Alan Moore’s Writing for Comics

Avatar Press

Als Alan Moore Mitte der 80er-Jahre mit Werken wie Watchmen neue Standards für das Erzählen in Comics setzte, schrieb er einen Essay, in dem er über die Zukunft des Mediums reflektiert. In den 80ern ist Moore ein Pionier auf einem Markt, in dem immer noch nicht die Möglichkeiten des Comics ausgereizt werden.

Moore plädiert dafür, zunächst die Art zu ändern, wie über Comics gedacht wird. Nur so könne das Medium sich entwickeln – und das hält Moore für unerlässlich für ihr Fortbestehen. In einer Welt, der radikale Veränderungen bevorstehen, müssen auch Comics flexibel sein, um diesem ständigen Wandel zu widerstehen.

Und um Comics zu verändern, muss verändert werden, wie über ihre Entstehung nachgedacht wird. Dem Schreiben misst Moore dabei die wichtigste Rolle zu, weil es am Anfang des Schaffensprozesses steht. Daher ist Writing for Comics auch eine Art Ratgeber für angehende Autoren.

Moore stellt fest, dass Comics hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, weil sie immer noch nicht als etwas Eigenständiges angesehen werden. Auch wenn manche Panel-Beschreibungen dem Kino entlehnt sind, wird ein Vergleich mit dem Film dem Comic nicht gerecht. Auch wenn gewisse Techniken des Kinos den Comic voranbringen können, wird ein Comic nach diesen Maßstäben immer wie ein Film ohne Bewegung und Ton wirken. Ähnlich verhält es sich bei Vergleichen zwischen Comics und Literatur.

Vielmehr sollte man sich laut Moore auf die einzigartigen Eigenschaften und Techniken von Comics konzentrieren, die ein Film oder ein literarisches Buch nicht nachahmen kann. Comics können eine große Wirkung auf Leser entfalten, bleiben aber bisher hinter ihren Möglichkeiten zurück. Das liege daran, wie eng die Vorstellungen darüber seien, was eine Comicstory ausmache.

Kein Comic ohne zentrale Idee

Moore wirft vielen Comic-Autoren vor, dass ihre Werke ohne eine zentrale Idee auskommen. Viele Comics handelten bloß von einem Kampf zwischen zwei oder mehreren Antagonisten, der meist auf eine Deus-ex-machina-Lösung hinausläuft. Der Konflikt ist Selbstzweck. Die Idee einer Geschichte ist aber nicht mit dem Plot zu verwechseln. Eine Idee ist, wovon die Geschichte wirklich handelt, also ihr übergeordnetes Thema.

Wie genau die Idee beschaffen ist, ist für Moore nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass es überhaupt eine interessante Idee gibt. Eine Möglichkeit, eine solche zu erschaffen, sind „Was wäre wenn … ?“-Szenarios, wie man sie häufig in der Science-Fiction antrifft. Die Idee kann also als Frage formuliert werden, zum Beispiel, wie in Moores Geschichten: Was ist, wenn ein Mensch Zeit in umgekehrter Richtung wahrnimmt? Was ist, wenn Menschen auf der Sonne leben könnten? Was ist, wenn Aliens Menschen das antun, was die Weißen den indigenen Völkern angetan haben? Allerdings müsse eine Idee nicht immer am Anfang des Schreibens stehen, sondern könne sich auch erst im Laufe des Prozesses herausstellen.

Die Herkunft der Ideen

Wo aber kommen die Ideen her? Die typische Frage, mit der Autoren häufig konfrontiert werden (und der sie meistens ausweichen), beantwortet Moore überraschend konkret: Ideen entstehen an einem Punkt, wo sich künstlerische Einflüsse und eigene Erlebnisse überschneiden. Andere Werke zu studieren sei also genauso wichtig wie persönliche Erfahrung.

In Moores Poetik ist der Plot nicht der Hauptaspekt der Geschichte oder der Hauptgrund dafür, dass die Geschichte existiert. Der Plot ist dafür da, die zentrale Idee der Geschichte und der Charaktere zu steigern. Eine Besessenheit von einem linearen Plot sei einer der besten Wege, alles Leben und Energie aus einer Geschichte zu pressen. Eine Geschichte sollte sich nicht in der mechanischen Erzählung erschöpfen.

Einen Plot definiert Moore als Kombination von Umwelt und Charakteren mit Zeit. Wenn Umwelt und Charaktere zusammen die Situation bilden, dann ist der Plot die Situation in vier Dimensionen. Der Plot sollte der Erzählfaden sein, der am meisten von dieser Welt offenbart.

Der Umgang mit dem Leser

Bevor Moore beschreibt, wie man eine Geschichte erzählt, geht er der Frage nach, für wen man erzählt. Er lehnt die Vorstellung eines „durchschnittlichen Lesers“ ab, da es ihn ohnehin nicht gibt. Daher sollte nicht der Autor sich seine Leser vorstellen, sondern das Werk selbst sollte sein Publikum finden. Wenn das Werk genug Integrität habe, werde das früher oder später passieren, so Moore.

Das Material mit dem ein Autor arbeite, sind menschliche Gedanken, Gefühle und Ideen. Daher sollte man, wenn man sich einen Leser vorstellt, nicht vom kleinsten gemeinsamen Nenner ausgehen, was öffentlich akzeptabel ist, sondern den gemeinsamen Nenner der grundsätzlichen Menschlichkeit.

Eine erfolgreiche Geschichte ist für Moore fast wie Hypnose: Man fasziniert den Leser mit dem ersten Satz, zieht ihn mit dem zweiten weiter hinein und behält ihn mit dem dritten in sanfter Trance. Ohne ihn aufzuwecken, trägt man ihn weiter hinein in die Geschichte, und wenn er sich ihr hingegeben hat, tut man ihm brutale Gewalt an (Moore spricht vom Verprügeln mit einem Softball-Schläger) und entlässt ihn winselnd auf der letzten Seite. „Believe me, they’ll thank you for it.“

Moore betont, es sei wichtig, die Leser nicht aufzuwecken, bis man es möchte. Zu unerwünschten Erwachen kann es vor allem an den Szenenübergängen kommen. Sie sind die potenziellen Schwachstellen des Comics. Moore stellt verschiedene Techniken vor, wie man sie überbrücken kann: mit einem überlappenden Dialog, verbindenden visuellen Details (wie der Match-Cut im Film) oder indem man mit der Einheit einer einzelnen Seite arbeitet, sodass das Blättern den Takt angibt und ein Szenenwechsel nicht den Rhythmus der Geschichte stört.

Wie erschafft man Welten und Persönlichkeiten?

„Jedes Mal, wenn man eine Geschichte anfängt, erschafft man eine Welt und bevölkert sie“, schreibt Moore. Deshalb legt er Wert auf Glaubwürdigkeit in der Ausgestaltung der Erzählwelt und ihrer Charaktere. Moore rät dazu, sich seine Welt so genau wie möglich zu überlegen, bevor man mit dem eigentlichen Schreiben anfängt. Wenn man eine Welt und ihre Regeln definiert hat, muss man sie nicht groß einführen, sondern kann das nebenher tun, indem man zwischendurch kleine Details einstreut. Je nebensächlicher man das tut, desto überzeugender und realistischer erscheint sie.

Ähnlich verhält es sich mit Charakteren. Für Moore ist jeder in der Geschichte ein Charakter, selbst unbedeutende Nebenfiguren im Hintergrund. Um lebendige Charaktere zu erschaffen, muss man dieser Tatsache Rechnung tragen. Kein Mensch kann in 15 Wörtern zusammengefasst werden, zumindest nicht auf bedeutende Weise. Das liegt daran, dass Menschen vielseitig sind: Sie verändern ihre Persönlichkeit, je nachdem, mit wem sie sprechen, sodass sie „out of character“ erscheinen. Um diese Tiefe auch bei fiktiven Figuren zu simulieren, appelliert Moore an Autoren, sich selbst und andere Menschen genau zu beobachten, jedes Detail, jeden sprachlichen Tick und jede unbewusste Geste zu studieren. Auch wenn es unmöglich ist, das Leben zu imitieren, kann man sich dem Ziel zumindest annähern. „Es gibt keinen Ersatz für praktische Erfahrung.“ Moore plädiert auch dafür, sich mit den Aspekten der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen, mit der man sich am unwohlsten fühlt, und diese dann ehrlich zu bewerten.

Moore selbst arbeitet mit Method-Acting, also dem Sich-Hinein-Versetzen in Charaktere. So erklärt er, wie er für Swamp Thing #27 sich nicht nur vorgestellt hat, wie es ist, wenn sich Jason Blood in Etrigan verwandelt, er hat sich auch über das Leben des Dämons in der Hölle Gedanken gemacht, seine Sprechweise, seinen Körper. Moore hat Etrigan tatsächlich sogar zu Hause gespielt, bevor er ihn auf Papier beschrieben hat.

Wie schreibt man gute Dialoge?

Wie aber lässt sich interessant schreiben? Es geht nicht um den Thema, sagt Moore. Viel wichtiger sei die Anordnung der Wörter, das die Sätze zum Leben erweckt. Das Interessanteste an Sätzen sei oft das Element der Überraschung, ein ungewöhnliches Wort oder die überraschende Gegenüberstellung zweier verschiedener Konzepte, wie etwa bei ungewöhnlichen Metaphern.

Bei Dialogen geht es um Rhythmus um Klang. Moore rät, wie andere auch, sich selbst seine Dialoge laut vorzulesen, um zu überprüfen, ob sie so klingen, wie Menschen tatsächlich sprechen. Die meisten Comic-Dialoge bestehen diesen Test nicht.

