Watchmen 1.1: It’s Summer and We’re Running Out of Ice

HBO

Zehn Jahre nach Zack Snyders Watchmen-Film hat Daniel Lindelof den Stoff als TV-Serie für HBO adaptiert. Lindelof war bereits für wegweisende Serien wie Lost und The Leftovers verantwortlich und hat an  den Drehbüchern zu Prometheus und Star Trek Into Darkness mitgewirkt.

HBOs Watchmen soll nach Lindelofs Worten ein Remix sein. Und was damit gemeint ist, wird schon in der ersten Folge deutlich. Es ist nicht nur eine Fortsetzung, sondern es finden sich dort auch viele Motive aus der Comicvorlage wieder, die neu angeordnet werden.

Wie schon der Comic ist die Serie angelegt in der Gegenwart. Spielte der das Original 1985, ist es jetzt 2019. US-Präsident ist jetzt Robert Redford. Der Schauplatz ist statt New York die Stadt Tulsa in Oklahoma. „The Future is Bright“, verkündet ein Schildträger, aber das scheint nur an der Oberfläche zu sein. Der Frieden ist fragil.

Adrian Veidts falsches Alien, der „Space Squid“, ist nicht als Betrug aufgeflogen, auch wenn Verschwörungstheoretiker davon ausgehen, dass alles nur von der Regierung inszeniert war. In der Schule lernt man die Anatomie der „Squids“. Hin und wieder regnet es kleine „Squids“, die aber Menschen nicht weiter beschäftigen. Sie werden einfach nur von den Windschutzscheiben der Autos gewischt und lösen sich von selbst auf. Allerdings ist später auf einer Zeitungsseite zu lesen, dass einer dieser „squid showers“ zwei Obdachlose getötet hat.

Größtes gesellschaftliches Problem: Rassismus

Statt des drohenden Dritten Weltkriegs, der das Ende der Welt bedeuten könnte, verhandelt die Serie ein innenpolitisches Problem, das (nicht nur) die US-Amerikaner bis heute spaltet: den Rassismus. Die Polizei von Tulsa kämpft gegen die Seventh Kavalry, eine Gruppe von Rassisten (white supremacists), die Rorschach-Masken tragen und meinen, nach dessen Vorbild zu leben. So zitieren sie bei ihren Versammlungen in einer Kirche aus seinem Tagebuch, das wohl vom rechten Hetzblatt New Frontiersman publiziert worden ist: „Dog carcass in the highway last night …“, heißt es in einem Propaganda-Video. In der neuen Fassung sind es Huren und „race traitors“, die um Rettung schreien. „We are no one, we are everyone, and we are invisible.“

Die Seventh Kavalry hat in der White Night vor drei Jahren Polizisten ermordet. Seitdem sind ihre Mitglieder untergetaucht. Im Trailerpark „Nixonville“ sind die Rechten zuhause. Rechtsextreme wüten auch in New York: Die Freiheitsstatue musste nach Vandalismus durch den Ku Klux Klan gesperrt werden.

Polizisten sind die neuen Vigilanten

Die neuen „Watchmen“ sind keine Superhelden, sondern Polizisten. Es ist die logische Weiterentwicklung des Keene-Acts von 1977, der maskierte Vigilanten für illegal erklärte: Polizisten greifen nun selbst zur Maske, um ihre Identitäten zu schützen. Sie treten im Dienst anonym auf, für ihr Zivilleben haben sie Tarnidentitäten. Ihr Waffeneinsatz ist streng limitiert. Er muss von Fall zu Fall beantragt und freigegeben werden, wenn eine unmittelbare Gefahr für ihr Leben besteht. Bei den Polizeiversammlungen stellt der Chief die zentrale titelgebende Frage: „Quis custodiet ipsos custodes?“ – Who watches the watchmen? Die Polizisten antworten unisono: „Nos custodimus!“ – Die Wächter bewachen sich selbst.

