Doomsday Clock #10: Action

DC Comics

Privatdetektiv Nathaniel Dusk (Carver Colman) liegt am Boden. Der Fuß seines Freundes und Polizisten Murray Abrahams auf ihm. Vor ihm liegt der König eines Schachspiels. Hinter ihm steht eine Frau, die sich auf der ersten Seite als Joyce herausgestellt hat, die Frau, die Dusk einst geliebt hat und die scheinbar von ihrem Mann, dem Gangster Costillino ermordet wurde. Nun muss Dusk feststellen, dass sein Freund der Mörder der beiden Schachspieler ist und mit sich mit Joyce gegen ihn verschworen hat.

„Did you ever love me?“, fragt er sie. Doch dieser dramatischste Moment wird unterbrochen durch die Realität: Dem Schauspieler Carver Colman ist der Text entfallen. Wir befinden uns nicht mehr im Film The Adjournment, sondern am Set. Es ist der 8. Juni 1954, der letzte Drehtag des Films, wie wir von Dr. Manhattan erfahren.

Action! Carver Colman zum letzten Mal als Nathaniel Dusk.

Colman ist nicht auf der Höhe. 13 Takes hat er für die Szene schon verbraucht. Er hat Kopfschmerzen. Sein Regisseur verliert die Geduld, will morgen weitermachen. Aber Colman will heute fertigwerden, weil er weiß (oder zumindest ahnt), dass er morgen sterben wird. Nach Drehschluss wird Colman von seiner Mutter in einer Bar aufgesucht. Sie erpresst ihn, seine wahre Herkunft der Öffentlichkeit preiszugeben.

Welt aus Glas: Nathaniel Dusk wehrt sich.

In der letzten Filmszene öffnet Dusk das Weihnachtsgeschenk von Joyce, das er vor ihrem scheinbaren Tod erhalten hat. Es ist eine gläserne Weltkugel darin. Joyce spielt damit auf Dusks Worte an, dass es sich mit ihr anfühle, als seien sie allein auf der Welt. Er benutzt die Kugel als Waffe gegen Murray. Sie zerbricht. Einerseits ist damit der nahende Weltuntergang in Doomsday Clock symbolisiert, andererseits erinnert sie an ein mehrmals verwendetes Symbol in Watchmen #9: Laurie Jupiter zerbricht zuerst die Schneekugel, dann den Nostalgia-Flakon und schließlich Jons gläserne Festung auf dem Mars. „Worlds live. Worlds die. Nothing lasts forever. Or does it?“, fragt sich Dr. Manhattan. Aus Jons „Nothing ever ends“ und „Everything ends“ ist nun eine Unschlüssigkeit geworden.

In der Folge erzählt Jon Carver Colmans Geschichte nach und erklärt seine Bedeutung für die Geschichte. Anders als der Held aus Tales of the Black Freighter ist nämlich nicht nur die Fiktion, der Film The Adjournment, von allegorischer Bedeutung, sondern auch der Schauspieler wird zu einer Figur in der Haupthandlung. Fiktion und Realität überschneiden sich. Davon handelt dieses Kapitel.

Carver Colman stammt aus Philadelphia, wo seine Mutter vor Männern tanzt und sich prostituiert. Als junger Mann flieht er nach Los Angeles, wird Bote in den Paramount Studios, verliert aber seinen Job und landet auf der Straße. Nachdem er von Polizisten geschlagen wird, erscheint Dr. Manhattan und hilft ihm. Einer der Polizisten stirbt. „Are you an angel?“, fragt Carver. Jon verneint. Später, als sie zusammen in einem Diner sitzen, fragt er: „Are you God?“

Jon ist aber alles andere als allmächtig. Er kann in dem Moment nicht in die Zukunft sehen. „I need something to focus on.“ Carver Colman wird für ihn zum Anker, um in die Zukunft schauen zu können. Er sieht, dass ein Jahr später ein Schauspieler aus ihm wird, noch später Nathaniel Dusk und schließlich Oscarpreisträger. Jon verrät ihm 1954, dass er bald sterben wird. Doch die Welt um ihn herum hat ebenfalls einen Anker.

Superman als Mittelpunkt des Multiversums

Action Comics werden wahr: Supermans erster Auftritt.

Es ist der 18. April 1938. Carvers Welt ist auch die Welt von Superman. An diesem Datum trat er zum ersten Mal öffentlich auf. (Es ist auch der Erscheinungstermin von Action Comics #1, der ersten Superman-Story.) Zuerst hört er davon im Radio: Ein geheimnisvoller Mann im Ringer-Kostüm und mit Cape soll ein Auto angehoben haben. Gemeint ist das grüne Auto vom ikonischen Coverbild von Action Comics #1.

Dr. Manhatten erkennt Superman als Zentrum des Multiversums.

