – und büßt damit auch für die Sünden, die er begangen hat.

Opfertod bringt Lebenssinn

Der einstige Opfergott Moloch wird selbst zum Opfer im christlichen Sinne umgedeutet, während Veidt sich als Gottmensch Ramses sieht und als Jesus inszeniert. Der eigentliche allmächtige Gott, Dr. Manhattan, wird später in Watchmen entmachtet, weil er die Notwendigkeit seines Nichteingreifens erkennt und sich zurückzieht, um eine neue Schöpfung zu beginnen.

Damit J. Michaels Straczynskis Vorgeschichte für Moloch funktioniert, wird getrickst: Eduardo Risso zeichnet den Charakter besonders hässlich, mit viel längeren Ohren als es Dave Gibbons tut. In Watchmen wirkt er wie ein normaler Mann, bloß mit leicht gespitzten Ohren, in Before Watchmen wird er zum kauernden Gnom mit unförmigem Kopf.

Durch die tragische Vorgeschichte läuft alles sehr geradlinig und spannungsarm auf eine Existenz am Rande der Gesellschaft hinaus, abgelehnt und ungeliebt wird Moloch zum prädestinierten Versager, der sich am Ende naiverweise ausnutzen lässt, aber darin doch Erlösung erfährt, indem sein Leben und noch viel mehr sein Tod einen höheren Sinn verliehen bekommen. Diese Wendung rettet auch dieses Prequel, indem es die Figur schließlich um eine interessante Facette bereichert.

Before Watchmen: Dr. Manhattan

Before Watchmen: Dr. Manhattan #1 Cover

DC Comics

Ein Comic ist in gewisser Weise wie Schrödingers Katze: Wenn man es noch nicht kennt, steckt es voller Möglichkeiten, es kann gut oder schlecht sein – und nach den Regeln der Quantenphysik ist es also zunächst beides. Der Betrachter, in diesem Fall der Leser, beeinflusst das Ergebnis. Nun sind Erwartungen bekanntlich verschieden. Wenn man ein Cover sieht mit dem Titel Before Watchmen: Dr. Manhattan, erwartet man wahrscheinlich genug Bekanntes, das einen an Watchmen erinnert, aber auch genug Neues, das den Kauf und – noch viel wichtiger – die Lektüre des Heftes rechtfertigt.

Hier kann man dabei zusehen, wie Autor J. Michael Straczynski (Before Watchmen: Nite Owl) selbst Dr. Manhattan spielt: Er nimmt Alan Moores Geschichte von Dr. Manhattan auseinander und setzt sie neu zusammen. Herauskommt genau betrachtet eine völlig neue Erzählung, aber im Grunde ist es doch dieselbe: Jonathan Osterman, Sohn eines deutschen Einwanderers, wird vom Uhrmacher zum Atomphysiker, wird durch einen Unfall in seine Bestandteile aufgelöst und setzt sich als allmächtiger Übermensch Dr. Manhattan neu zusammen, bekämpft das Verbrechen und wird zur Superwaffe der USA. Er verliebt sich in Silk Spectre.

Was wäre wenn-Szenarien

Straczynski versucht, die Geschichte neu zu rahmen, indem er das Gedankenexperiment von Schrödingers Katze einführt und daran aufgehängt seine Hauptfigur alternative Möglichkeiten durchspielen und durchleben lässt: Was wäre, wenn er heil aus der Kammer mit dem intrinsischen Feld herausgekommen wäre? Wenn er Janey Slater geheiratet hätte? Neue Möglichkeiten tun sich auf: Was wäre, wenn der Comedian in die Kubakrise eingegriffen hätte? Und wie hätte Ozymandias gehandelt? Wie wäre es, wenn jemand den Mord an Kennedy vereitelt hätte?

Zwar wird das alles mit parallel geführten Erzählsträngen durchgespielt, aber nur, damit Dr. Manhattan am Ende alle anderen Möglichkeiten eliminieren kann. Ohne Mehrwert ist das nicht. Neu ist, dass wir erstmals sehen, was mit Jons Familie in Deutschland geschah: Seine Mutter, eine Jüdin, wurde von den Nazis bei einem Fluchtversuch erschossen. Jon versteckte sich in einer Kiste auf einer Kutsche, die der Vater führte. Die Kiste wird zum Leitmotiv: die Kammer, die ihn auflöst, ist eine, auch der Sarg, in dem seine nicht vorhandenen Überreste beerdigt werden. Zurück bleibt das Gefühl der Leere.