Die Detectives tragen keine Uniformen, sondern individuelle Kostüme. Die Hauptfigur ist Angela Abar alias Sister Night, die eine Art Nonnentracht trägt. Angela hat eine Tarnidentität als Bäckerin und zieht zusammen mit ihrem Mann Cal drei Kinder groß. Geboren wurde sie in Vietnam, das seit dem Ende des Krieges der 51. Staat der USA ist. Vor einer Schulklasse erzählt sie, dass sie früher Polizistin gewesen sei, bis sie bei der „White Night“ angegriffen wurde.

Wiedergänger Rorschachs: Looking Glass (HBO).

Begleitet wird sie von ihrem Kollegen  Looking Glass (Wade Tillman), der eine reflektierende Maske trägt.  Er führt Verhöre durch, bei denen er bestimmen kann, ob jemand lügt. Der Name Looking Glass wird dabei wörtlich genommen. Seine spiegelnde Maske ist ein „schauendes Glas“, eines das auf den Betrachter zurückschaut – eine deutliche Parallele zu den Mustern auf Rorschachs Maske (und natürlich eine Anspielung auf Through the Looking Glass/Alice hinter den Spiegeln). Nicht zufällig trägt er sie in der ersten Szene nur übers halbe Gesicht, und nicht zufällig sagt Polizeichef Jud Crawford zu ihm, er solle sich sein „Gesicht“ überziehen – so nennt auch Rorschach seine Maske in Watchmen.

Historisches Massaker von Tulsa

Die Handlung setzt ein mit einer Rückblende ins Jahr 1921. Will, ein schwarzer Junge, sieht sich im Kino einen Stummfilm über Bass Reeves an, den „Black Marshall of Oklahoma“, einen maskierten Rächer, der ebenfalls einen Stern trägt. Reeves bringt in der Filmszene einen weißen Sheriff zur Strecke, der Vieh gestohlen haben soll. Eine weiße Gemeinde kommt aus der Kirche und verlangt, den bösen Sheriff zu hängen. Aber Reeves entgegnet: „There will be no mob justice today. Trust in the law.“ Er steht im Dienste des Gesetzes. Will findet sein Vorbild, um später als Polizist nach dem Gesetz zu handeln.

Bass Reeves, The Black Marshall of Oklahoma (HBO).

Das Gesetz ist zunächst jedoch nicht auf seiner Seite: Die Vorstellung wird von einer Explosion unterbrochen. Auf der Straße verübt der Ku Klux Klans ein Massaker an Schwarzen. Wills Vater bringt seinen Sohn in eine Kutsche mit schwarzen Flüchtlingen. Nachts findet er sich allein auf der Straße mit einem Baby wieder: Die anderen wurden ermordet. Das Tulsa-Massaker ist das größte gegen Schwarze gerichtete Pogrom der USA. Nach Schätzungen wurden bis zu 300 Menschen getötet, davon wurden aber nur 56 bestätigt. Etwa 800 weitere sollen verletzt worden sein.

Polizeiarbeit im Zeichen der Eule

Im September 2019 wird Officer Sutton bei einer Autokontrolle von einem Anhänger der Seventh Kavalry erschossen. Sister Night entführt daraufhin einen Mann aus Nixonville, Looking Glass verhört ihn in und schließlich foltert ihn Sister Night, bis er ihr verrät, wo sich der Mörder befindet. Nach ihrem Folter-Verhör sieht man, wie einst bei Rorschach, Blut und Wasser unter einer Tür hindurchfließen.

Die Spur führt zu einer Rinderfarm. Dort werden die Polizisten schwer beschossen. Als sie ins Haus eindringen, schlucken zwei Mitglieder der Seventh Kavalry Selbstmordpillen. Die Szene erinnert an die Sequenz aus Watchmen #5, in der Adrian Veidt seinem Attentäter eine solche Kapsel in den Mund steckt, aber so tut, als hätte dieser sie selbst genommen. Crawford fliegt in einem „Owl Ship“. (Bereits zuvor sieht man eine Eulentasse und ein Exemplar von Hollis Masons Under the Hood in seinem Büro.)

