Watchmen #4: Watchmaker

Cover zu Watchmen #4: Watchmaker

DC Comics

Die vierte Ausgabe von Watchmen ist Dr. Manhattan (Jonathan „Jon“ Osterman) gewidmet. Er ist nach den Vorwürfen, er würde seine Mitmenschen an Krebs erkranken lassen (Watchmen #3), ins Exil auf den Mars geflohen. Zuvor hat er ein altes Foto mitgenommen: Es zeigt ihn als jungen Mann mit seiner späteren Frau Janey Slater in einem Vergnügungspark. Zum ersten Mal zeigt das Coverbild nicht, was ist, sondern was sein wird. Auf dem Cover liegt das Foto im Sand zwischen Jons Fußspuren, im ersten Panel auf Seite eins hält Jon es in der Hand, im zweiten heißt es, er werde es in zwölf Sekunden fallen lassen. Im dritten Panel hält er es wieder fest. Er erinnert sich daran, wie er es aus einer Bar holte, er betrachtet es, erinnert sich an die Szene, die er damals erlebte, dann lässt er das Bild fallen und schaut in die Sterne, die für ihn auch nur Fotografien sind, weil sie nur das Licht der Vergangenheit zeigen.

Dr. Manhattan betrachtet das Foto auf dem Mars.

Dr. Manhattan betrachtet das Foto auf dem Mars.

Das gesamte Kapitel ist aus einem gleichzeitigen Bewusstsein von Vergangenheit und Zukunft heraus erzählt. Jon springt in Erinnerung, Gegenwart und Voraussage, für ihn ist alles gleich präsent. Es wird klar, dass er nicht nur Materie und Raum kontrollieren kann, sondern wahrscheinlich auch die Zeit.

Dr. Manhattan betrachtet das Foto auf dem Mars.

Was hier passiert, ist auch ein Bewusstsein für das Medium Comic. Denn genauso wie für Jon die Zeit gleichzeitig präsent ist, ist sie es auch auf den Seiten des Heftes. Trotz des sequenziellen Nacheinanders gibt es auch ein räumliches Nebeneinander, das bloß durch die Lesekonvention des „Von-oben-links-nach-unten-rechts“ eine Chronologie bekommt. Jons Erzählung funktioniert intuitiv so gut, weil man als Leser es annähernd so wahrnimmt wie er: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft liegen immer nebeneinander, Panel an Panel, alles ist bereits da, festgelegt im Druckbild. Wenn wir eine Seite lesen, sehen wir schon die nächste und wissen, dass nach 28 Seiten das Kapitel zu Ende sein wird. Beim Lesen können wir genauso springen wie Jon, vor und zurück. Damit wird der Leser genauso zum allgegenwärtigen Beobachter, zum „Watchman“ wie Jon.

Dr. Manhattan lässt das Foto fallen.

Dr. Manhattan lässt das Foto fallen.

Das Kapitel ist durch dieses Springen in der Zeit auch geprägt von Wiederholung. Jedes Mal kehrt Jon zu dem Foto zurück, es wird zum Dreh- und Angelpunkt des Kapitels, bis es am Ende in einem anderen Licht erscheint, weil sich daran Jons Vorgeschichte entfaltet. Aber auch andere Episoden, die man bereits in Watchmen #2 über den Comedian gelesen hat, werden um eine zweite Perspektive angereichert.

Osterman wirft die Teile der Uhr weg.

Osterman wirft die Teile der Uhr weg.

Jon ist 1945 noch im Begriff, wie sein Vater, ein Uhrmacher zu werden. Doch nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima treibt ihm der Vater die Ambition aus. „This changes everything! There will be more bombs. They are the future. Shall my son follow me into an obsolete trade?“ Der Vater nimmt das Tuch mit dem Uhrwerk, das Jon auseinandergenommen hat, und wirft die Teile auf die Straße.

Damit greift Alan Moore das Zitat von Albert Einstein auf, das am Ende steht:

The release of atom power has changed everything except our way of thinking. The solution to this problem lies in the heart of mankind. If only I had known, I would have become a watchmaker.

Jon Osterman geht den umgekehrten Weg: vom Uhrmacher zum Physiker. Er lernt Janey Slater kennen, sie gehen zum Jahrmarkt, dort entsteht das Foto von ihnen, Janey verliert ihre Uhr und ein dicker Mann tritt darauf. Die Uhr wird nicht nur zum bösen Omen, sondern auch zum Verhängnis: Jon repariert sie, lässt sie in seinem Laborkittel zurück und als er sie aus der Testkammer holen will, die Materie zersetzt, fällt die Tür zu und er wird auseinandergerissen.

Jon wird für tot erklärt, aber wie ein Uhrmacher die Uhr setzt er seinen Körper wieder Teil für Teil wieder zusammen. Durch Tod und Auferstehung wird aus dem Menschen ein nahezu allmächtiger Gott. Nicht von ungefähr erinnert die Bildsprache an die Ikonografie von Christus – hier verwirklicht sich Jon Osterman im Osterwunder. Er macht eine zweite Wandlung durch: vom Physiker zur Inkarnation der Physik.

Als Dr. Manhattan, in Anlehnung an das Manhattan-Projekts, wird er zur ultimativen Wunderwaffe der Amerikaner. Er legt sich ein Wasserstoffsymbol auf der Stirn als Symbol zu (wieder der Kreis) und wird Teil der neuen Superhelden-Generation, aus der er aber ohne Vergleich herausragt. „The superman exists and he’s American“, heißt es. Im Anhang ist von „God“ die Rede. Professor Milton Glass weist in seinem Buch darauf hin, dass Dr. Manhattan für Fortschritte in den Bereichen Kleidung (siehe später Rorschachs Maske), Essen und Mobilität erzielt hat. In den USA fährt man dank ihm mit elektrischen Autos und fliegt mit „sauberen“ Flugzeugen. Jeder Mensch ist mittlerweile von Dr. Manhattan betroffen und verlässt sich darauf, dass er für ihre Sicherheit sorgt: „We are all of us living in the shadow of Manhattan.“ Die Amerikaner seien verblendet von dieser scheinbaren Allmacht. Doch Milton Glass legt auch dar, dass es nur eine fragile Sicherheit ist, weil die Russen trotz des Schutzes durch Dr. Manhattan genug Atombomben schicken könnten, um die nördliche Hemisphäre auszulöschen.

Dr. Manhattan lässt einem Mann den Kopf explodieren.

Keine Skrupel: Dr. Manhattan als Superheld.

Es macht nicht den Eindruck, als ob Jon sich darum sorgen würde. Mit seiner Verwandlung ändert sich auch seine Sicht der Welt: Er hat ein umfassendes Bewusstsein, sieht das große Ganze, alles wird für ihn als reine Mechanik transparent, auch das Leben. Er verliert seine Menschlichkeit, die Menschen werden ihm fremd, auch ihre Maßstäbe: „The morality of my activities escapes me“, sagt er, als er einem Verbrecher später den Kopf explodieren lässt. Er ist fasziniert vom Comedian, weil er entschlossen unmoralisch und rücksichtslos handelt. Nur bei der Begegnung mit Adrian Veidt merkt er noch an, dass sich Wissenschaftler von ihrem Gewissen zügeln lassen sollten.