Warum nichts jemals endet

Weil Dr. Manhattan seine Zukunft nicht deutlich sehen kann, aber ahnt, dass eine Katastrophe bevorsteht, verbündet er sich mit Ozymandias, um durch eine neue Technologie die Menschen von Atomenergie unabhängig zu machen. Um noch mehr Abwechslung reinzubringen, stellt Straczynski einige Seiten auf den Kopf, rückt sie dann wieder zurecht und wir lesen, wie Dr. Manhattan seinen kryptischen letzten Satz in Watchmen #12 erklärt: „Nothing ever ends“:

„I mean that the question, like the world, death life and the universe itself, are all matters of perspective.“

Alle Kisten enthielten Geheimnisse und damit Universen. Jon erschafft neues Leben auf anderen Planeten, um zu sehen, was dieser neuen ‚Kiste‘ entspringt. Ein neuer Kreislauf beginnt.

Wir Leser klappen das Heft zu und sehen: Dieser Kiste namens Before Watchmen entspringt der Dr. Manhattan, den wir bereits kennen. Das Neue ist bloß eine Variation des Alten. Der Kreislauf, dem wir zusehen, ist bloß das Recycling einer bekannten Geschichte. Nichts endet wirklich, weil man es nicht enden lässt, weil DCs Superhelden-Maschine aus unendlichen Geschichten Profit generiert. Deshalb muss auch Dr. Manhattan für Watchmen beim Wort genommen werden.

Hier wird uns alter Wein in neuen Schläuchen verkauft. Leider ist aber nicht einmal der neue Schlauch etwas wert, denn ein Comic ist nun mal kein Gefäß, das man leeren und für etwas anderes wiederverwenden kann, außer man übergibt es dem Altpapier-Recycling, um wenigstens dem Papier die Chance zu geben, etwas Neues zu werden, mit dem man mehr anfangen kann und das die Lesezeit wirklich wert ist.

Before Watchmen: Ozymandias

before watchmen: ozymandias cover

DC Comics

Ozymandias ist der vielleicht schwierigste Charakter in Watchmen: Er ist ein Held, der zum Schurken wird, er gilt als der klügste Mensch der Welt und bildet sich viel darauf ein, dadurch wirkt er abgehoben und unnahbar. Das trifft zwar auch auf Dr. Manhattan zu, aber anders als er hat Adrian Veidt keinen Bruch in seinem Leben. Der Tod seiner Eltern ist für ihn nur Ansporn, sich selbst ein ganz neues Leben aufzubauen – und das verläuft geradlinig auf der Überholspur (Watchmen #11)

Ein Prequel wie Before Watchmen hat es also nicht leicht, mit diesem Charakter über das hinauszugehen, was Alan Moore bereits mit ihm angestellt hat. Len Wein, der bereits bei Watchmen als Redakteur gedient hat, macht es sich leicht: Er erzählt die Geschichte nach, die Alan Moore bereits erzählt hat, und er schmückt sie ein wenig aus. Adrian Veidt liest schon als Kind Enzyklopädien, lernt Kampfkunst und Sprachen wie von selbst, wehrt sich brutal gegen Prügel anderer Kinder und investiert immer fehlerfrei an der Börse. Auf den Spuren seines Vorbilds Alexanders des Großen träumt er von einer befriedeten, vereinten Welt.

Weil er Gutes tun will, wird er zum Superhelden Ozymandias. Zunächst will er herausfinden, was mit Hooded Justice geschah und liefert sich sein erstes Duell mit dem Comedian. Dabei stellen sie fest, dass sie im Kampf einanander ebenbürtig sind, aber sonst bleibt das Treffen ohne Konsequenzen. Dann lässt Ozymandias die Ermittlung plötzlich fallen, weil ihn andere Dinge beschäftigen. Zum Beispiel der drohende Dritte Weltkrieg. Deshalb investiert er in Atombunker und baut sich eine Festung am Ende der Welt: Karnak in der Antarktis.

Comedian inspiriert zur Weltrettung

Nach dem gescheiterten Start der Crimebusters in den 60ern inspirieren ihn die Worte des Comedian dazu, die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren (vgl. Watchmen #2). Da es ihm an Kreativität mangelt (immerhin eine Schwäche, die er zugibt), liest er Science-Fiction-Romane und schaut Filme und Serien, bis er auf die Outer-Limits-Episode „The Architects of Fear“ stößt und sie immer wieder schaut, bis er ihre Prämisse adaptiert: ein künstliches Alien zu schaffen, um die verfeindeten Nationen gegen einen gemeinsamen Feind zu vereinen.