„Poor Jud is Dead“: Am Anfang ist der Blutstropfen.

Die Familie Abar pflegt ein freundschaftliches Verhältnis zu der von Polizeichef Crawford. Ursprünglich wollte sie sich gemeinsam das Musical Oklahoma! ansehen. Nach einem gemeinsamen Essen findet Angela ihren Chef tot an einem Strick hängen. Blut tropft auf sein Polizeiabzeichen, wie einst auf den Button des Comedian. Daneben sitzt der alte Will in seinem Rollstuhl und behauptet, er habe Crawford selbst erhängt. Zum Schluss sehen wir, wie ein Blutstropfen auf Crawfords Polizeimarke fällt – ganz im Stil des Smiley-Buttons im Comic.

Eigelb vs. Eiweiß

Das Smiley-Symbol wird bereits in Angelas erster Szene eingeführt, wenn sie ihn beim Backen im Schulunterricht aus Eigelben formt. Interessanterweise erklärt sie dabei aber die Funktion von Eiweiß als Bausteine von Eischnee, der auf keinen Fall mit Eigelb kontaminiert sein darf, weil er sonst nicht stabil bleibt. Dazu sieht man zunächst Satellitenbilder vom Mars, die ein Anwesen zeigen, das aus Sand gebaut zu sein scheint und dann wieder in sich zusammenfällt – eine Sandburg. Hier scheint Dr. Manhattan am Werk zu sein.

Ein Smiley aus Eigelb. (HBO)

„If we don’t have walls it all comes tumblin down“, sagt Angela. Gelb und Weiß müssen also getrennt werden. Führt man sich vor Augen, dass die Masken der Polizisten gelb sind und die der Seventh Kavalry (überwigegend) weiß, scheint die Symbolik klar zu sein, bleibt aber mehrdeutig: Die Polizei muss einerseits zu ihrem eigenen Schutz vom Rest der Bevölkrung getrennt werden, kann aber zugleich das Konstrukt der White Supremacists zum Einsturz bringen.

Ozymandias ist gefangen

Adrian Veidt (Jeremy Irons) wird offiziell für tot erklärt, heißt es in der Zeitung. Tatsächlich lebt er in einem prächtigen Anwesen und schreibt ein Theaterstück, eine Tragödie „The Watchmaker’s Son“. Er lässt von seinen zwei Angestellten, Mr. Phillips und Mrs. Crookshanks, seinen Jahrestag feiern. Phillips schenkt ihm eine alte Uhr. Wie sich später herausstellt, lebt Veidt dort nicht freiwillig, sondern ist gefangen.

Die Serie adaptiert sogar das Prinzip des Comics-im-Comic als Serie-in-Serie: American Hero Story erzählt die Geschichte der Minutemen im Fernsehen nach. Damit bewegt sich Watchmen auch in der Tradition von Twin Peaks, in der es mit der Soap „Invitation to Love“ ebenfalls eine Serie-in-der-Serie gibt, in der sich Ereignisse der Haupthandlung wiederspiegeln. Hier dient American Hero Story eher dazu, einen Kontrast zur Serienhandlung herzustellen: Fakt und Fiktion bzw. Mythos gehen weit auseinander.

Der Titel der Folge  „It’s Summer and We’re Running Out of Ice“ stammt aus dem Lied „Poor Jud is Daid“ des Oklahoma!-Musicals, das in der Folge gezeigt wird. In dem Song heißt es, dass der Leichnam nicht ‚frischgehalten‘ werden kann, weil das Eis im Sommer schmilzt. Zugleich deutet der Titel voraus: Da die Abkühlung fehlt, steht ein heißer Sommer bevor.

>> Watchmen-Episodenliste

6 Gedanken zu “Watchmen 1.1: It’s Summer and We’re Running Out of Ice

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