Dr. Manhattan rekapituliert daraufhin die Helden, die kurz nach ihm kamen: Green Lantern (Alan Scott), Flash (Jay Garrick), Hawkman (Carter Hall), Atom (Al Pratt), Dr. Fate (Kent Nelson), Sandman (Wesley Dodds), Spectre (Jim Corrigan) und Hourman (Rex Tyler). Zusammen mit Johnny Thunder (Thunderbolt) bildeten sie die Justice Society of America. Das erste Superheldenteam.

Die Justice Society of America formiert sich.

Jon verschiebt die Ankunft Supermans auf 1956, dann auf 1986, dann noch einmal. Wir sehen die verschiedenen Superman-Origins aus den Comics im Laufe der Zeit, bis zur Version von The New 52 (2011). Und Jon stellt fest: Jedes Mal richtet sich die Geschichte nach diesem Ereignis aus. Superman wird zum Dreh- und Angelpunkt dieses Universums, das Zentrum des Multiversums ist. Jon nennt es das Metaverse:

„The Multiverse reacts to this universe. There habe been endless parallel worlds, non, fifty-two, dark multiverses, all created by changes to this universe. This universe stands apart from the multiverse. It is the Metaverse. And it is in a constant state of change.“

In der letzten Version sterben Supermans Eltern bei einem Autounfall (siehe Doomsday Clock #1). Diese Version scheint Jon am besten zu gefallen, weil er eine Nähe zu sich sieht: „Without his parents or the legion, Clark grows more distant from humanity. I understand him better. I relate to him more.“ Doch das Metaverse bemerkt Dr. Manhattans Manipulation, die er selbst Hybris nennt, und wehrt sich dagegen, bis schließlich Superman selbst Jon angreifen wird. „He has found me. And he destroys me. Or I destroy the Metaverse.“

Verschiedene Versionen derselben Geschichte: Supermans Origins im Wandel der Zeit.

Es läuft auf eine Konfrontation der Antipoden hinaus. „I am a being of inaction“, sagt er und spielt darauf an, dass er tatenlos dem Mord an Carver Colman durch dessen eigene Mutter zugesehen hat, ebenso wie 1971 in Vietnam, als der Comedian eine Schwangere erschoss. 1985 hat er Adrian davonkommen lassen. Jetzt sei Jon „on a collision course with a man of action.“

Bemerkenswert ist, dass Jon seine Manipulation des Metaverse anscheinend nicht als Handlung begreift. Jedenfalls nicht in einer Weise, die ihn moralisch beschäftigt. Für ihn scheint alles nur eine Art Experiment zu sein, dessen Ausgang er mit Neugier verfolgt. Dass seine Handlung Folgen hat, scheint auch Jon zu begreifen, als er feststellt: „To this universe of hope… I have become the villain.“ Daraufhin wacht Superman auf. „Every action has it’s pleasures and its price“, heißt es am Ende in einem Sokrates-Zitat. Wie hoch dieser ist, das weiß Jon selbst noch nicht.

„It’s not who wins or loses. It’s how you played the game“, lautet jedenfalls Nathaniel Dusks Moral von der Geschicht am Ende von The Adjournment. Wie die letzte Szene ausgeht, erfahren die Leser erst auf der letzten Seite, aber vollständig erst im Anhang auf den letzten Drehbuchseiten: Dusk hat den Fall längst gelöst und die Polizei gerufen. Murray schießt ihn an, aber Dusk überlebt. Murray und Joyce werden festgenommen.

Metaverse integriert Realität im Comic

Mit dem Konzept des Metaverse in Doomsday Clock #10 erklärt Autor Geoff Johns den Wandel des DC-Universums, das im Laufe von acht Jahrzehnten immer wieder verändert und neu geordnete wurde, in einer Metageschichte, die reale Publikationsgeschichte in eine Comic-Welt integriert. Was einst dem Zeitgeist, den Entscheidungen von Redakteuren und Autoren geschuldet war, wird nun zur Willkür eines übermächtigen Wesens, das Raum und Zeit manipuliert.

Das Metaverse wird zu dem erklärt, was es für die Comicleser immer schon war: das Zentrum eines komplexen Comicuniversums, das mit Superman, dem ersten Superhelden, seinen Mittelpunkt hat und sich ständig weiterentwickelt. Bereits in der Welt von Watchmen gibt es Superman, allerdings nur als Comicfigur. Der Zeitungsverkäufer Bernie spricht einmal von ihm, aber auch Hollis Mason lässt sich von Action Comics #1 dazu inspirieren, selbst zum kostümierten Helden zu werden.

Mit dem Metaverse wird nicht nur die Welt Watchmen ins DC-Universum integriert, sondern die Realität selbst.

2 Gedanken zu “Doomsday Clock #10: Action

  1. Pingback: Doomsday Clock #11: A Lifelong Mistake | Watching the Watchmen

  2. Pingback: Doomsday Clock #12: Discouraged of Man | Watching the Watchmen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s