Damit legt Len Wein explizit die Inspirationsquelle offen, die Alan Moore gedient hat, oder jedenfalls schon während der Entstehung von Watchmen als Parallele auffiel. Len Wein wollte ihn dazu bringen, von der Idee abzulassen und sich etwas Neues auszudenken, aber Moore blieb dabei. (In Watchmen #12 gibt es eine Anspielung auf Outer Limits.)

Uninspirierter Neuaufguss

Aber Wein ist auch nicht viel kreativer als sein Held oder der Autor, den er einst kritisiert hat. Denn was er in Ozymandias liefert, ist weitgehend bereits aus Watchmen bekannt. Wein schreibt nahezu wörtlich von Moore ab und füllt die Lücken, jedoch ohne dass es nötig wäre. „Tell almost the whole story“, rät die Autorin Anne Sexton. Es ist nicht nötig, alles zu erzählen. Eine Geschichte braucht auch Lücken, die die Leser mit ihrer Vorstellungskraft füllen. Watchmen war, auch was Ozymandias anging, ausführlich genug. Aber Wein langweilt seine Leser mit einem uninspirierten Neuaufguss des Altbekannten, indem er ihnen erzählt, was sie längst wissen, und was er Neues erzählt, wollte niemand wissen, weil man es sich denken kann.

Allein Zeichner Jae Lee liefert zumindest einen visuellen Mehrwert. Er lässt mit seinem einzigartigen Stil die Geschichte wie in einem surrealen Traum erscheinen, mit sparsamen Hintergründen, symmetrischen Layouts und symmetrischem Bildaufbau, dazu greifen kreisförmige Panels die Symbolik auf. Höhepunkt ist eine Kampfsequenz, die als Schattenriss vor gelbem Hintergrund die Schrift von Watchmen aufgreift.

Horace Smiths Ozymandias

Wenn Wein am Ende das Ozymandias-Gedicht von Horace Smith zitiert, das zeitgleich mit dem gleichnamigen von Percy Shelley in Konkurrenz zu seinem entstanden ist, dann deutet er damit zwar auch seine Konkurrenz zu Alan Moore an, ohne aber dessen Niveau zu erreichen. Allerdings liefert das Gedicht eine interessante neue Perspektive auf die Geschichte:

In Egypt’s sandy silence, all alone,
Stands a gigantic Leg, which far off throws
The only shadow that the Desert knows:—
„I am great OZYMANDIAS,“ saith the stone,
„The King of Kings; this mighty City shows
The wonders of my hand.“— The City’s gone,—
Naught but the Leg remaining to disclose
The site of this forgotten Babylon.

We wonder,—and some Hunter may express
Wonder like ours, when thro‘ the wilderness
Where London stood, holding the Wolf in chace,
He meets some fragment huge, and stops to guess
What powerful but unrecorded race
Once dwelt in that annihilated place.

Während der erste Abschnitt inhaltlich dem von Shelleys Gedicht ähnelt, macht der zweite einen Sprung in die Zukunft, in dem von einem zerstörten und verwilderten London die Rede ist. Ein Jäger, der die Ruinen sieht, fragt sich, was für ein mächtiges unbekanntes Volk einst hier gelebt haben mag.

Es ist eine Vorausahnung eines Untergangs: So wie wir uns über die Fragmente des alten Ägypten wundern, so werden es einst andere über unsere Zivilisation tun. Alles ist vergänglich. Zu Adrian Veidt passt dieses Gedicht auf gewisse Weise noch mehr zu als das von Shelley. Denn während Shelley mit den Worten endet „Look on my works, ye mighty, and despair!“, was angesichts des vergangenen Anspruchs ein Ausdruck von Ohnmacht ist, aber durch Veidts Verbechen neue Aktualität bekommt, handelt Smiths Ende von einer drohenden Auslöschung, was im Comic in Zusammenhang mit der Angst vor dem Dritten Weltkrieg  steht. Beide Gedichte ergänzen sich sehr gut. Das ist aber auch schon das Beste, was man über die Worte in Before Watchmen: Ozymandias sagen kann.