Ratschläge für fortgeschrittene Autoren

Im Nachwort, das Moore für die Neuauflage seines Essays im Jahr 2003 geschrieben hat, nimmt er einige Ratschläge wieder zurück und ergänzt ein paar neue, die sich nicht mehr an Anfänger, sondern an Profis richten.

  1. Vermeide einen eigenen Stil: Bestimmte Tricks immer wieder zu verwenden, kann zum Klischee werden. Man sollte sich immer neue Effekte überlegen und diese sparsam einsetzen. So überrasche man die Leser.
  2. Mach es dir schwer: Setze dir Ziele, bei denen du dir nicht sicher bist, ob du sie erreichen kannst. Versuche dich in Genres, Formen oder Themen, die du sonst meidest.
  3. Gehe Risiken ein, fürchte dich vor nichts, ganz besonders vor dem Scheitern. Sorge dich nicht, zu weit zu gehen. Es gibt kein „Zu weit“. Und wenn doch, dann ist es erst recht der Ort, an den man gehen sollte.
  4. Wichtiger als ein guter Autor zu sein, ist es, ein guter Mensch zu sein. Man muss etwas zu sagen haben, das von beständigem menschlichem Wert ist.

Zum Schluss hält Moore ein Plädoyer für die Liebe: „Love people. Love yourself and love the world. It’s only when we love things that we really, truly see them in their most lucid and perfect aspect; that we truly know them.“

Watchmen 1.9: See How They Fly

Angela und das Ei des Dr. Manhattan. (HBO)

Das Jahr 2008: Lady Trieu besucht Adrian Veidt in Karnak und erzählt ihm, dass sie seine Tochter ist. Ihre Mutter Bian, eine einfache Putzfrau, hat sie im Jahr 1985, ohne Veidts Wissen, mit einer seiner Spermaproben gezeugt. Sie bittet ihn um Hilfe, die Welt zu retten, aber er verweigert sie ihr mit dem Hinweis, auch er habe sein Vermögen einst verschenkt, um zu beweisen, dass er sich alles allein aufbauen könne. Er will sie nicht als Tochter anerkennen.

Jahre später trifft auf Europa ein Raumschiff ein, um Veidt abzuholen. Er entkommt durch einen selbstgegrabenen Tunnel, der Game Warden versucht, ihn aufzuhalten, im Kampf tötet Veidt ihn mit dem Hufeisen. „Why did you make wear a mask?“, fragt dieser kurz vor seinem Tod. „Because masks make men cruel. (…) I had eight years to kill. Having a worthy adversary helped keep me sane.“ – „Was I, master? Was I a worthy adversary?“, fragt der Game Warden. „No“, sagt Veidt. „But you put on a hell of a show.“

Adrian Veidt wird aufgetaut. (HBO)

Veidt kehrt im gefrorenem Zustand zurück auf die Erde (ähnlich wie Han Solo in Star Wars), kurz vor dem Finale taut ihn Lady Trieu wieder auf. Um gerettet zu werden, hat er seine Vaterschaft anerkannt, als er „Save Me Daughter“ auf Europas Oberfläche schrieb. Trieu erklärt ihm, dass sie das Gleiche vorhabe wie die Seventh Kavalry: Dr. Manhattan zu zerstören und sich seine Kräfte anzueignen. Trieu hat ihren Vater hergebracht, damit er mitansieht, wie sie alles erreicht, obwohl sie mit nichts angefangen hat. Sie setzt einen Hut auf, der wie ein Heiligenschein wirkt – damit nimmt sie ihre eigene Göttlichkeit vorweg, die sie sich anmaßt, auch wenn sie dabei eine ganz und gar unheilige Tat begeht: Mord.

Später sagt Veidt zum Zeitungsverkäufer: „Israel is desolate and her sea is no more. And palestine has become a widow for egypt.“ Er zitiert damit die alt-ägyptische Merenptah-Stele aus Karnak. „It’s the end, my friend. The end is nigh.“ – 1985 verhieß diese Aufschrift auf Rorschachs Schild das Ende der Welt.

Rhetorik der Neuen Rechten

Die Seventh Kavalry versammelt sich zur Erfüllung ihres Plans: Auch Keene Sr. ist anwesend, um zu sehen wie sein Sohn zum neuen Dr. Manhattan wird. Laurie sitzt gefesselt auf einem Stuhl, um Zeugin zu sein, wie ihr Ex-Freund stirbt. Wade Tillman, der zur Tarnung eine Rorschach-Maske trägt, gibt sich ihr heimlich zu erkennen. Er hat den Angriff der Kavalry überlebt.

In seiner Ansprache bezeichnet Keene Jr. Präsident Robert Redford als das wahre Monster, das Veidt auf die Welt losgelassen hat. „First, he took our guns. And then he made us say sorry, over and over again. Sorry, sorry for the alleged sins of those who died decades before we were born. Sorry for the colour of our skin.“

Damit bedient Keene, der sich selbst zuvor nicht als Rassisten bezeichnet hat (Watchmen Episode 7), eine typische Rhetorik der „Neuen Rechten“: dass man unter die Vergangenheit (in dem Fall die Sklaverei und die systematische Unterdrückung der Schwarzen Minderheit in den USA) einen Schlussstrich ziehen müsse und dass es einen Rassismus gegen Weiße gebe.

„All we wanted was to get cops in masks, get some power back, start ourselves a little culture war. And if we control both sides of it, then I could come up ridin‘ on a white horse right into the White House.“ Der Plan habe sich dann geändert, nachdem sie in der „White Night“ herausgefunden haben, dass Dr. Manhattan Cal ist. Er hat damals insinktiv gehandelt, als er einen Angreifer der Kavalry nach Gila Flats, seinen Entstehungsort teleportiert hat.

Dr. Manhattan sieht seinem Ende entgegen. (HBO)

Angela versucht, Keene aufzuhalten, aber er will ihr nicht glauben, dass er bloß einem höheren Plan von Lady Trieu gehorcht. Keene stirbt beim Versuch, Dr. Manhattans Kräfte zu bekommen, Lady Trieu taucht auf und tötet die Mitglieder von Cyclops. „I’m fulfilling my promise to your grandfather“, sagt Trieu. „He gave me your husband. And I’m giving him justice.“ Für Will geht damit seine Mission zu Ende. Dann zerstört sie Dr. Manhattan. Für Angela wiederholt sich ihr Trauma: Wie schon beim Tod ihrer Eltern wird Angela von einer Explosion umgestoßen. Sie fällt gegen eine der blauen Telefonzellen, auf der für das Oklahoma-Musical geworben wird, das in Episode 1 zu sehen war.

Welt retten vor Größenwahn

Jon hat zuvor Veidt, Laurie und Wade nach Karnak geschickt, von wo aus sie die Squid-Maschine in eine Eiskanone verwandeln, damit Trieus Maschine zerstört und Trieu getötet wird. Wieder nimmt Veidt Kollateralschäden hin. Erneut wird er zum Mörder, weil Trieu sie für eine Gefahr hält. Sie sei eine Narzisstin, die keine Grenzen kenne – so wie er selbst. „Anyone who seeks to attain the power of a God must be prevented at all cost from attaining it“, sagt er. „But believe me: That girl will not rest until she has us all prostrate before her kissing her tiny blue feet.“ Die Bildsprache scheint ihm Recht zu geben: Nicht von ungefähr sieht man sie neben einem Kruzifix stehen. Sie maßt sich Göttlichkeit an – Hybris.

Hybris im Angesichts des Herrn: Lady Trieu will Gott werden. (HBO)

Doch obwohl Veidt (vermutlich) erneut die Welt gerettet hat, nehmen ihn Laurie und Wade fest. Wade hat sein Geständnis für das Massaker in New York auf Video. Veidt droht, dass die Welt untergehen könne, wenn das bekannt würde. Laurie ist skeptisch: „Yeah, people keep saying that, but it never seems to happen.“ Veidt fragt sie, warum sie erst nach all der Zeit das Geheimnis lüften wolle. „People change“, sagt sie. Damit bringt sie das Thema der Episode auf den Punkt. Wer sich nicht ändern will, stirbt – das gilt für die Seventh Kavalry wie für Trieu. Dabei geht es nicht um eine äußere Veränderung, die damit einhergeht, mehr Macht zu gewinnen, sondern um eine innere.

Kann Angela übers Wasser gehen? (HBO)

Als Angela am Ende die kaputten Eier vom Küchenboden wischt, erinnert sie sich an Jons Worte, er könne theoretisch seine Kräfte auf andere übertragen. Zudem fand er es in Episode 8 wichtig, dass sie ihn auf der Wasseroberfläche des Pools laufen sieht. Angela findet ein nicht zerbrochenes Ei in der Packung, schluckt seinen Inhalt und macht einen Schritt auf das Wasser im Pool. Dazu hören wir eine Coverversion von I Am the Walrus, in dem es im Refrain heißt: „I am the eggman.“ Daraus stammt auch der Episodentitel See How They Fly. Ob Angela zum neuen Dr. Manhattan wird, bleibt offen, ist aber sehr wahrscheinlich. Das Ei als Symbol des Lebens wird zum Symbol der Macht. Sie erhält die Kräfte, weil sie nicht danach strebt. Aus der maskierten Polizistin wird eine Superheldin. Dass es sich um eine Schwarze handelt, ist ein eindeutiges Statement in Richtung „black power“, allerdings ist die blaue Hautfarbe Dr. Manhattans in dem Zusammenhang auch ein Zeichen für Neutralität und die Aufhebung von „Rassengrenzen“. Nun bleibt die Frage, was Angela mit dieser Macht tut. Sollte die Doomsday Clock tatsächlich wieder dem Untergang näher rücken, wie Veidt sagt, hätte Angela die Fähigkeit, dagegenzusteuern.