Dr. Manhattan und Adrian Veidt in der Antarktis.

Dr. Manhattan und Adrian Veidt in der Antarktis.

Schon in Watchmen #1 sagt er, dass zwischen einem lebenden Körper und einem toten besteht für ihn kein Unterschied besteht: „A live body and a dead body contain the same number of particles. Structurally there’s no discernible difference. Life and death are unquantifiable abstracts. Why should I be concerned?“ (Seite 21) Der Tod hat keine Bedeutung mehr für ihn – auch nicht der von anderen.Dr. Manhattan errichtet seine Festung der Einsamkeit auf dem Mars.

Auf dem Mars sinniert Jon über das Wesen der Welt: Vielleicht sei sie nicht gemacht. Vielleicht ist sie einfach nur da, war es immer, wird es immer sein. Wie eine Uhr ohne einen Uhrmacher. Als Abbild des Makrokosmos lässt er aus dem Sand eine gläserne Festung entstehen (ähnlich wie Supermans Festung der Einsamkeit in der Arktis), die einem Uhrwerk ähnelt. Wieder schließt sich der Kreis der Erzählung, wieder korrespondieren Anfang und Ende des Kapitels.

Das Motiv des Kreises bzw. Ringes wiederholt sich mehrfach in Watchmen #4: Abgesehen von den Zahnrädern und den Armbanduhren (darunter auch eine zerstörte aus Hiroshima auf dem Cover des Time-Magzine), gibt es den wegfliegenden Luftballon, den Ring der Supernova, den Ehering, das Wasserstoffsymbol auf Dr. Manhattans Stirn, dazu die passenden Ohrringe. Jon legt zuerst seine Hände um Janeys Gesicht, später um das von Laurie (wie in Watchmen #3). Einige Panels sehen wir mehrfach, andere Bilder wiederholen vergangene Ereignisse , die bereits in den ersten drei Ausgaben ähnlich erzählt wurden.

Ein Beispiel: Auf Seite 6 weint ein Junge, der seinen Luftballon auf dem Jahrmarkt verliert, er wird getröstet von seiner Mutter, Jon und Janey bemerken es nicht, auf Seite 24 sehen wir das Bild noch einmal, diesmal bemerkt es Jon als Dr. Manhattan, das nächste Panel ist gleich aufgebaut: wir ein lächelndes Mädchen, mit seinem Vater, im Hintergrund Jon und Laurie. Diese Übergänge, die funktionieren wie Match Cuts im Film, sind typisch für die Erzählweise von Watchmen.

Alles wiederholt sich in Watchmen – im kleinen wie im großen Maßstab – und doch schreitet die Handlung voran. Damit bildet die Serie die Zeit selbst ab: die periodische Wiederholung, die aber linear voranschreitet. Doch in seiner räumlichen Struktur ermöglicht das Medium eine Gleichzeitigkeit von all dem. Wir können vor- und zurückblättern, aber nur um festzustellen, dass jede Seite auf andere Seiten verweist, der Anfang auf das Ende und umgekehrt. Es gibt in dieser Geschichte kein Entkommen. Alles ist vorherbestimmt, die Zahnräder greifen perfekt ineinander, das Uhrwerk läuft. Deshalb heißt es später auch (Watchmen #9, S. 5), dass alle Marionetten seien – und Dr. Manhattan kann bloß die Fäden.

Under the Hood (Watchmen #1-3)

Die Minutemen in "Under the Hood"

Die Minutemen in „Under the Hood“

Watchmen ist nicht nur ein Comic, es ist ein Dossier, eine Sammlung verschiedener Texte: Erzählungen, Essays, Zeitungsartikel, Briefe, Akten. Der umfangreichste ist „Under the Hood“, die Autobiografie von Hollis Mason, dem ersten Nite Owl. „Auszüge“ daraus sind im Anhang den ersten drei Watchmen-Ausgaben zu lesen – abgedruckt mit der Genehmigung des Autors, wie es in einer Anmerkung heißt.

Mason hat mit dem Buch nach seinem Ruhestand drei Dinge getan: Er hat seine Motivation für seine Superhelden-Karriere dargelegt, seine Geheimidentität preisgegeben und er hat Geheimnisse über seine Mitstreiter von den Minutemen öffentlich gemacht. Damit gibt er Einblicke in die Vorgeschichte der Welt von Watchmen.

Hollis Mason beginnt ungewöhnlich: mit einem Kindheitserlebnis, in dem er nicht im Mittelpunkt steht. Dem Ratschlag einer benachbarten Hobby-Autorin folgend, erzählt er das Traurigste, an das er denken kann, um von Anfang an das Wohlwollen seiner Leser zu bekommen – ein alter rhetorischer Trick in der Tradition der Captatio benevolentiae. Also erzählt er die Geschichte von Moe Vernon, dem Inhaber der Autowerkstatt, in der sein Vater gearbeitet hat.

Watchmen: under the hood

Der junge Hollis Mason mit Vater (l.), Moe Vernon und Fred Motz.

Moe liebt Scherzartikel und Opern, in seinem Büro hört er den ganzen Tag lang Schallplatten. Als ihm seine Frau mitteilen lässt, dass sie mit seinem Angestellten Fred Motz durchbrennt, hört er gerade Wagners „Walkürenritt“ und trägt falsche Frauenbrüste – ein lächerlich-grotesker Anblick. Und als er den anderen weinend die Neuigkeit mitteilt, bringt er die anderen zum Lachen. In derselben Nacht bringt Moe sich um, sein Bruder übernimmt die Werkstatt und stellt Fred Motz wieder ein.

Warum beginnt „Under the Hood“ mit dieser Anekdote? Wegen der Fallhöhe. Eine tragische Geschichte über Travestie nimmt nicht nur die kommende Superheldengeschichte vorweg, sie bereitet auch den Boden dafür. Hollis Mason schreibt, dass er verrückter sei als Moe, weil er mit seiner Verkleidung eine ähnliche Erfahrung gemacht hat. Aber: Im Vergleich zu Moe erscheinen Männer und Frauen in bunten Kostümen, Strumpfhosen und Umhängen weniger fragwürdig, denn während es Moe nur ums Vergnügen ging, bekämpfen Superhelden das Verbrechen. Die Superhelden werden durch diese Anekdote geerdet. Deshalb beschreibt Mason später auch, warum die Arme und Beine bei seinem Kostüm frei blieben: um sich besser bewegen zu können.

Diese Form von Realismus hat später auch Batman Begins betrieben, um in einem Spielfilm glaubwürdig zu machen, warum sich ein erwachsener Mann als Fledermaus verkleidet. Schon die Präsentationsform von „Under the Hood“ suggeriert einen Realismus, der so tut, als gäbe es Buch und Autor wirklich.