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Watchmen 1.8: A God Walks into Abar

Dr. Manhattan maskiert sich als Dr. Manhattan (HBO).

Das Jahr 2009: Es ist mal wieder „Victory over Vietnam“-Day in Saigon. Jemand hat auf ein Dr. Manhattan-Graffiti einen gelben Penis gemalt. Das religiöse Staunen scheint sich zu verbrauchen. In dem Moment kehrt der Gott selbst auf die Erde zurück, als ein Mann im Anzug, der über die Straße geht und sich eine Dr.-Manhattan-Maske aufsetzt, passend dazu läuft aus dem Off eine Funk-Version von Gershwins Rhapsody in Blue. Er tritt in eine Bar, in der Polizistin Angela Abar alleine sitzt und Trübsal bläst – „A God Walks into Abar“.

Blasphemie in Vietnam: Dr. Manhattan-Graffiti. (HBO)

Dr. Manhattan tritt mit zwei Gläsern Bier vor Angela und fragt sie, ob sie morgen abend mit ihm ausgehen wolle. Sie weist ihn ab, auch wenn er ihr ein Bier mitgebracht hat, lässt ihn aber bei sich sitzen, als er errät, warum sie allein sitzt: weil sie ihrer Eltern gedenkt. Für sie ist „VVN Day“ nicht mit Sieg, sondern mit Verlust verbunden.

Angela Abar und Dr. Manhattan. (HBO)

Es beginnt ein langer Dialog, in dem Jon Angela erklärt, wer er ist, was er gemacht hat und was passieren wird. Sie glaubt ihm natürlich nicht und stellt kritische Fragen, etwa warum er Maske trage. Weil er nicht erkannt werden wolle, sagt er. Damit nimmt er bereits die Fassade von Cal vorweg, die er sich bald darauf gibt, um nicht aufzufallen und mit Angela ein normales Leben zu führen.

Dr. Manhattan in göttlicher Mission

„Is this a Zeus thing?“, fragt Angela und spielt damit auf die Verwandlungen des Gottes an, um Frauen zu verführen. Passenderweise erzählt ihr Dr. Manhattan, dass er die vergangenen 20 Jahre auf dem Jupitermond Europa verbracht hat. Europa ist zugleich der Name der Frau, die Zeus als Stier entführt und mit der er drei Kinder zeugt. (Auch Angela und Cal haben später drei Kinder, wenn auch adoptierte.)

Dr. Manhattan erschafft Adam und Eva. (HBO)

Auf Europa hat er, wie bereits im Comic angekündigt (Watchmen #12), Leben geschaffen – und zwar aus dem Nichts. Ein Biotop mit Pflanzen, Tieren, zwei Menschen, nackt wie ihr Schöpfer, wie Adam und Eva. Als Haus er für sie teleportiert ein Schloss von der Erde her. Dazu hören wir An der schönen blauen Donau, das bereits in 2001: A Space Odyssey zu hören war und wo ebenfalls der Jupiter eine Rolle spielt.

Vater und Sohn: Hans und Jon Osterman. (HBO)

In einer Rückblende wird klar, dass die beiden Menschen einem Paar nachempfunden sind, die Jon Osterman als Kind gesehen hat. Als Kind floh er mit seinem Vater aus Hitlerdeutschland nach Großbritannien, wo er Unterkunft in einem Schloss gefunden hat. Dabei wurde er zum ersten Mal Zeuge, wie Mann und Frau, in dem Fall Herr und Frau des Hauses, Leben erschaffen. Sie erwischen ihn dabei, erklären es ihm später als Akt der Liebe, schenken ihm eine illustrierte Bibel und zeigen ihm ein Bild von Adam und Eva. Jon kennt die Geschichten nicht, weil sein Vater Atheist ist. Schließlich nimmt ihm die Frau ein Versprechen ab: „Make it your purpose to create something beautiful.“ Dieses Versprechen erfüllt Jon auf Europa.

Inspiration aus der Bibel: Adam und Eva. (HBO)

Angela ist nicht überzeugt. Und auch nicht begeistert, denn sie ist kein Fan von Dr. Manhattan. Wegen seiner Intervention in Vietnam sind Angelas Eltern gestorben (Watchmen Episode 7): „A little boy watches his village burn, boy grows up, becomes a puppeteer, because he wants to hold the strings. He makes a bomb. That bomb kills my parents, 22 years ago, tonight.“

„I was trying to be what people wanted me to be“, sagt Jon. „A soldier, a superhero, a savior, and tried to do the right thing. If it is a consolation, I do regret it.“ Auf die Frage, warum er es getan habe, obwohl er gewusst haben müsste, dass er es bereuen würde, antwortet er: „Haven’t you ever done anything you knew you were gonna regret?“

Wieder einmal stellt sich Dr. Manhattan als Puppe dar, die an Fäden geführt wird. Das Schicksal ist vorherbestimmt, er ein Teil davon. Ähnlich wie bereits bei Laurie (Watchmen #9) erklärt er ihr, dass für ihn alles zeitgleich stattfindet: Vergangenheit und Zukunft. Er kennt ihre Geschichte, obwohl sie ihm erst später davon erzählen wird, und er weiß auch, dass sie zusammenkommen und Kinder haben werden. In zehn Jahren wird ihre Beziehung aber tragisch enden. Zwei Wochen später lässt ihn Angela im Leichenschauhaus einen Körper aussuchen, desen Form er dann annimmt.

Als Cal besucht er Adrian Veidt in Karnak, der die kleinen Squids züchtet und an zufälligen Orten auf der Welt herunterregnen lässt, um die Menschen an den Schrecken von 1985 zu erinnern und den Frieden zu wahren. Er ist frustriert über die fehlende Anerkennung. Also schickt ihn Dr. Manhattan in sein Eden auf Europa, wo zwei Menschen dazu geschaffen sind, Liebe zu schenken. Ein Paradies. Als Gegenleistung gibt Veidt ihm den Ring, der ihn seine Identität vergessen lässt, um ein normales Leben unter Menschen führen zu können. Der Gott zieht sein „Zeus-Ding“ durch.

Was war zuerst da: Henne oder Ei?

Dr. Manhattan erschafft Leben: ein Ei. (HBO)

Als Angela im Jahr 2009 um einen Beweis bittet, erschafft Dr. Manhattan Leben: In seiner Hand erscheint ein Ei. Das Symbol des Lebens tauchte bereits mehrmals auf: In Episode 1 schlägt Angela mehrere Eier auf, trennt sie und rührt die Eigelbe zu einem Smiley zusammen. Dabei erklärt sie das Prinzip des Eischnees, der nicht von Eigelb kontaminiert sein darf, um stabil zu bleiben. In Episode 2 kocht sich William Reeves Eier in ihrer Bäckerei. In Episode 4 haben die Clarks eine Eierfarm, Eier gehen zu Bruch, Eizellen sind unfruchtbar.

Für Dr. Manhattan wird das Ei zum Anlass zu erklären, dass er theoretisch seine Kräfte weitergeben könnte. In der Gegenwart (2019), nachdem Angela ihn aufgeweckt hat, macht er plötzlich Waffeln. „Watch the eggs“, sagt er und lässt eine Packung Eier aus dem Kühlschrank schweben. Angela ergreift sie und wirft sie wütend zu Boden. Sie erklärt ihm, dass dafür keine Zeit sei, weil die Seventh Kavalry im Anmarsch ist. Doch er sagt, er könne nichts dagegen tun. Und so kommt es auch: Auch wenn Angela und Jon die Kavalry abwehren, schaffen die Schurken es doch, Dr. Manhattan gefangen zu nehmen.

Die Untenrinnbarkeit vor dem Schicksal bekommt kurz zuvor eine noch paradoxere Wendung, als Cal William Reeves in der Vergangenheit aufsucht und die Angela der Gegenwart bittet, ihn zu fragen, woher er wisse, dass Jud Crawford ein Mitglied von Cyclops ist und eine Klansrobe in seinem Schrank hat. „Who is Jud Crawford?“, fragt Will. Da wird ihr klar, dass erst Angelas Frage Will zum Mord veranlasst hat. Was wiederum ein Anlass für eine Ei-Metapher ist, das alte Paradoxon: Was war zuerst da, Henne oder Ei? Wieder schließt sich ein Kreis, diesmal einer, bei dem man nicht sagen kann, wo Anfang und Ende ist. Wieder gilt: Nichts endet wirklich, weil es in Kreisen kein Ende gibt.

Im Grunde ist die gesamte Handlung der Episode ein Paradoxon: Sämtliche Ereignisse passieren, weil Dr. Manhattan weiß, dass sie passieren werden. Sie passieren, weil er sie nicht verhindert, oder gerade weil Angela versucht, sie zu verhindern. Das Resultat ist dasselbe.

Warum lässt sich Angela aber mit ihm ein, wenn sie weiß, dass alles mit einer Tragödie endet? „By definition, don’t all relationships end in tragedy?“ Damit überzeugt er sie. Sie sagt ihm das Date zu. „Why not?“ Die Aussage ist klar: Auch wenn alle Mühe vergeblich ist, auch wenn am Ende alles verloren geht, lohnt es sich, den Weg zu gehen.

Adrian Veidts Spiel

Hufeisen im Kuchen: Adrian Veidts Ausweg. (HBO)

Nach dem Abspann wird Adrian Veidt gefesselt und eingekerkert, weil er Europa verlassen will. „Why is heaven not enough?“, fragt ihn der Game Warden, als er ihm einen Kuchen zum siebenjährigen Jubiläum bringt. Er stellt sich als erster von Dr. Manhattan erschaffener Mensch heraus. „Heaven is not enough because heaven doesn’t need me“, sagt Veidt. Er sieht eher die Menschen auf der Erde als seine Kinder an, die seine Rückkehr erwarten.

Im Kuchen steckt ein Hufeisen, mit dem sich Adrian einen Ausweg freizugraben beginnt. Das Hufeisen hat ihm Phillips bereits in Episode 1 gereicht, was aber nach Veidts Aussage noch zu früh war. Es ist Teil eines Spiels, um Veidt zu unterhalten. Auch hier ist alles vorherbestimmt – und deshalb so langweilig für den Erfinder des Spiels. Daher hat er das Paradies leid, er sehnt sich nach einer Herausforderung.

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Watchmen 1.7: An Almost Religious Awe

„I’m just a puppet who can see the strings“: Dr. Manhattan mit Puppenspieler. (HBO)

Saigon in Vietnam, dem 51. Bundesstaat der USA. Es ist VVN (Victory over Vietnam) Day 1987: Auf der Straße wird der Mann gefeiert, der den Sieg einst ermöglichte und den Vietnamkrieg beendete: Dr. Manhattan. „An Almost Religious Awe“, hat Jon Osterman die Verehrung der Vietnamesen für ihn einst genannt. Hier wird sie greifbar. Menschen tragen blauen Masken und Kostüme, ein Puppenspieler führt auf, wie Dr. Manhattan den Vietcong mit Feuer aus seinen Händen besiegt. Die Szene greift die Metapher auf, die Dr. Manhattan in Watchmen #9 selbst benutzt, als er Laurie klarmacht, dass alles vorherbestimmt ist: „We’re all puppets, Laurie. I’m just a puppet who can see the strings.“ Hier wird er zur Marionette des vietnamesischen Widerstands gegen die US-Besatzer, reines Wunschdenken, aber nur scheinbar harmlos.

Die kleine Angela Abar schaut dem Puppentheater zu. Dazu werden Szenen aus dem Massaker von Tulsa gegengeschnitten. Da wir die Erinnerungen der erwachsenen Angela sehen, die noch unter dem Einfluss der Nostalgia-Pillen steht, verschmelzen sie in der Rückblende mit denen ihres Großvaters. Das verniedlichende Puppenspiel wird so zur Darstellung eines Massenmords. Kurz darauf wird Angela selbst Zeugin eines Mordes.

„The Nun with the motherfucking gun“: Sister Night als VHS. (HBO)

Angela leiht sich eine Videokassette aus: „Sister Night“, ein Blaxploitation-Film, für den sie noch zu jung ist. Ihre Eltern erklären ihr zum wiederholten Male, dass sie ihn nicht sehen darf.  „People who wear masks are dangerous“, sagt ihr Vater, ein US-Soldat. „And you should be scared of them. They’re hiding something.“ Auch Angelas Argument, dass es nur Fiktion sei, lässt er nicht gelten: „It’s just pretend until it’s real.“ Er spricht aus Erfahrung: Sein Vater, Will Reeves ist der ehemalige Superheld Hooded Justice.

Das Trauma von Sister Night

Als Angela den Film zurückgeben will, sieht sie, wie ein Radfahrer vom Puppenspieler einen Rucksack abholt und sich anschließend selbst in die Luft sprengt. Ihre Eltern sterben dabei. Angela überlebt den Terroranschlag gegen die Besatzungsmacht, weil ihr Vater sie vor dem schlechten Einfluss des Films bewahren wollte. Nur, dass die wahre Gefahr von Menschen ausging, die keine Masken trugen. Dass Menschen nicht sind, was sie scheinen, oder zumindest vorgeben, jemand oder etwas anderes zu sein, ist das durchgehende Thema dieser Episode.

Trotz oder gerade wegen dieser Erfahrung wird Angela später selbst zu Sister Night. Obwohl sie schon als Kind den Unterschied zwischen Fiktion und Realität erkennt, sorgt sie selbst dafür, dass Fiktion Realität wird. Damit bestätigt Angela Laurie Blakes Verdacht, dass auch sie unter einem Trauma leidet (Watchmen Episode 4), und folgt, ohne es zu wissen, ihrem Großvater nach, der sich ebenfalls von einem Leinwandhelden inspirieren ließ: Bass Reeves, dessen Namen er sogar annahm. Geschichte wiederholt sich, in der TV-Serie wie im Comic.

Als Angela im Waisenhaus lebt, wird sie weiterhin von Dr. Manhattan verfolgt: Zusammen mit anderen Kindern malt sie Puppen von ihm an, was auch ihr Trauma noch verstärken dürfte. Dann wird sie von der Polizei als Zeugin befragt, um den Puppenspieler zu identifizieren. Kurz darauf wird er von der Polizei erschossen. Angela gibt sich davon ungerührt. Eine Polizistin überreicht ihr eine Polizeimarke, Angela sieht darin ihre Berufung. Dann trifft ihre Großmutter ein, um sie nach Oklahoma zu bringen. Sie erlaubt ihr, den Sister-Night-Film zu schauen, aber dazu kommt es nicht: Sie stirbt, bevor sie Angela nach Tulsa bringen kann.

Keene will Manhattan werden

Im Jahr 2019 kommt Laurie Blake hinter den Mord an Jud Crawford und wird daraufhin von der Seventh Kavalry gefangen genommen. Jane Crawford gesteht ihr, dass der ursprüngliche Plan darin bestanden habe, Senator Joe Keene zum US-Präsidenten zu machen. Er selbst erklärt es so: „We’re not racist. We’re about restoring balance in those times when our country forgets the principles upon which it was founded. Because the scales have tipped way too far.“ Was das genau bedeutet, bleibt offen. Dass es ihm aber doch um „Rassen“ geht, wird deutlich, wenn er gleich darauf sagt: „And it is extremely difficult to be a white man in America right now. So I’m thinking I might drop me in a blue one.“

Is there life on mars? Nein, Dr. Manhattan lebt mitten unter uns. (HBO)

In der Zwischenzeit erklärt Lady Trieu Angela, dass Dr. Manhattan nicht auf dem Mars lebt, sondern in Tulsa und sich als Mensch ausgibt. Keene wolle Dr. Manhattan fangen, zerstören und sich seine Kräfte einverleiben. „Can you imagine that kind of power in the hands of white supremacists?“ Trieu will das verhindern, um die Menschheit zu retten.

Angela fragt nicht, wer Dr. Manhattan ist, sie weiß es längst: Als sie nach Hause kommt, schlägt sie ihrem Mann Cal den Kopf ein und holt einen Metallring aus seinem Schädel, um Dr. Manhattan sein Gedächtnis wiederzugeben. Alles geschieht wie vorhergesehen.

Am blauen Leuchten in Angelas Gesicht sieht man, dass Cal tatsächlich nur die menschliche Maske ist, hinter der sich der gottgleiche Superheld verbirgt. Auch Dr. Manhattan, der bisher kein Geheimnis aus sich gemacht hat (wofür auch die Nacktheit ein Symbol war) bekommt hier eine Geheimidentität – und zwar eine, von der er selbst nichts weiß. Angela macht sie zunichte, um ihn zu retten. Dafür tötet sie aber nicht nur die Rolle Cal, sondern setzt auch Ereignisse in Gang, durch die später Dr. Manhattan stirbt. Es lässt sich nicht verhindern, denn alles ist vorherbestimmt. Insofern wiegen Angelas letzte Worte in der Folge umso schwerer: „We’re in fucking trouble.“

Auf Europa wird Adrian Veidt nach einem 365-tägigen Prozess für sein Verbrechen an der Menschheit verurteilt, den Massenmord in New York. Die Jury besteht aus Schweinen, seinem Niveau angemessen. Es wirkt wie ein großes absurdes Schauspiel, aber Veidt wirkt teilnahmslos und gelangweilt.

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Watchmen 1.6: This Extraordinary Being

Will Reeves als Hooded Justice

Will Reeves als Hooded Justice (HBO)

Hooded Justice wird vom FBI verhört. Wofür wohl die Schlinge um dessen Hals da sei? Eine Drohung an seine Feinde? Oder eher „sex stuff“? Die Agenten wollen wissen, wer sich hinter der Maske verbirgt. Hooded Justice weigert sich. Doch das FBI hat etwas gegen ihn in der Hand. Sie wissen von einer Affäre mit Nelson Gardner (Captain Metropolis). Angeblich soll sogar J. Edgar Hoover Sex mit ihm gehabt haben, es existiert Filmmaterial, mit dem der FBI-Chef erpresst wird. Hooded Justice soll den Film für sie besorgen, dann vernichten sie das Foto von ihm. Doch nachdem er die Maske abgenommen hat, schlägt der Held die Agenten tot. Seine größte Sorge ist jedoch, dass sein Liebhaber eine Affäre mit Hoover hat.

So jedenfalls spielt es sich in der TV-Serie American Hero Story: Minutemen ab. „This show is garbage“, hat Agent Petey einmal gesagt. Und spätestens jetzt weiß man, dass er Recht hat. Wie es wirklich gewesen ist, erfährt man kurz darauf. Hooded Justice, der Held, dessen Geheimidentität nie aufgeklärt wurde, war ein Schwarzer. Der wahre Kern an der Darstellung der Serie ist nur die Affäre mit Gardner.

Hooded Justice gegen den Ku Klux Klan

Angela Abar erlebt durch die Nostalgia-Pillen, die sie in Episode 5 geschluckt hat, die Erinnerungen ihres Großvaters, Will Reeves. 1938 wird er Polizist in Tulsa und erfährt, wie wenig er als Schwarzer ausrichten kann. Nachdem er einen Mann verhaftet, der ein jüdisches Delikatessen-Geschäft angezündet hat, sieht er ihn kurz darauf wieder freikommen. Will wird von den eigenen Kollegen gedemütigt, geschlagen und fast erhängt. Zurück in der Stadt rettet er ein Paar, das gerade ausgeraubt wird.