Moe selbst steht mit seinen Vorlieben zwischen Hoch- und Popkultur für den Spagat, den Alan Moore mit Watchmen versucht: Er schreibt ein Superheldencomic für Erwachsene, mit einer komplexen Struktur und einem hohen Anspruch. Der „Walkürenritt“ ist ein Wagner-Stück, das bereits für Nazi-Propaganda in Wochenschauen verwendet wurde und in Apocalypse Now für eine Szene eingesetzt wurde, in der ein Dorf von den Amerikanern massakriert wird, und 2009 auch im Watchmen-Film vorkommt. Die Melodie ist so berühmt, dass sie selbst als Pop durchgehen kann.

Die Superhelden der ersten Generation sind zwar inspiriert von Comichelden wie Superman, den es in der Welt von Watchmen gibt (wie auch der Zeitungsverkäufer einmal anmerkt), aber nur als Fiktion. Der erste echte Superheld im Watchmen ist Hooded Justice, ein kostümierter Rächer, dessen Gesicht von einer kapuzenartigen Maske verdeckt wird, der eine Schlinge um den Hals trägt und brutal gegen Verbrecher vorgeht.

Watchmen: hooded justice

Hooded Justice

Der junge Polizist Hollis Mason lässt sich von seiner Superman-Lektüre und von Hooded Justice inspirieren, schneidert sich ein Kostüm und wird zu Nite Owl. Später schließen sich weitere Helden an: Silhouette, Silk Spectre, Dollar Bill, Mothman, Captain Metropolis und der Comedian.

Sie organisierten sich unter dem Namen Minutemen. Der Name ist übernommen von einer Miliz, die noch in den britischen Kolonien Nordamerikas tätig war. Sie sollten innerhalb einer Minute kampfbereit sein. Hier wird das Wortspiel mit der Uhren-Terminologie fortgesetzt: Watchmen (Wächter/Uhren-Menschen), Doomsday Clock etc.

Doch ihre Motive sind nicht nur edel. Für Silk Spectre war das Superheldentum nur eine Masche, um ihrer Modelkarriere zu helfen, Dollar Bill war nur ein Maskottchen einer Bank. Einige vertraten auch fragwürdige Ansichten: Hooded Justice hat vor dem Angriff auf Pearl Harbor mit den Nazis sympathisiert, Captain Metropolis war ein Rassist und der Comedian versuchte, Sally Jupiter zu vergewaltigen (siehe Watchmen #2). (Sie brachte ihren Mann davon ab, ihn zu verklagen.)

Nach dem Zweiten Weltkrieg zerfällt die Gruppe aus verschiedenen Gründen. Silhouette wird wegen ihrer Homosexualität ermordet, Dollar Bill wird bei einem Bankraub erschossen, weil sein Cape in einer Drehtür hängen bleibt, Mothman wird in die Psychiatrie eingewiesen. Silk Spectre bekam ein Kind.

Hollis Mason nennt aber auch einen allgemeineren Grund: Es fehlte an maskierten Schurken. Es habe schon immer mehr Helden als Schurken gegeben. Wenn man der einzige war, der an einem Tatort verkleidet erschien, fühlte es sich lächerlich an. Die neuen Schurken trugen Anzüge, verdienten ihr Geld mit Drogen und Zuhälterei. Hollis gibt zu, dass ihn die Fälle in den 50ern deprimierten und erschütterten. Die Erkenntnis reifte, dass mit dem Zweiten Weltkrieg nicht das Schlimmste überstanden war.

Nite Owl hörte vor allem wegen des Erscheinens von Dr. Manhattan im Jahr 1960 auf, dem ersten Superhelden mit Superkräften – und zwar so mächtig, dass nicht nur kostümierte Vigilanten obsolet werden, sondern auch jedes Lebewesen auf dem Planeten. Der Mensch: ein Auslaufmodell. Die alten Superhelden sind dagegen machtlos. Selbst Superman sieht gegen Dr. Manhattans totale Kontrolle über Materie blass aus – die Realität hat die Fiktion eingeholt.

Zum Schluss wird die Doppelbedeutung des Titels deutlich: „Under the Hood“ heißt nicht nur „Unter der Kapuze“, sondern auch „Unter der Motorhaube“ – denn dorthin verschwindet Hollis Mason 1962, als er beschließt, als Superheld aufzuhören und stattdessen Autos zu reparieren. „Obsolete models a speciality“, heißt es auf einem Schild in Watchmen #1. Wenn die Geschichte einsetzt, gilt es bereits auch für den zweiten Nite Owl. Daniel Dreiberg besucht Hollis Mason, hört sich seine alten Geschichten an und dass er sogar mit einem ehemaligen Schurken Kontakt hält. Alte Rivalitäten sind zu Freundschaften geworden, als wäre es schon immer ein Spiel von Kindern gewesen, bei dem niemand nachtragend ist.

Auch wenn behauptet wird, dass es sich bei „Under the Hood“ um Auszüge aus einem Buch handelt, liest sich der Großteil des Textes nicht so. Das Erzähltempo zieht nach dem ersten Kapitel stark an. Auslassungen werden nicht markiert, stattdessen sind die Kapitel fortlaufend von I bis V durchnummeriert. Selbst bei einem großzügigen Satz würde der Text, der in Watchmen auf 14 Seiten präsentiert wird, kein Buch füllen. Trotzdem hat man nicht den Eindruck, dass hier etwas ausgelassen wird.

Der Text funktioniert sehr gut eigenständig. Er bietet Hintergrundinformationen an, um die Vorgeschichte von Watchmen besser zu verstehen. Er verleiht der fiktiven Welt Tiefe und Glaubwürdigkeit. Aber er ist in diesem Dossier auch nur ein Text unter vielen – neben Rorschachs Tagebuch, dem Comic The Black Freighter und allen anderen Anhängen.

Im Watchmen-Film wird diese Vorgeschichte im Vorspann zusammengefasst, angereichert mit Schlüsselszenen der US-Geschichte. Dazu spielt Bob Dylan sein melancholisches Lied „The Times They Are A-Changin'“. Die ganze Welt von Watchmen, in all seiner Tragik, verdichtet sich in diesen fünfeinhalb Minuten. Wenn in Zack Snyders Film eines ohne Zweifel gelungen ist, dann ist es dieses kleine Meisterwerk.

Watchmen #3: The Judge of All the Earth

watchmen #3 cover

DC Comics

Was Watchmen so faszinierend macht, ist unter anderem die Dichte. Stets passieren mehrere Ereignisse gleichzeitig, sowohl im Panel als auch auf der Seite. Man liest also nie nur eine Geschichte, sondern mehrere Erzählstränge, die mal einander überschneiden und mal nebeneinander herlaufen. Das liegt zum einen daran, dass wir nicht nur einen, sondern sechs Protagonisten haben. Und als wären die vielen Perspektiven nicht genug, führt Alan Moore noch The Tales of Black Freighter, einen Comic im Comic ein, der das Hauptgeschehen spiegelt und kommentiert.

Das dritte Kapitel beginnt mit einem Warnzeichen, dem Symbol für Radioaktivität, auf gelbem Grund, natürlich ein Verweis auf den gelben Smiley auf dem ersten Cover. Wir sehen in Nahaufnahme einen Schriftzug, auf dem „Fallout Shelter“ steht, aber die Schrift ist abgeschnitten und aufsteigender Rauch verdeckt einige Buchstaben, sodass man auch „ALL (OUT) HEL(L)“ oder auch „ALL HELTER“ lesen könnte, was an den Ausdruck „helter-skelter“ erinnert, was zum einen eine spiralförmige Rutsche auf einem Jahrmarkt ist, zum anderen ein lauter Rock-Song der Beatles, in der dieses Auf-und-Ab beschrieben wird:

When I get to the bottom I go back to the top of the slide
Where I stop and I turn and I go for a ride
Till I get to the bottom and I see you again

Dieses Auf und Ab der Perspektive war bereits in Watchmen #1 visualisiert. „Helter-skelter“ meint ursprünglich Chaos: „in confused, disorderly haste“ – und zumindest das passt zum Bild. (Der Song soll Charles Manson zum Mord inspiriert haben.) Und in dieser Ausgabe bricht tatsächlich das Chaos aus.

Watchmen #3

Watchmen: Fallout Shelter & Black Freighter.

Erst auf dem zweiten Panel der ersten Seite liest man „Fallout Shelter“.  Ein Arbeiter der Stadt New York bringt das Schild an einer Hauswand an – er hat noch viele davon auf seinem Laster. Man rechnet mit dem Schlimmsten: Die Stadt bereitet sich auf einen nuklearen Angriff vor. (Zufällig hat die Stadt einen Apfel als Logo – analog zu Big Apple –, was aber auch das Logo des Beatles-Labels Apple war.)

Während das passiert, und wir wieder rauszoomen, lesen wir zwei verschiedene Texte: Zum einen die Captions aus dem Black-Freighter-Comic, den der Junge am Zeitungsstand liest, zum anderen den Monolog des Zeitungsverkäufers, der neben dem Jungen sitzt und Selbstgespräche führt. Im Black Freigher heißt es:

„Delirious, I saw that hell-bound ship′s black sails against the yellow Indies sky, and knew again the stench of powder, and men’s brains, and war.“

Nicht zufällig ist von „hell“ die Rede, von den Farben schwarz und gelb. Selbst der Geruch von Schwarzpulver könnte von dem Rauch auf dem Cover stammen. Auf der ersten Seite ist noch nicht klar, was für eine Geschichte wir da (mit)lesen und wie sie mit der Handlung zusammenhängt, aber die Parallelen sind bereits klar.

„We oughtta nuke Russia, and let God sort it out“, sagt eine Stimme aus dem Off. „I mean, I see the signs, read the headlines, look things inna face, y′know?“ Erst im dritten Panel gibt sich die Stimme als Zeitungsverkäufer zu erkennen. Er nennt seinen Beruf, um seine Kompetenz zu beweisen: „I′m informed on the situation! We oughtta nuke ′em till they glow!“

Watchmen: Zeitungsverkäufer und Comicleser.

Der Zeitungsverkäufer als Richter der Welt. (DC Comics)

Parallel dazu der Held aus Black Freighter:

The heads nailed to its prow looked down, those with eyes; gull-eaten, salt-caked, liplessly mouthing, ‚No use! All′s lost!‘ The waves about me were scarlet, foaming, horribly warm, yet still the freighter’s hideous crew called out, ‚More blood! More blood!'“

Die Aggression der Crew spiegelt sich in der Rede des Zeitungsverkäufers. Beide, der Verkäufer und der Held des Comics überlassen sich dem Urteil Gottes, der im Titel am Fuß der Seite als „Judge of all the earth“ bezeichnet wird, eine Kurzform des Bibel-Zitats, das am Ende steht:

„Shall not the Judge of all the Earth do right?“
Genesis, chapter 18, verse 25.

An dieser Stelle versucht Abraham, Gott umzustimmen, die verkommenen Städte Sodom und Gomorra nicht zu vernichten. Er stimmt ihn zumindest milde: Gott verspricht, dass er die Städte verschonen werde, wenn sich nur zehn Gerechte darin finden – aber das passiert nicht. Damit ist bereits das Unheil vorausgedeutet, vor dem das Schild warnt.

Aber es ist auch ein Kommentar zum Zeitungsverkäufer, der sein Urteil bereits gesprochen hat: Die Russen sollen dran glauben. Besser die als wir. Er begründet das nicht mit einem Argument für den Massenmord, sondern behauptet nur, das beurteilen zu können, weil er Zeitungsverkäufer – und damit bestens informiert sei. Moral interessiert ihn nicht, das Urteil darüber sei allein Gott überlassen.

Der tragische Held aus dem Black Freighter wird zur moralischen Instanz. Er ist entsetzt über das Massaker, dass die Piraten angerichtet haben. Der Black Freighter wird, analog zur Farbe des Symbols für radioaktive Strahlung, zur Allegorie für den drohenden Nuklearkrieg und das Massensterben.

Wenn der Zeitungsverkäufer von seiner „final analysis“ spricht, erzählt der Comicheld von „dead men and the pieces of dead men“ – Analyse wird hier wörtlich genommen. Wenn der eine davon spricht, Informationen per Titelseiten zu absorbieren, ist im Comic die Rede davon, wie Vögel einer Leiche Gedanken und Erinnerungen auffressen. Wenn der Händler sagt, dass er mehr Zeitungen durch Katastrophen verkauft, heißt es im Comic: „Reader, take comfort from this: In hell, at least the gulls are contented.“ – Tod und Unheil zieht die Aasfresser an. Ein Trost ist das nicht.

Der Verkäufer behauptet, sich der Realität zu stellen, der Held wäre lieber blind, weil er die Umstände nicht ertragen kann. Dann wechselt die Allegorie die Zuständigkeit: Der Comicheld findet Trost und Halt in einer Galionsfigur mit verbundenden Augen – und damit leitet er über zu Dr. Manhattan, für den Laurie den Halt in der Menschheit bzw. Menschlichkeit bietet. Jedenfalls noch. Wieder wird Laurie (wie schon am Anfang von Watchmen #2 der Engel am Grab) mit einer Statue gleichgesetzt.

Dr. Manhattan verwöhnt Laurie doppelt – ihr gefällt das gar nicht.

Laurie wird im Schlafzimmer von Dr. Manhattan verwöhnt, aber nachdem sie gemerkt hat, dass sie beim Liebesspiel, trotz seiner Verdoppelung, nur seine geteilte Aufmerksamkeit hatte, sondern nebenher gearbeitet hat, verlässt sie ihn. Dann tritt er in einer Talkshow auf, in der er von einem Reporter aus dem Publikum beschuldigt wird, Menschen, die ihm nahegestanden haben (wie etwa seine Frau), an Krebs erkranken zu lassen.

Dr. Manhattan und die Presse, Laurie und Daniel.

Dr. Manhattan wird von einer Menschenmenge bedrängt, plötzlich sind viele Menschen um ihn herum (während anfangs noch viele von ihm um Laurie waren), es wird ihm zu viel, er lässt sie verschwinden. Als er nach Hause zurückkehrt, malt ein Arbeiter einen Warnhinweis an Dr. Manhattans Tür – wieder das Symbol für Radioaktivität. Dr. Manhattan zieht sich auf den Mars zurück.