Inspiriert von Superman (Action Comics #1) und Bass Reeves, dem Black Marshal of Oklahoma, den er als Kind im Kino sah (kurz vor dem Massaker von Tulsa 1921) zieht er sich eine Kapuzenmaske über den Kopf sowie eine Schlinge um den Hals und wird zum Rächer Hooded Justice, dem ersten Superhelden in der „echten“ Welt. Seine Frau unterstützt ihn dabei.

Die Schlinge, das Mordwerkzeug seiner Peiniger, bleibt aber auch für ihn Symbol der Selbstjustiz. Da er als Polizist machtlos ist und ihm das Gesetz nicht hilft, sieht sich Will genötigt, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen und dadurch mit dem Ideal seines Vorbildes Bass Reeves zu brechen. Die Realität hat die Fiktion eingeholt.

„Crooks don’t stand a chance!“ Rassistische Werbung der National Bank mit Dollar Bill. (HBO)

In dieser Rolle inspiriert er Nachahmer: Nite Owl, Captain Metropolis, Silk Spectre, Dollar Bill, Mothman – gemeinsam bilden sie die Minutemen. Nelson Gardner findet Wills Identität heraus, bietet ihm die Mitgliedschaft an und geht eine Affäre mit Will ein. Allerdings hilft er seinem Liebhaber nicht dabei, sich für die Rechte der Schwarzen einzusetzen. Im Gegenteil: Er präsentiert sogar eine rassistische Werbekampagne der National Bank mit Dollar Bill.

Nachdem Reeves herausgefunden hat, dass Mitglieder des Ku Klux Klan unter dem Projektnamen Cyclops eine Verschwörung gegen Schwarze planen, muss er alleine losziehen, um sie aufzuhalten. Dabei findet er heraus, dass die Rassisten Schwarze mittels hypnotisierender Filmprojektoren dazu bringen, sich gegenseitig umzubringen. Das Medium Kino, das ihn als Kind einst fasziniert hat und ihm erlaubte, sich von der Gewalt um ihn herum abzulenken und seinen Glauben ins Gesetz zu festigen, wird nun missbraucht, um Gewalt zu schüren. (Ähnlich ist es mit der Serie American Hero Story, wo das Medium Film missbraucht wird, um für Einschaltquoten eine falsche Geschichte zu erzählen, während die Serie Watchmen selbst, trotz ihrer Fiktionalität, an wahre historische Ereignisse wie das Massaker von Tulsa erinnert.)

Angela sieht sich selbst in Wills Spiegel. (HBO)

Hooded Justice betreibt Whitefacing, damit er an seiner Augenpartie nicht als Schwarzer zu erkennen ist. Damit tut er nicht nur das Gegenteil von Angela, die als Sister Night ihre Augenpartie schwarz anmalt, sondern sein Gesicht wirkt auch wie ein Negativ der Rorschachmasken (und damit auch der Pandas, die bereits als Friedenssymbole vorkamen). Als sein Sohn ihm nacheifert, schimpft er ihn aus und wischt ihm die Schminke aus dem Gesicht. Seine Frau trennt sich daraufhin von ihm.

Familienerbe als Last

Im Jahr 2019 hypnotisiert Will Reeves Jud Crawford, sich selbst zu erhängen. „Whatever you think I did, you don’t understand“, sagt dieser kurz vor seinem Tod. „I’m trying to fucking help you people. You don’t know what’s really happening here.“ Will spricht ihn auf die Klan-Robe im Schrank an, Crawford bezeichnet es als Familienerbe. Es bleibt offen, was er damit meint. Wills Vermächtnis ist es, das zu Ende zu bringen, was er in den 40ern angefangen hat.

Dadurch, dass sie die Erinnerungen ihres Großvaters mit eigenen Augen sieht, erkennt Angela wiederum ihr Familienvermächtnis. Als maskierte Polizistin steht sie selbst in der Tradition von Hooded Justice. Ihr Weltbild ist erschüttert: Ihr Vorgesetzter und Freund wurde ermordet, ihr Großvater ist der Mörder, aber sie kann ihn deshalb nicht verhaften, denn der Mord war nur der Auftakt: Das wahre Problem ist die Seventh Kavalry, die die Arbeit von Cyclops fortführt.

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Watchmen 1.5: Little Fear of Lightning

Zeuge Jehovas im Spiegelkabinett: der junge Wade Tillman (HBO).

Bevor der Polizist Wade Tillman alias Looking Glass zu einem der neuen „Watchmen“ wurde, verteilte er den Wachturm (Watchtower) – und damit steht er in alter Tradition, denn auch im Comic (Watchmen #10) tauchen zwei Missionare auf, die vom Ende der Welt sprechen. Am 2. November 1985 versucht der junge Wade, in einem Vergnügungspark in Hoboken, mit anderen Zeugen Jehovas, die sündigen Menschen zu missionieren – „in the whore’s den“. Auf dem Cover des Watchtower sind Pandas zu sehen, ein Symbol für die Eintracht im Paradies.

„Panda“ ist auch der Deckname des Cops in Tulsa, der darauf pocht, streng nach Regeln zu handeln. Auch er trägt Mitschuld am Tod seines Kameraden,  bezeichnet es aber später als Fehler, als Crawford die Schusswaffen für Polizisten freigibt. Zugleich spiegelt das schwarz-weiße Gesicht der Pandas in gewisser Weise das Muster der Rorschach-Masken. Auch wenn es keine ideologische Nähe gibt, steht es doch in beiden Fällen für ein polares Schwarz-weiß-Denken. Looking Glass erinnert in seinem Verhalten an Rorschach – von der Maske bis hin zu der Szene, in der er kalte Bohnen aus der Dose isst.

Wade Tillmans Traumata

Zurück nach 1985: Kurz nachdem Wade angekommen ist, lässt er sich selbst von der Sünde verführen. Eine junge Frau von den Knot Tops bringt ihn in ein Spiegelkabinett, täuscht vor, mit ihm Sex haben zu wollen, zieht ihn aus, aber klaut dann bloß seine Kleidung und rennt davon.

Als Wade nackt und gedemütigt dasteht und sich selbst Vorwürfe macht, ist er nicht nur entlarvt, sondern durch die vielen Spiegel auch auf sich zurückgeworfen und mit seiner Sünde konfrontiert. Vor dem Hintergrund des von ihm beschworenen Paradieses wirkt er wie ein Adam nach der Erbsünde. Doch im Moment der persönlichen Krise passiert die Katastrophe: Veidts Monster trifft in New York ein und tötet auch die meisten Menschen im Vergnügungspark. Für Wade geht im Spiegelkabinett buchstäblich eine Welt zu Bruch. Er wird Zeuge eines Massakers, das ihn fürs Leben zeichnet.

Looking Glass mit Kaktus. (HBO)

In seiner Maske als Looking Glass muss nicht er in den Spiegel sehen, sondern wird zum Spiegel, der andere als Zerrbild mit sich selbst konfrontiert. Außerdem durchschaut er die Menschen als eine Art lebender Lügendetekor, nicht nur bei der Polizei, sondern auch in der Marktforschung.

Wir erfahren, dass er seine reflektierende Maske nicht nur aus symbolischen Gründen trägt. Das Material Reflectatine in seiner Mütze lässt ihn ruhig schlafen. Deshalb ist er auch im Alltag ein „Aluhutträger“, wenn auch nicht im Sinne eines Verschwörungstheoretikers. Wade hat gute Gründe für seinen Bunker im Garten und dass er mit einem Alarmsystem hunderte Male den Ernstfall probt, bis die Alarmanlage kaputtgeht. Bereits in Episode 4 erfährt man, dass er die kleinen Squids, die vom Himmel fallen, fotografiert und sogar Empathie mit ihnen verspürt. Jetzt wird klar, dass er sich auch vor dem Eintreffen eines neuen Riesen-Squids fürchtet.

Wiederholung des Traumas und Heilung

Wade betreibt eine Selbsthilfegruppe für Traumatisierte des 2. November. Dort lernt er eine Frau kennen, die ebenfalls gezeichnet zu sein scheint. Doch bei seiner neuen Bekanntschaft verkennt er die Täuschung: Sie lockt ihn in einer Falle der Seventh Kavalry. Wade wiederholt seinen alten Fehler, doch bevor er sein erstes Trauma wieder durchleben kann, wird ihm sein zweites genommen: Senator Keene zeigt Wade ein Video, in dem Adrian Veidt vor dem von ihm designierten Präsidenten Robert Redford zugibt, dass das Alien in New York eine Fälschung war. Seine Angst verschwindet.

Zuvor findet Wade für Angela heraus, dass es sich bei den Pillen aus dem Handschuhfach ihres Autos um Nostalgia handelt, ein Demenzmedikament, das Erinnerungen wiederherstellt. Auf Druck von Keene verrät er sie später an Laurie Blake, die seinen Schreibtisch abhört. In gewisser Weise kehrt Wade damit sein erstes Trauma um: Statt nackt von einer Frau stehengelassen zu werden, entblößt er nun seine Kollegin. Bevor Angela abgeführt wird, schluckt sie alle Pillen auf einmal und landet im Koma. Als Wade wieder nach Hause kommt, schmeißt er die Alarmanlage in den Müll, nur um sie sofort wieder herauszuholen. Sicher ist sicher. Aber kurz darauf kommt die Seventh Kavalry auf einen unangemeldeten Besuch vorbei.

Und was macht Adrian Veidt? Der lässt sich im Raumanzug ins All katapultieren und landet auf der kargen Oberfläche des Jupitermondes Europa, wo er aus den gefrorenen Leichen der Phillips- und Crookshanks-Klonen einen Hilferuf formt: „SAVE ME D“. Später stellt sich heraus, dass D für „daughter“ steht und eine Nachricht an Lady Trieu ist, ihn von Europa herunterzuholen. Dann wird er vom Game Warden wieder in die Gefangenschaft zurückgezogen und gefangen genommen.