Dr. Manhattan

Achtung Gefahr: Dr. Manhattans Quartier wird zur Quarantäne-Station.

Parallel dazu passiert wieder etwas anderes: Laurie und Daniel Dreiberg werden in einer Gasse von einer Bande angegriffen, setzen sich gegen sie zur Wehr und wecken damit wieder Lust an der Verbrechensbekämpfung. Sie kämpfen, während Dr. Manhattan flieht. Sie engagieren sich wieder in der Gesellschaft, während der Allmächtige sich ihr und ihrem Urteil entzieht.

Manhattans Weltflucht hat große Folgen: Die USA verlieren ihren Vorteil gegenüber der Sowjetunion, die weltpolitische Lage wird instabil, Präsident Nixon bespricht bereits die schlimmstmögliche Folge: den Verlust der gesamten Ostküste, wenn die Russen ihre Atomraketen abfeuern. Nixon will eine Woche warten. Wie der Zeitungsverkäufer übergibt er die Verantwortung einer „höheren Autorität“, also Gott.

Der Kreis schließt sich im Zeichen des schwarz-gelben Symbols.

Als der Zeitungsverkäufer am Ende die Schlagzeile liest, dass die Russen in Afghanistan einmarschieren, wird er plötzlich milde: Er schenkt dem Jungen das Comicheft und sogar seine Mütze, die er ihm vorher verweigert hat.  „I mean we all gotta look out for each other, don’t we? (…) Life’s too short …“ Ohne den Schutz von Dr. Manhattan und angesichts einer tatsächlich drohenden Eskalation verliert der Verkäufer den Mut und besinnt sich auf menschliche Werte. Die Gefahr weckt wieder die Moral in ihm – ähnlich wie sich bereits der Comedian in Kapitel 2 umstimmen ließ.

Die drohende Katastrophe hat also bei allem Tod auch den Nebeneffekt, dass die Menschen durch sie näher zusammenrücken. Auch diese Zweischneidigkeit prägt Watchmen. Es fehlt die Eindeutigkeit der Aussage. Alles bleibt in der Schwebe. Das Urteil bleibt tatsächlich einer höheren Instanz überlassen – den Lesern.

Watchmen #2: Absent Friends

watchmen #2 cover

DC Comics

Jedes zweite Kapitel von Watchmen ist der Vorgeschichte einer Hauptfigur gewidmet. Im zweiten Heft ist es der Comedian. Der ermordete Edward Morgan Blake wird zu Grabe getragen, er bekommt ein Ehrenbegräbnis samt US-Flagge, Daniel Dreiberg (Nite Owl) und Jon Osterman (Dr. Manhattan) erweisen dem ehemaligen Weggefährten die letzte Ehre, aber eher aus Pflichtgefühl. Insofern zeigt das Titelbild passenderweise einen Engel, der durch den Regen nur falsche Tränen weint.

Parallel dazu besucht Laurie ihre Mutter, Sally Jupiter, die ehemalige Silk Spectre, im Altenheim. Sally stellt zwei Analogien zur Friedhofsszene her: Zuerst indem sie Laurie für ihre Schönheit lobt, was man zunächst auf die Engelsstatue beziehen kann und damit auch Lauries Traurigkeit vorweggenimmt. Dann nennt Sally ihr Heim „City of Dead“. Laurie schafft die dritte Parallele, indem sie ihrer Mutter rote Blumen mitbringt, während der Ex-Schurke Moloch rote Rosen auf Blakes Grab legt. Wirken sie zunächst als Liebesbeweis, stehen sie am Ende für das Blut, das bei seinem Mord vergossen wird. Aber in der Folge erfahren wir auch, dass Blake selbst viel Blut vergossen hat.

Während Laurie ihrer Mutter nicht sagen will, bei wessen Beerdigung Jon ist, weiß Sally Bescheid und erinnert sich an „poor Eddie“. Laurie macht ihr Vorhaltungen, aber ihre Mutter beharrt darauf, dass sie zu jung sei, um zu wissen, dass sich Dinge ändern: „What happened years ago … it’s history.“ (S. 1) – „Yeah, well, so’s Dachau. I’d never forgive somebody who did that …“, sagt Laurie.

Es war nicht alles schlecht

Aber Sally sieht die Vergangenheit in einem anderen Licht. Sie stört sich auch nicht daran, dass sie von einem Verehrer eine Tijuana Bible (einen Porno-Comic) geschickt bekommt, in der sie selbst auftritt. Im Gegenteil: Sie fühlt sich sogar geschmeichelt, weil es sie daran erinnert, jung und gesund gewesen zu sein.

Watchmen: Comedian & Sally Jupiter

Der Comedian versucht, Sally Jupiter zu vergewaltigen.

In der Folge sehen wir Szenen aus Blakes Vergangenheit als Comedian: Nach einem Foto-Shooting der Minutemen versucht Blake, Sally zu vergewaltigen. Er misshandelt sie schwer, nachdem sie ihn zurückweist und ihm das Gesicht zerkratzt. Doch als er sie missbrauchen will, greift der Held Hooded Justice ein. Der macht ihr am Ende indirekt Vorwürfe, es drauf ankommen lassen zu haben: „And for God’s sake, cover yourself.“

watchmen: crimebusters

Captain Metropolis versucht, die Crimebusters zu gründen.

Jahre später, in den 60ern, versucht Captain Metropolis, die Superheldengruppe Crimebusters zu gründen. Mit dabei sind Dr. Manhattan, Ozymandias, Nite Owl, Rorschach, Silk Spectre II und der Comedian. Captain Metropolis ist ein Überbleibsel der Minutemen. Er will gegen neue Übel vorgehen: Promiskuität, Drogen, Studentenproteste (campus subversion, anti-war demos), aber auch gegen „black unrest“ – eine klare konservative bis rassistische Haltung.

Der Comedian verbrennt die Karte der USA.

Der Comedian erteilt dem Vorhaben eine Absage, aber nicht aus edlen Motiven heraus, sondern weil seiner Meinung nach Superhelden die Probleme der Welt nicht mehr lösen können. „What’s going down in this world, you got no idea. (…) You people are a joke.“ Superschurken zu jagen nütze nichts, weil in den nächsten 30 Jahren die Atombomben alles einäschern werden. Symbolisch verbrennt der Comedian die Karte der USA, die Captain Metropolis aufgehängt hat.

Comedian als Teufel und Joker

Der Comedian trägt in den 40ern noch einen gelben Overall. Statt des Smiley-Buttons (das Motiv war damals noch nicht erfunden) hat er am Gürtel eine rote lachende Theatermaske, die in der Sequenz der versuchten Vergewaltigung wie eine Teufelsmaske wirkt, die zynisch lacht. Spätestens hier ist aber auch eine Parallele zum Batman-Schurken Joker zu sehen.

In den 60ern trägt Blake eine schwarze Kampfmontur. An seinen Schultern prangen Elemente der US-Flagge: rechts der weiße Stern auf blauem Grund, links die rot-weißen Streifen. Einerseits ein Symbol für Patriotismus, andererseits sind die Elemente der Flagge geteilt, als wäre die Flagge zerrissen.

Dr. Manhattan und Comedian in Vietnam.

Erst später, im Vietnam-Krieg, trägt der Comedian den gelben Button – aber dafür keine Maske mehr. Als der Krieg zu Ende ist, will ihn eine Vietnamesin, die von ihm schwanger ist, zur Verantwortung ziehen. Blake erteilt ihr eine Absage und will das Land ohne sie verlassen. Sie zerschneidet ihm mit einer abgebrochenen Flasche das Gesicht und er erschießt sie daraufhin.

Dr. Manhattan sieht dabei zu. Als er sagt, was Blake getan hat, wirft Blake ihm vor, trotz seiner Allmacht den Mord nicht verhindert zu haben: „You coulda changed the gun into steam or the bullets into mercury or the bottle into snowflakes! You coulda teleported either of us to goddamn Australia … but you didn’t lift a finger! You don’t really give a damn about human beings.“ Der Comedian wird zum Narr, der die Wahrheit spricht. Auch wenn er selbst moralisch nicht überlegen ist, urteilt er über Dr. Manhattan, weil er wegen seiner Kräfte ein besserer Mensch sein könnte, aber von seiner Möglichkeit nicht Gebrauch macht.

Watchmen: Nite-Owl und Comedian

Watchmen: Nite-Owl und Comedian

In den 70ern trägt der Comedian eine Ledermaske, die sein Gesicht verhüllt. (Dieselbe, die Rorschach in Watchmen #1 gefunden hat.) Zusammen mit Nite Owl geht er gegen einen Aufstand in New York vor, der sich gegen Superhelden richtet. (Wieder erscheint der Schriftzug „Who watches the watchmen?“ als Graffito auf einer Wand.) Der Comedian hat sichtlich Spaß daran, gegen Zivilisten vorzugehen. Er sieht seine Aufgabe im Schutz der Leute. Vor wem? Vor sich selbst. Als Nite Owl fragt, was mit dem Amerikanischen Traum passiert sei, sagt Blake: „It came true. You’re lookin‘ at it.“

Der Amerikanische Traum ist in der Unabhängigkeitserklärung als Gleichheit, Freiheit und dem Streben nach Glück definiert. Oder, wie es der Autor und Historiker James Truslow Adams 1931 schreibt: „life should be better and richer and fuller for everyone, with opportunity for each according to ability or achievement“. In seiner Rücksichtslosigkeit erscheint Blake zunächst als das genaue Gegenteil davon. Er aber hat sein Glück gefunden oder hat sich zumindest mit der Rolle abgefunden, die er als Comedian spielt. Zugleich stellt er als Zerrbild der amerikanischen Ideale dar, was aus den Idealen 200 Jahre nach der Gründung des Staates geworden ist: Es ist nicht mehr viel übrig davon. Der Traum, so könnte man es verstehen, ist wahrgeworden als Alptraum. Mit seinem Stars-and-Stripes-Kostüm ist der Comedian eine Art pervertierter Captain America. Er bewahrt den Status quo einer zerfallenden Nation.

Comedian bei Moloch

Was ist so witzig? Comedian bei Moloch

Doch später erzählt der Ex-Schurke Moloch Rorschach, dass Blake ihn kurz vor seinem Tod aufgesucht und von einer anderen Seite gezeigt habe. Er weint, zeigt sich reumütig, weil er Frauen und Kinder getötet hat, aber auch weil er etwas Furchtbares herausgefunden hat und die Pointe davon nicht versteht: „I mean, what’s funny? What’s so goddamed funny? I don’t get it. Somebody explain … Somebody explain it to me.“

Der Comedian lacht nicht mehr, er hat seinen Humor verloren. Die Grausamkeit, die ihm einst Freude bereitet hat, hat ein so großes Ausmaß erreicht, dass er selbst davon überfordert ist. Das Szenario ist anscheinend schlimmer als der nukleare Holocaust. Er ist so erschüttert, dass es die Moral wieder in ihm weckt. Wer zuletzt lacht, ist ein anderer – vielleicht auch niemand. Es wird klar: Der Comedian musste sterben, weil er ein Geheimnis entdeckt hat. „Funny story. Sounds unbelievable. Probably true“, sagt Rorschach. Für den abgebrühten Außenseiter ist das Absurde das Wahre.

Die wahren Comedians sind die anderen

Im Epilog streift er angewidert durch das Rotlichtviertel, eine Prostituierte spricht ihn an. „Was offered swedish love and french love … but not American love. American love –, like coke in green glass bottles … They don’t make it anymore.“ Die „amerikanische Liebe“ ist im Gegensatz zum amerikanischen Traum nicht definiert, insofern wird Rorschachs Monolog zum Abgesang auf die Liebe im Land. Und trotzdem heißt es kurz darauf, in Bezug auf den Fall: „Nothing is insoluble. Nothing is hopeless. Not while there′s life.“

Rorschach glaubt noch an menschliche Werte. Während er tagsüber als Walter Kovacs vor dem Friedhof sein Schild hochgehalten hat, bricht er bei Nacht auf das Gelände ein, um dem Comedian die letzte Ehre zu erweisen. Er bedauert, dass ein Leben voller Konflikte einem die Zeit für Freunde nimmt, sodass am Ende nur die Feinde wie Moloch einem Rosen ans Grab bringen. Aber die Entbehrung ist für ihn ein notwendiges Übel.

In Rorschachs Deutung hat der Comedian als Einziger den Witz erkannt: Er hat die Risse in der Gesellschaft und das wahre Gesicht des 20. Jahrhunderts gesehen und beschlossen, eine Reflexion, eine Parodie davon zu werden. Deshalb sei er einsam gewesen. Damit wird auch klar, dass sich Rorschach als Außenseiter mit ihm identifiziert – obwohl Blake im Gegensatz zu ihm keine Moral hatte und sich für die US-Regierung einspannen ließ. Rorschach hingegen ist radikal unbestechlich.

Rorschachs Witz von Pagliacci, der einen Arzt wegen Depressionen aufsucht, spiegelt den Comedian, während wir noch einmal dessen Leben und Tod an ihm vorbeiziehen sehen: Womit kann man einen traurigen Mann noch zum Lachen bringen, wenn er selbst der Clown ist? Die Pointe ist bitter: Es gibt keine Hoffnung. Und trotzdem steckt sich Rorschach eine Rose von Blakes Grab an. In diesem Trotzdem liegt Rorschachs Subversion. Und so erklärt sich auch das Zitat von Elvis Costello:

„And I’m up while the dawn is breaking, even though my heart is aching. I should be drinking a toast to absent friends instead of these comedians.“

Die eigentlichen Komiker, die Lächerlichen, sind die anderen.