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Watchmen 1.4: If You Don’t Like My Story, Write Your Own

„Freshest in Oklahoma“: Die Clarks verkaufen Eier – ohne Erfolg.

Es geht mal wieder um Eier. Diesmal in einem mehrfachen Sinn. Als zu Beginn der Episode das Watchmen-Logo erscheint, wird eine Eierschale aufgeschlagen. Dann sehen wir das Ehepaar Clark, das eine Farm betreibt und Eier an der Straße verkauft – „freshest in Oklahoma“, lautet der Werbespruch, doch das Geschäft läuft offenbar nicht gut. Am Ende des Tages gehen nur Eier zu Bruch. Trotzdem scheinen die Clarks eine glückliche Beziehung zu führen, sie sind „Islands in the Stream“, wie es in dem Song dazu heißt. Allerdings sind sie kinderlos, weil, wie man gleich erfahren wird, die Eizellen der Frau untauglich sind.

Dann erscheint nachts eine Frau, Lady Trieu, eine Billionärin, die in der Nähe eine große Uhr gebaut hat. Sie macht den Clarks ein Angebot, das sie nur schwer ablehnen können: Sie will ihr Grundstück erwerben. Die Clarks wollen zunächst nicht verkaufen. „Legacy is a big deal“, sagt Lady Trieu und stellt klar: „Legacy isn’t in land, it’s in blood.“ Ohne ein Kind haben die Clarks kein Vermächtnis, ihre Familie wird aussterben.

Trieu bietet ihnen ein Kind an – ihr eigenes, das Trieu bereits aus der DNA der Clarks geschaffen hat. Das Paar hat nicht einmal drei Minuten Zeit, sich zu entscheiden. Eine unfassbar übergriffige Handlung und Zumutung. Doch sobald das Paar das Kind in Händen hält, unterschreiben sie, ohne den Vertrag zu lesen. Kurz darauf landet etwas Glühendes auf ihrem Grundstück. Die Analogie zu Superman ist offensichtlich, auch wegen des Namens Clark.

Eichel statt Ei: Sister Night im Greenwood Centre. (HBO)

Um ein Famlienvermächtnis geht es auch bei Angela Abar. Sie findet im Greenwood Centre heraus, dass Will Reeves ihr Großvater ist und dass er ein Überlebender des Massakers von Tulsa 1922 ist. Sie zerstört daraufhin alle Beweismittel, entledigt sich des Rollstuhls, indem sie die zersägten Teile auf einen fahrenden Güterzug wirft. Dabei wird sie von einem Unbekannten im silbernen Ganzkörperanzug gesehen. Sie verfolgt ihn, er verschwindet dank Gleitmittel in der Kanalisation. „Lube Man“, heißt er, wie man später erfährt. Wer das ist, bleibt unklar, denn die Figur taucht nie wieder auf. In Peteypedia wird jedoch der Eindruck erweckt, dass es sich um FBI-Agent Petey handelt.

Dem Tod geweiht

Eine ganz andere Art der Fortpflanzung führt Adrian Veidt vor: Er holt Föten aus einem Teich und lässt sie in einer Maschine zu neuen Klonen von Mr. Phillips und Ms. Crookshanks heranwachsen. Dann katapultiert er sie  in den Himmel, wo sie spurlos zu verschwinden scheinen (tatsächlich aber im All sterben, wie man später erfährt). Der Geburtshelfer ist zugleich der Mörder. Das Leben der Klone ist nicht nur ein Dienst bis in den Tod, sondern auch einer zum Tode. Sie dienen Veidt als Leichen.

Ähnlich vergänglich sind auch die Squids, die vom Himmel fallen, nur dass ihr Tod sinnlos erscheint. Wade Tillman (Looking Glass) reflektiert in seinem Schutzbunker über die Tiere: „Poor bastards rained down on us from another dimension, propably just as confused as we are. Thirty seconds alive. And they spend all of it dyin’.“ Das Erbe des Monsters, das 1985 nach New York teleportiert wurde und den Tod von drei Millionen Menschen verursacht hat, ist das Massensterben vieler weiterer Miniaturausgaben seiner selbst – und ein tiefgehendes Trauma der Menschen, wie bei Wade.

Dass der Tod eine Sackgasse ist, erklärt Cal seinen Kindern: Menschen kommen aus dem Nichts und gehen wieder ins Nichts zurück, wenn sie sterben. Dieser Materialismus lässt das Vermächtnis in Form von Nachwuchs zwar wichtiger erscheinen, zugleich aber zeigt er in diesem Kontext die Vergeblichkeit allen Seins.  „It’s the truth“, sagt Cal, als er sich vor Angela für diese harte Lektion rechtfertigt. Sie hingegen lügt ihre Kinder über ihren Job als Polizistin an.

Traumata und Masken

Eine andere Form des Vermächtnisses spricht Laurie an: „People who wear masks are driven by trauma. They’re obsessed with justice because of some injustice they suffered usually when they were kids. Ergo the mask, it hides the pain.“

Angelas Trauma ist der Verlust ihrer Eltern. Lauries Trauma ist ihre Entstehung: Agent Petey erzählt daraufhin, dass Blakes Eltern der Comedian und Silk Spectre waren, und dass dieser versucht hat, sie zu vergwaltigen (Watchmen #2). Laurie spricht zuvor von einem „thermodynamic miracle“, einer wissenschaftlichen Art zu sagen: „it’s all connected“, bzw. einem sehr unwahrscheinlichen Zufall. Damit zitiert sie Dr. Manhattan, der Lauries Geburt als ein solches bezeichnet hat (Watchmen #9). Die Einsicht in das „Wunder“ ist es, das ihn vom Mars wieder auf die Erde zurückkehren lässt.

Am Ende verbinden sich die Erzählstränge von Lady Trieu und William Reeves, als sich herasstellt, dass sie zusammenarbeiten. Bei beiden geht es um die Familie: Lady Trieu hat eine Tochter, die tatsächlich ihre Mutter ist, Will will Angela ein Geheimnis offenbaren und befürchtet, dass sie ihn dafür hassen wird. Beide benutzen dazu, wie später klar wird, die Erinnerungspillen Nostalgia – angedeutet durch das Elefanten-Teeservice.

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Watchmen 1.3: She Was Killed by Space Junk

Laurie Blake (Jean Smart) in "Watchmen"

Laurie Blake (Jean Smart) in „Watchmen“ (HBO).

Eine Frau in einer blauen Telefonzelle mit Verbindung zum Mars. Sie wählt eine Nummer und erzählt einen langen Witz. „Dr. Manhattan is listening“, heißt es. Doch das bleibt offen, denn niemand antwortet.

Es ist ein Wiedersehen mit Laurie, nach Adrian Veidt die zweite Hauptfigur aus den Comics (Silk Spectre II), die in der TV-Serie auftaucht. Während sie spricht, sieht man ein Taxi heranfahren, aus dem Laurie aussteigt. Auf dem Dach eine Werbung für die TV-Serie American Hero Story: Minutemen. „Comedy begets tragedy“ lautet der Werbespruch, dazu sieht man das angedeutete Gesicht des Comedians, was Lauries Geschichte und Gegenwart andeutet, denn sie heißt nicht mehr Juspeczyk, aber auch nicht mehr Hollis, sondern Blake mit Nachnamen, wie ihr leiblicher Vater, der Comedian.  Laurie raubt jetzt, so scheint es zunächst, Banken aus. Doch schnell stellt sich heraus: Der Raub ist nur inszeniert, als Falle, um einen Vigilanten („Mr. Shadow“) zu schnappen. Als FBI-Agentin ist sie abgebrüht und offenbar immer noch verbittert, das Jagen von maskierten Rächern wirkt wie ein persönlicher Feldzug, eine Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit.

Laurie Blakes Nostalgie

Zu Hause lebt Laurie allein und pflegt die Nostalgie: An ihrer Wand hängt ein Gemälde im Pop-Art-Stil, das Dr. Manhattan, Nite Owl, Ozymandias und Silk Spectre zeigt, in einem Käfig hält sie eine Eule namens Who und füttert sie mit Mäusen. Da kommt Senator Joe Keene vorbei (Sohn von Senator Joseph David Keene), um Laurie zu bitten, den Mord an Jud Crawford aufzuklären. Er vermutet einen Vigilanten als Täter. Laurie hält offensichtlich nicht viel vom „Defense of Police Act“ (DOPA), mit dem Keene die Identität seiner Polizei in Tulsa schützt. „Masks save lives“, sagt Keene. Andere Städte wollen sich angeblich anschließen. Er bietet Laurie an, sollte er Präsident werden, ihre „Eule“ aus dem Käfig zu holen – wohl eine Andeutung, dass ihr Mann, Dan Dreiberg, im Gefängnis sitzt.

In der Dr-Manhattan-Telefonzelle (betrieben von Trieu) erzählt Laurie zunächst die Geschichte eines Maurers, der seiner Tochter sein Handwerk beibringen will – „because after all all the man has is its legacy“. Er baut einen perfekten Grill zusammenbaut, bis er feststellt, dass ein Ziegelstein übrig ist und er alles wieder vernichten will, um von vorn anzufangen. Doch dann nimmt die Tochter den Stein und wirft ihn in die Luft.