Watchmen #1: At Midnight, all the Agents …

watchmen 1 cover

DC Comics

Ein Smiley-Button, bespritzt und umspült von Blut – das ist das erste Bild von Watchmen, bereits zu sehen auf dem Cover. Es ist ein Detail, das sowohl zurückweist auf die Vergangenheit, als Symbol des Comedian, als auch auf die Zukunft, in der es zum Symbol der gesamten Serie wird, auch abstrahiert als Kreis, der sich in den vielen Uhren, nicht zuletzt der Doomsday Clock, der Weltuntergangsuhr wiederfindet: Der Blutspritzer wird zum Uhrzeiger. Am Ende schließt sich dieser Kreis, wenn im letzten Bild ein Ketchup-Spritzer auf den Smiley fällt und gleichzeitig den Beginn eines neuen Kreislaufs andeutet.

Hier aber stellt das Bild ein Paradoxon dar: Einerseits das fröhliche Gesicht, knallgelb wie eine lachende Sonne, andererseits das Blut, das nichts Gutes verheißt. Obwohl der Button des Comedian umgeben ist davon, ist die Vorderseite selbst nur gering besudelt. Es ist ein böses Omen einer noch viel größeren Katastrophe.

Die Handlung setzt ein am 12. Oktober 1985. Der 12. Oktober ist der Tag der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492. An diesem Tag im Jahr 1984 verübte die IRA auch den Bombenanschlag im Grand Hotel in Brighton, der Margaret Thatcher galt und bei dem fünf Menschen getötet und 31 weitere verletzt wurden. Das Amerika, das hier fast 500 Jahre später besichtigt wird, ist alles andere als eine Neue Welt – es ist eine verkommene, die am Ende steht.

„The End is nigh“

Jedenfalls für den Erzähler Rorschach. Wir lesen in seinem Tagebuch. Er ist ein genauer Beobachter des Alltags, in dem ihm die Details fürs große Ganze stehen. Das erste, was er erwähnt, ist ein totgefahrener Hund. Die Stadt habe Angst vor ihm, er habe ihr wahres Gesicht gesehen. Das Gesicht im ersten Panel ist der blutige Smiley-Button im Rinnstein. Dadurch bekommt das Symbol etwas Abgründiges: Die Straßen seien erweiterte Rinnsteine voller Blut und wenn sie überfließen, werde das Ungeziefer ertrinken – gemeint sind Menschen.

Watchmen #1: Button

Watchmen #1, Seite 1, Reihe 1 (DC Comics)

Rorschach verurteilt die moralische Verkommenheit, Sex und Mord, Prostituierte und Politiker. Er lehnt die Rettung für sie ab. „They had a choice, all of them. They could have followed in the footsteps of good men like my father, or President Truman. Decent men, who believed in a day’s work for a day’s pay.“ Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass der der gelbe Smiley 1963 vom Grafiker Harry Ross Ball ursprünglich für ein Versicherungsunternehmen entworfen wurde, um die Arbeitsmoral der Angestellten zu steigern.

Watchmen #1, Seite 1, Reihe 2 (DC Comics)

So sehr Rorschach den Demokraten Truman verehrt, so sehr lehnt er den Kommunismus, Liberale, Intellektuelle und „smooth-talkers“ ab. Die Welt stehe am Abgrund, erfahren wir. „The End is nigh“ lautet die Schrift auf dem Schild, das Walter Kovacs vor sich hin trägt, während er durch das Blut geht, das gerade vom Bürgersteig gespült wird. (Erst später erfahren wir, dass er Rorschach ist.) Kovacs hinterlässt blutige Fußspuren – und tatsächlich liest man auf Seite 4, dass er zweier Morde beschuldigt wird. Sein Pfad wird blutig bleiben – bis hin zu seinem eigenen blutigen Ende. (Gleichzeitig fährt ein Laster von Pyramid Deliveries vorbei, wie man an dem kreisförmigen Symbol mit dem Dreieck darin erkennen kann. Der Kreis löst den des Buttons ab.)

In den ersten sieben Panels der ersten Seite entfernt sich der Blick vom Nahen (dem Button) in die Höhe, wir steigen  auf zu dem zerbrochenen Fenster im Apartment von Edward Blake, dem Comedian. Dort steht ein Polizist und schaut hinab auf die Straße. Er nimmt die Position ein, die Rorschach in seinem Tagebuch soeben beschrieben hat: das Hinabschauen am Abgrund. (Die Kreisform von Button und dem Symbol auf dem Laster wird von der Tonsur auf dem Hinterkopf des Mannes aufgegriffen, die drei Kreise bilden eine gerade Linie quer durch die Seite.)

Watchmen #1, Seite 1, Reihe 3 (DC Comics)

Blake wurde ermordet, durch das Fenster auf die Straße hinabgeworfen. Die beiden Ermittler spekulieren, dass mindestens zwei Männer Blake umgebracht haben müssen und dass es mehr als nur ein Raubüberfall gewesen ist. Parallel dazu sehen wir, wie nur ein unbekannter Mann Blake zusammenschlägt und durchs Fenster wirft. Während die Polizisten sich vom Fahrstuhl wieder abwärts befördern lassen, sehen wir parallel Blake beim Fall zu.

watchmen: edward blake

Edward Blakes letzter Flug: abwärts. (DC Comics)

Die Polizisten wollen nicht viel Aufhebens um den Fall machen, um keine Aufmerksamkeit von maskierten Rächern zu erregen. Wir erfahren, dass seit dem Keene Act von 1977 nur von der Regierung genehmigte Superhelden aktiv sein dürfen, aber nur Rorschach sich daran nicht hält.

Hardboiled Rorschach

Auf Seite 5 sehen wir Rorschach erstmals im Kostüm: ein schlanker Mann mit Fedora-Hut, Trenchcoat und Nadelstreifenhose. Dazu trägt er eine weiße Maske mit einem symmetrischen Muster aus schwarzen Flecken. Das Schwarz-Weiß repräsentiert sein radikales Weltbild und seine Moralvorstellung: „Because there is good and there is evil, and evil must be punished. Even in the face of Armageddon I shall not compromise in this“, schreibt Rorschach auf Seite 24.

watchmen: rorschach

Rorschach in Blakes Apartment (DC Comics)

Aber das Muster ändert sich ständig – daher auch sein Name, der sich auf den Rorschach-Test bezieht. Dieser Test, bei dem die Patienten in willkürliche Muster ihre Assoziationen projizieren, ist heute umstritten. Kurz gesagt: Man sieht darin, was man sehen will – und das ist symptomatisch für die Figur.

Rorschach entdeckt das Comedian-Kostüm. (DC Comics)

Rorschach tritt auf als ein Hardboiled Detective: Nachts erscheint er noch einmal am Tatort, hebt den Button auf, zieht sich dann wie Batman an einem Haken zu Blakes Apartment hoch und untersucht den Tatort. Anders als die Polizisten findet er im Schrank ein Geheimversteck, in dem ein Kostüm und Waffen lagern. Er findet heraus, dass Blake der Comedian war.

Rorschach breitet das Kostüm des Comedias aus. (DC Comics)

Er breitet das Kostüm auf dem Boden aus – eine leere Hülle, die für immer leer bleiben wird. Der Comedian erscheint als Leerstelle. Wir sehen nie Blakes Leiche. (Nur von Rorschach erfahren wir, dass Blakes Kopf auf der Straße in dessen Bauch gedrückt wurde.) Aber dadurch wird auch der Superheld zur leeren Hülle ohne einen Menschen, der ihn ausfüllt, was im zweiten Heft deutlich wird.

Helden ohne Kostüme

In der Folge sucht Rorschach seine ehemaligen Mitstreiter auf, um ihnen zu sagen, was er herausgefunden hat und um sie zu warnen. So werden die weiteren Figuren eingeführt: Daniel Dreiberg (Nite-Owl), Adrian Veidt (Ozymandias), Jon Osterman (Dr. Manhattan) und Laurie Juspeczyk (Silk Spectre). Rorschach vermutet eine Verschwörung, dass es jemand auf Superhelden abgesehen haben könnte. Er wird nicht ernst genommen, sondern weggeschickt.

Daniel Dreiberg neben seinem Nite-Owl-Kostüm. (DC Comics)

Bis auf Jon haben sich alle aus dem Superhelden-Geschäft zurückgezogen, nur er arbeitet noch für die Regierung, lebt mit Laurie zusammen. Wie bei Blake sieht man die anderen nur getrennt von ihren Kostümen: Nite-Owls Montur hängt in einer Vitrine, Ozymandias gibt es nur noch als Spielzeugfigur. Lauries Kostüm ist nicht zu sehen, sie beschreibt es nur und macht es lächerlich.

Wasserstoff-Atom als Symbol: Dr. Manhattan. (DC Comics)

Nur Jon ist als Superheld zu sehen, aber auch nur, weil er kein Kostüm trägt. Er braucht keins. Der blaue, allmächtige Übermensch ist nackt – und damit neben Rorschach als einziger er selbst, indem er in seiner Rolle aufgeht. Er trägt als Erkennungszeichen ein Symbol auf dem Kopf: ein Wasserstoff-Atom, wie man später erfährt. Wie beim Comedian ist es kreisförmig, und das Elektron, das um das Proton kreist, beschreibt eine zirkuläre Wiederholung. Sieht man das Symbol analog zum Zifferblatt der Doomsday Clock, steht das Proton bereits auf der Zwölf, was auf die Gefahr hindeutet, die von Dr. Manhattan ausgeht.

watchmen: ozymandias

Adrian Veidt und seine Ozymandias-Figuren (DC Comics)

Von Laurie erfahren wir, dass Blake ein fragwürdiger Charakter war: Er habe versucht, Lauries Mutter Sally (Jupiter) zu vergewaltigen. Rorschach zeigt sich unbeeindruckt: „I’m not here to speculate on the moral lapses of men who died in their country’s service.“ (S. 21) Hier zeigt sich, dass auch Rorschachs ultrarechte Schwarz-Weiß-Moral fluide ist wie seine Maske. Er blendet alles aus, was nicht in sein Weltbild passt. Blake ist für ihn ein Held, der Anerkennung verdient. Sein Tod muss aufgeklärt werden, auch wenn bald durch Atombomben Millionen Menschen sterben könnten. „Nobody cares but me.“ Dafür zieht er auch in die Unterwelt und foltert einen Mann in einer Bar, indem er ihm zwei Finger bricht, um herauszufinden, wer den Comedian umgebracht hat. Rorschach findet nichts heraus, was ihn aber nicht stört. Der Zweck heiligt die Mittel.

Hierauf spielt das Bob Dylan-Zitat aus „Desolation Row“ an, mit dem die Geschichte endet:

„At midnight, all the agents and superhuman crew go out and round up everyone who knows more than they do.“

Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Warnung vor dem Weltende („The End is nigh“) ambig: Rorschach sieht die Welt vor die Hunde gehen, er will keine Rettung für die moralisch Gefallenen, aber trotzdem ist sie ihm nicht egal. Er will eine Ungerechtigkeit rächen, auch wenn sie den Tod nicht ungeschehen macht und am Ende alles umsonst gewesen sein könnte.

Nichts zu lachen ohne den Comedian

Am Ende verabreden sich Laurie und Daniel zum Essen, nachdem sie sich jahrelang nicht gesehen haben. Es wird angedeutet, dass Laurie unglücklich ist, allein mit Jon auf einer Militärbasis zu leben, der offenbar sehr mit seinen Aufgaben beschäftigt ist. Als einzige ist sie froh, das Superheldendasein hinter sich gelassen zu haben.

Laurie und Daniel beim Date: Watchmen #1, Seite 26 (DC Comics)

Die letzte Seite spiegelt die erste: Daniel legt den Button des Comedian, den er von Rorschach hat, auf eine Steinbrüstung und während sich die beiden über Captain Carnage unterhalten (einen Masochisten), zoomen wir mit jedem Bild weiter hinaus. Als Daniel erzählt, dass Rorschach Captain Carnage einen Fahrstuhlschacht hinabgestoßen hat, brechen beide in Gelächter aus – obwohl sie sich dessen bewusst sind, dass es nicht witzig ist. „There don’t seem to be so many laughs around these days“, sagt Laurie. Und Daniel entgegnet: „Well, what do you expect? The Comedian is dead.“

Die Sequenz zeigt die ganze Ambiguität der Situation: Rorschach wird als skrupelloser Mörder bestätigt, der selbst das getan hat, was er jetzt für Blake sühnen möchte. Mord ist nicht witzig, aber trotzdem lachen die beiden – weil sie sonst nicht viel zu lachen haben. Wir entfernen uns von den Figuren, wir gehen auf Distanz, während sie den moralischen Tiefpunkt erreichen. Aber wir sehen auch, dass sie auf dem Dach eines Hochhauses stehen, also nicht ganz unten angekommen sind. Es sind zwei Menschen zwischen den Sphären des Abgehoben-Göttlichen, das Dr. Manhattan repräsentiert, und der Gosse, die man am Anfang sieht. Es bleibt offen, wer über ihnen steht: Es könnte Adrian Veidt sein, der von seinem Hochhaus auf sie herabschaut, aber auch Dr. Manhattan. Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit – und die hängt mit dem Titel zusammen.

Wer überwacht die Wächter?

Der Begriff der Watchmen taucht in der ersten Ausgabe nur einmal auf Seite 9 auf. Ein Grafitti, der nur halb zu sehen ist, lautet: „Who watches the Watchmen?“ Ein Zitat aus den Satiren des Juvenal (Satire 6, 347 f.), das auf den Sittenverfall anspielt. Geht es dort um die Frauen, die ihre Hüter verführen, die von den Ehemännern bestellt worden sind, sind hier die Helden gemeint. Niemand beaufsichtigt sie, selbst die staatlich legitimierten Helden unterstehen niemandem und können handeln, ohne Konsequenzen zu befürchten. Sie nehmen sich eine Position heraus, die über den Dingen schwebt, als wären sie selbst kein Teil der Welt.

Auf der letzten Seite wird deutlich, dass die Leser selbst diese Perspektive einnehmen: Sie sind es, die die Wächter beobachten. Sie erfahren immer mehr über sie, aber sie haben keine Kontrolle über sie. Wir sind nur zum Zusehen verdammt. Unser Urteil über sie bleibt ohne Wirkung.