Laurie unterbricht die Erzählung und setzt zu einer neuen an. Drei Superhelden sterben und müssen sich vor Gott rechtfertigen: Nite Owl, Adrian Veidt, Dr. Manhattan. Ob sie Menschen getötet haben oder nicht, spielt keine Rolle: Sie kommen nach und nach alle in die Hölle. Schließlich taucht eine Frau auf. Auf die Frage, wer sie sei, sagt sie: „I’m the little girl who threw the brick in the air.“ Der Ziegelstein tötet Gott. „And where does god go when he dies? He goes to hell.“ Und dann wiederholt sie Rorschachs berühmte Worte, nachdem er seinen Pagliacci-Witz erzählt hat (und während der Tod des Comedians zu sehen ist):  „Roll on snare drum. Curtains. Good joke.“

Als die Zeit fast rum ist, wird Laurie persönlich. Es wird deutlich, dass sie immer noch Jon Osterman hinterhertrauert und die Hoffnung nicht aufgibt, dass er ihr zuhört. Aber sie hadert mit sich. Das wird auch in der Szene deutlich, als einen übergroßen blauen Dildo aus einem Koffer packt und dann sich anders besinnt und Sex mit ihrem Kollegen Agent Petey hat.

Zum Schluss fällt vor ihr Angela Abars Auto vom Himmel. Sie schaut nach oben, der Mars scheint zu leuchten. Sie lacht, denn das Ereignis erscheint wie eine Reaktion auf den Witz, den sie erzählt hat. Gott antwortet, indem er zurückwirft und sie fast tötet. Daher der Titel: „She was killed by space junk.“ (Ein Zitat aus dem Devo-Song Space Junk).

Anschlag auf Senator Keene

In Tulsa gibt Laurie die taffe FBI-Agentin: Als bei Crawfords Beerdigung ein Mitglied der Seventh Kavalry mit Sprengstoffweste auftaucht und Senator Keene bedroht, erschießt sie ihn, obwohl der Terrorist gesagt hat, dass die Bombe hochgeht, wenn sein Herz stillsteht. Und so passiert es auch. Angela schafft es gerade noch rechtzeitig, die Leiche ins Grab zu werfen und den Sarg darauf zu schieben.

Trotzdem hält Laurie keine großen Stücke auf die maskierten Polizisten, die behandelt sie herablassend. Einen Unterschied zwischen maskierten Polizisten und Vigilanten sieht sie nicht. Looking Glass wird von ihr notorisch „Mirror Guy“ genannt. Als Laurie Angela deutlich macht, dass sie sie durchschaut hat und weiß, dass sie etwas in Crawfords Schrank gefunden hat, lässt sich Angela nicht von ihr einschüchtern.

Gefangener Veidt

Adrian Veidt baut für Mr. Phillips einen Raumanzug, doch kurz darauf erfriert dieser darin. Noch ein Stück „Space Junk“, wie man später erfahren wird. Anschließed geht Veidt auf die Jagd und erlegt ein Bison, daraufhin wird er mit einem Schuss von dem maskierten Game Warden gewarnt. Eine Piratenflagge markiert seine Reviergrenze (vgl. Black Freighter, auch Laurie steigt im „Black Freighter Inn“ ab). Offenbar ist Veidt ein Gefangener. Doch er will nicht klein beigeben und weiterjagen. Demonstrativ zieht er sich sein altes Ozymandias-Kostüm an.

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Watchmen 1.2: Martial Feats of Comanche Horsemanship

„Comanche Feats of Horsemanship“ von George Catlin.

Angela bringt den alten Will zu ihrer Bäckerei. Er behauptet nicht nur, Jud Crawford erhängt zu haben, sondern auch, Angelas Großvater zu sein. Außerdem weist er sie darauf hin, dass der Polizeichef Leichen im Keller hat, oder genauer gesagt: „skeletons in his closet“. Und tatsächlich: Angela entdeckt später in Crawfords Schrank ein Geheimversteck mit einer Ku Klux Klan-Robe.

Nicht nur diese Szene erinnert an Watchmen #1, wenn Rorschach in Blakes Apartment das Kostüm des Comedian findet. Wir haben es mit einer ähnlichen Situation zu tun: Am Anfang steht der Mord an einem prominenten Verbrechensbekämpfer, der ein Doppelleben geführt hat. Sowohl Rorschach als auch Angela wollen nicht nur den Täter finden, sondern auch die Wahrheit.

„Skeletons in the closet“: Jud Crawfords Klansrobe. (HBO)

Angela überprüft auch Wills zweite Behauptung, indem sie eine DNA-Probe testen lässt und herausfindet, dass er tatsächlich ihr Großvater ist und ein Opfer des Massakers von Tulsa. Doch als sie Will verhaften will und ins Auto setzt, taucht aus dem Nichts ein unbekanntes Flugobjekt auf, das das Auto mit einem Elektromagneten in die Luft hebt und mitnimmt. Will scheint nicht verängstigt zu sein und lächelt Angela wissend an. Ihr fliegt das alte Propaganda-Flugblatt aus dem Ersten Weltkrieg zu, das die Deutschen einst an Schwarze Soldaten adressiert abgeworfen haben, und auf dessen Rückseite Wills Vater 1920 geschrieben hat: „Watch over this boy.“

Angela bekommt damit ihre Aufgabe zugewiesen: Sie wird zum „Watchman“ für ihren eigenen Großvater, jedoch ohne dass sie Gelegenheit dazu bekommt, der Aufgabe nachzukommen. Doch der scheint gut auf sich selbst aufpassen zu können. Er hat sich auch von den Handschellen befreit, mit denen Angela ihn in der Bäckerei gefesselt hat, und kocht sich Eier. Damit wird bereits zum zweiten Mal das Ei als Symbol verwendet, das in Episode 1 Angela zu einem Smiley geformt hat.

Passend dazu läuft im Abspann der Song „Egg Man“ von den Beastie Boys, in dem eine kurze Kulturgeschichte des Eis abgespult wird: vom Symbol des Lebens über Humpty Dumpty bis hin zur Frage „Which came first, the chicken or the egg?“, die in Episode 8 noch wichtig werden wird. Die Zeile „I’m the egg man“ ist ein Zitat aus I am the Walrus, das am Ende von Episode 9 läuft. Eine Zeile andere trifft das Thema der Serie : „You made the mistake and judge a man by his race.“

Der Anschlag während der „White Night“

In Crawfords Haus hängt das Gemälde Comanche Feats of Horsemanship von George Catlin (1834-1835). Es stellt die Kriegstechnik der Komantschen dar, sich beim Reiten seitlich vom Rücken des Pferdes zu rollen, um so Angriffen auszuweichen. (Angeblich ein Geschenk von Senator Joe Keene, der für den Keene-Act verantwortlich war. Sein Sohn, Senator Joe Keene Jr., taucht bei Crawfords Trauerfeier auf – als Freund der Familie.) Im Episodentitel wird daraus „Martial Feats„. Das Bild wird zum Symbol des Wegduckens, bzw. dem Verstecken der Superhelden nach dem Keene-Act sowie der Polizisten der Gegenwart nach dem Anschlag der „White Night“ an Weihnachten 2015, bei dem 40 Polizisten und ihre Familien von der Seventh Kavalry angegriffen, getötet oder schwer verletzt wurden – darunter auch Angela. Die „White Night“ wurde zum Anlass, dass Polizisten in Tulsa ihre Identität verbergen.

Adrian Veidts Schauspiel: „The Watchmaker’s Son“ (HBO)

Vom weißen Pferd im Bild wird auf das Pferd von Adrian Veidt geschnitten, der ausreitet und Tomaten von einem Baum pflückt, jedoch nicht zufrieden mit den Früchten zu sein scheint. Daraufhin führt er mit seinen beiden Dienern Phillips und Crookshanks sein selbst verfasstes Theaterstück „The Watchmaker’s Son“, das Jon Ostermans Wandlung zu Dr. Manhattan nacherzählt. In der Szene, in der Jon desintegriert wird, verbrennt Phillips tatsächlich in der Kammer. Es stellt sich heraus, dass er nur ein Klon von vielen ist – genauso wie Crookshanks. Der völlig ungerührte Veidt entreißt zum Schluss dem Leichnam die Uhr, die Phillips für ihn zusammengesetzt hat. Auch sonst niemanden scheint der Mord zu kümmern. Das Personal bleibt Veidt treu.

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Watchmen 1.1: It’s Summer and We’re Running Out of Ice

HBO

Zehn Jahre nach Zack Snyders Watchmen-Film hat Daniel Lindelof den Stoff als TV-Serie für HBO adaptiert. Lindelof war bereits für wegweisende Serien wie Lost und The Leftovers verantwortlich und hat an  den Drehbüchern zu Prometheus und Star Trek Into Darkness mitgewirkt.

HBOs Watchmen soll nach Lindelofs Worten ein Remix sein. Und was damit gemeint ist, wird schon in der ersten Folge deutlich. Es ist nicht nur eine Fortsetzung, sondern es finden sich dort auch viele Motive aus der Comicvorlage wieder, die neu angeordnet werden.

Wie schon der Comic ist die Serie angelegt in der Gegenwart. Spielte der das Original 1985, ist es jetzt 2019. US-Präsident ist jetzt Robert Redford. Der Schauplatz ist statt New York die Stadt Tulsa in Oklahoma. „The Future is Bright“, verkündet ein Schildträger, aber das scheint nur an der Oberfläche zu sein. Der Frieden ist fragil.

Adrian Veidts falsches Alien, der „Space Squid“, ist nicht als Betrug aufgeflogen, auch wenn Verschwörungstheoretiker davon ausgehen, dass alles nur von der Regierung inszeniert war. In der Schule lernt man die Anatomie der „Squids“. Hin und wieder regnet es kleine „Squids“, die aber Menschen nicht weiter beschäftigen. Sie werden einfach nur von den Windschutzscheiben der Autos gewischt und lösen sich von selbst auf. Allerdings ist später auf einer Zeitungsseite zu lesen, dass einer dieser „squid showers“ zwei Obdachlose getötet hat.

Größtes gesellschaftliches Problem: Rassismus

Statt des drohenden Dritten Weltkriegs, der das Ende der Welt bedeuten könnte, verhandelt die Serie ein innenpolitisches Problem, das (nicht nur) die US-Amerikaner bis heute spaltet: den Rassismus. Die Polizei von Tulsa kämpft gegen die Seventh Kavalry, eine Gruppe von Rassisten (white supremacists), die Rorschach-Masken tragen und meinen, nach dessen Vorbild zu leben. So zitieren sie bei ihren Versammlungen in einer Kirche aus seinem Tagebuch, das wohl vom rechten Hetzblatt New Frontiersman publiziert worden ist: „Dog carcass in the highway last night …“, heißt es in einem Propaganda-Video. In der neuen Fassung sind es Huren und „race traitors“, die um Rettung schreien. „We are no one, we are everyone, and we are invisible.“

Die Seventh Kavalry hat in der White Night vor drei Jahren Polizisten ermordet. Seitdem sind ihre Mitglieder untergetaucht. Im Trailerpark „Nixonville“ sind die Rechten zuhause. Rechtsextreme wüten auch in New York: Die Freiheitsstatue musste nach Vandalismus durch den Ku Klux Klan gesperrt werden.

Polizisten sind die neuen Vigilanten

Die neuen „Watchmen“ sind keine Superhelden, sondern Polizisten. Es ist die logische Weiterentwicklung des Keene-Acts von 1977, der maskierte Vigilanten für illegal erklärte: Polizisten greifen nun selbst zur Maske, um ihre Identitäten zu schützen. Sie treten im Dienst anonym auf, für ihr Zivilleben haben sie Tarnidentitäten. Ihr Waffeneinsatz ist streng limitiert. Er muss von Fall zu Fall beantragt und freigegeben werden, wenn eine unmittelbare Gefahr für ihr Leben besteht. Bei den Polizeiversammlungen stellt der Chief die zentrale titelgebende Frage: „Quis custodiet ipsos custodes?“ – Who watches the watchmen? Die Polizisten antworten unisono: „Nos custodimus!“ – Die Wächter bewachen sich selbst.

Die Detectives tragen keine Uniformen, sondern individuelle Kostüme. Die Hauptfigur ist Angela Abar alias Sister Night, die eine Art Nonnentracht trägt. Angela hat eine Tarnidentität als Bäckerin und zieht zusammen mit ihrem Mann Cal drei Kinder groß. Geboren wurde sie in Vietnam, das seit dem Ende des Krieges der 51. Staat der USA ist. Vor einer Schulklasse erzählt sie, dass sie früher Polizistin gewesen sei, bis sie bei der „White Night“ angegriffen wurde.

Wiedergänger Rorschachs: Looking Glass (HBO).

Begleitet wird sie von ihrem Kollegen  Looking Glass (Wade Tillman), der eine reflektierende Maske trägt.  Er führt Verhöre durch, bei denen er bestimmen kann, ob jemand lügt. Der Name Looking Glass wird dabei wörtlich genommen. Seine spiegelnde Maske ist ein „schauendes Glas“, eines das auf den Betrachter zurückschaut – eine deutliche Parallele zu den Mustern auf Rorschachs Maske (und natürlich eine Anspielung auf Through the Looking Glass/Alice hinter den Spiegeln). Nicht zufällig trägt er sie in der ersten Szene nur übers halbe Gesicht, und nicht zufällig sagt Polizeichef Jud Crawford zu ihm, er solle sich sein „Gesicht“ überziehen – so nennt auch Rorschach seine Maske in Watchmen.

Historisches Massaker von Tulsa

Die Handlung setzt ein mit einer Rückblende ins Jahr 1921. Will, ein schwarzer Junge, sieht sich im Kino einen Stummfilm über Bass Reeves an, den „Black Marshall of Oklahoma“, einen maskierten Rächer, der ebenfalls einen Stern trägt. Reeves bringt in der Filmszene einen weißen Sheriff zur Strecke, der Vieh gestohlen haben soll. Eine weiße Gemeinde kommt aus der Kirche und verlangt, den bösen Sheriff zu hängen. Aber Reeves entgegnet: „There will be no mob justice today. Trust in the law.“ Er steht im Dienste des Gesetzes. Will findet sein Vorbild, um später als Polizist nach dem Gesetz zu handeln.

Bass Reeves, The Black Marshall of Oklahoma (HBO).

Das Gesetz ist zunächst jedoch nicht auf seiner Seite: Die Vorstellung wird von einer Explosion unterbrochen. Auf der Straße verübt der Ku Klux Klans ein Massaker an Schwarzen. Wills Vater bringt seinen Sohn in eine Kutsche mit schwarzen Flüchtlingen. Nachts findet er sich allein auf der Straße mit einem Baby wieder: Die anderen wurden ermordet. Das Tulsa-Massaker ist das größte gegen Schwarze gerichtete Pogrom der USA. Nach Schätzungen wurden bis zu 300 Menschen getötet, davon wurden aber nur 56 bestätigt. Etwa 800 weitere sollen verletzt worden sein.

Polizeiarbeit im Zeichen der Eule

Im September 2019 wird Officer Sutton bei einer Autokontrolle von einem Anhänger der Seventh Kavalry erschossen. Sister Night entführt daraufhin einen Mann aus Nixonville, Looking Glass verhört ihn in und schließlich foltert ihn Sister Night, bis er ihr verrät, wo sich der Mörder befindet. Nach ihrem Folter-Verhör sieht man, wie einst bei Rorschach, Blut und Wasser unter einer Tür hindurchfließen.

Die Spur führt zu einer Rinderfarm. Dort werden die Polizisten schwer beschossen. Als sie ins Haus eindringen, schlucken zwei Mitglieder der Seventh Kavalry Selbstmordpillen. Die Szene erinnert an die Sequenz aus Watchmen #5, in der Adrian Veidt seinem Attentäter eine solche Kapsel in den Mund steckt, aber so tut, als hätte dieser sie selbst genommen. Crawford fliegt in einem „Owl Ship“. (Bereits zuvor sieht man eine Eulentasse und ein Exemplar von Hollis Masons Under the Hood in seinem Büro.)

„Poor Jud is Dead“: Am Anfang ist der Blutstropfen.

Die Familie Abar pflegt ein freundschaftliches Verhältnis zu der von Polizeichef Crawford. Ursprünglich wollte sie sich gemeinsam das Musical Oklahoma! ansehen. Nach einem gemeinsamen Essen findet Angela ihren Chef tot an einem Strick hängen. Blut tropft auf sein Polizeiabzeichen, wie einst auf den Button des Comedian. Daneben sitzt der alte Will in seinem Rollstuhl und behauptet, er habe Crawford selbst erhängt. Zum Schluss sehen wir, wie ein Blutstropfen auf Crawfords Polizeimarke fällt – ganz im Stil des Smiley-Buttons im Comic.

Eigelb vs. Eiweiß

Das Smiley-Symbol wird bereits in Angelas erster Szene eingeführt, wenn sie ihn beim Backen im Schulunterricht aus Eigelben formt. Interessanterweise erklärt sie dabei aber die Funktion von Eiweiß als Bausteine von Eischnee, der auf keinen Fall mit Eigelb kontaminiert sein darf, weil er sonst nicht stabil bleibt. Dazu sieht man zunächst Satellitenbilder vom Mars, die ein Anwesen zeigen, das aus Sand gebaut zu sein scheint und dann wieder in sich zusammenfällt – eine Sandburg. Hier scheint Dr. Manhattan am Werk zu sein.

Ein Smiley aus Eigelb. (HBO)

„If we don’t have walls it all comes tumblin down“, sagt Angela. Gelb und Weiß müssen also getrennt werden. Führt man sich vor Augen, dass die Masken der Polizisten gelb sind und die der Seventh Kavalry (überwigegend) weiß, scheint die Symbolik klar zu sein, bleibt aber mehrdeutig: Die Polizei muss einerseits zu ihrem eigenen Schutz vom Rest der Bevölkrung getrennt werden, kann aber zugleich das Konstrukt der White Supremacists zum Einsturz bringen.

Ozymandias ist gefangen

Adrian Veidt (Jeremy Irons) wird offiziell für tot erklärt, heißt es in der Zeitung. Tatsächlich lebt er in einem prächtigen Anwesen und schreibt ein Theaterstück, eine Tragödie „The Watchmaker’s Son“. Er lässt von seinen zwei Angestellten, Mr. Phillips und Mrs. Crookshanks, seinen Jahrestag feiern. Phillips schenkt ihm eine alte Uhr. Wie sich später herausstellt, lebt Veidt dort nicht freiwillig, sondern ist gefangen.

Die Serie adaptiert sogar das Prinzip des Comics-im-Comic als Serie-in-Serie: American Hero Story erzählt die Geschichte der Minutemen im Fernsehen nach. Damit bewegt sich Watchmen auch in der Tradition von Twin Peaks, in der es mit der Soap „Invitation to Love“ ebenfalls eine Serie-in-der-Serie gibt, in der sich Ereignisse der Haupthandlung wiederspiegeln. Hier dient American Hero Story eher dazu, einen Kontrast zur Serienhandlung herzustellen: Fakt und Fiktion bzw. Mythos gehen weit auseinander.

Der Titel der Folge  „It’s Summer and We’re Running Out of Ice“ stammt aus dem Lied „Poor Jud is Daid“ des Oklahoma!-Musicals, das in der Folge gezeigt wird. In dem Song heißt es, dass der Leichnam nicht ‚frischgehalten‘ werden kann, weil das Eis im Sommer schmilzt. Zugleich deutet der Titel voraus: Da die Abkühlung fehlt, steht ein heißer Sommer bevor.

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